Wo Menschen in Scharen mit Posterrollen aus dem Museum treten, da ist Felix-Gonzalez-Torres nicht weit. Die Papierstapel sind sein Markenzeichen geworden, ebenso wie die glitzernden Bonbonberge und die Lichterketten aus einfachen Glühbirnen. Plakate und die Süßigkeiten darf man mitnehmen, das Museum muss für endlosen Nachschub sorgen. Die Besucher "partizipieren" an der Kunst, wie es im Theoretikerjargon so schön heißt. Das mag banal klingen, ist es aber nicht. Denn Gonzalez-Torres, der 1996, erst 38-jährig, an Aids starb, hat mit einfachen Mitteln Kunstwerke geschaffen, deren universale Deutungsmöglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Jeder Betrachter, jeder Kurator oder Besitzer schafft sich seinen eigenen Gonzalez-Torres. So hatte es der Künstler vorgesehen und mit Bedacht vorbereitet. Dass es bis heute funktioniert, gehört zu seinem Mysterium; und wandert man durch die Berliner Ausstellung, fragt man sich immer wieder, worin denn die Ausstrahlung des Exil-Kubaners eigentlich liegt. Ist es die Reduktion auf das Nötigste, dass einen die schlichten blauen Streifen auf weißem Papier, die eher unspektakulären Wolken- und Meeresfotos oder die kleinen aufgeklebten Delphine anrühren? Wie schaffte es Gonzalez-Torres mit seinen oft simplen Kunstgriffen eine Aura zu erzeugen, die immer noch wirkt?
Schon vor seinem Tod stieg er zum Kultkünstler der internationalen Szene auf, mittlerweile wird er in einer Weise verklärt, die ihm indessen wohl selbst etwas unheimlich wäre. Unzählige Epigonen haben Ähnliches versucht und sind doch kläglich gescheitert. Was also macht all die Papierstapel, die Bonbons und Lichtgirlanden, die schlichten Fotografien, Worttafeln und Schriftfriese so unverwechselbar? All das lässt sich jetzt in einer Berliner Retrospektive ergründen. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Kreuzberg hat die Ausstellung erarbeitet, im Hamburger Bahnhof bildet sie eine der Attraktionen des Berliner Kunstherbstes.
Reagan in Bitburg
Sozial und politisch grundierte Installationen, Werke, bei denen der Entstehungskontext eine wichtige Rolle spielt, verlieren oft an Kraft, wenn sie posthum in blitzsauberen Galerien eingerichtet werden. Man denke nur an Beuys. Bei Gonzalez-Torres tritt dieser Effekt überraschenderweise nicht ein. Seine Installationen wirken erstaunlich frisch - in ihrer Materialität ohnehin, weil vieles immer wieder neu hergestellt werden muss, aber auch in ihren Botschaften, obgleich diese eng mit dem Hintergrund der späten Achtziger und frühen Neunziger verbunden sind. Gonzalez-Torres, der 1971 nach Spanien emigriert war und seit 1979 in New York lebte, war engagierter Bürgerrechtler, als Amerika unter Reagan immer konservativer und puritanischer wurde, aber auch ein Aktivist während der Aids-Krise, als er einen Freund nach dem anderen verlor und sich schließlich mit dem Schwinden der eigenen Gesundheit auseinandersetzen musste.
Gonzalez-Torres' große Leistung - auch spätere Kunsthistoriker werden sie ihm nicht absprechen können - war es, der akademisch und trocken gewordenen Minimal- und Konzeptkunst in den späten Achtzigern neues Leben einzuhauchen. Während Donald Judd oder Sol LeWitt, die Altmeister des Minimalismus, ihre Blöcke und Raster rein formal entwickelten, versah der junge Kubaner seine nicht minder strengen Werke mit lebensnahen Inhalten. Auf schwarzen oder weißen Tafeln erinnern Stichworte und Daten an Ereignisse wie Reagans umstrittenen Auftritt in Bitburger 1985, an die Erfindung des Personal Computers oder des Walkmans, vor allem aber an Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung oder Tiefpunkte der Schwulendiskriminierung. Immer wieder geht es um Tod und Verlust, um Gewalt und zweifelhaften Fortschritt. Eines der Gratis-Plakate zeigt nichts anderes zeigt als den schwarzen Rand einer Traueranzeige. Die weiße Fläche darin kann jeder mit eigenem Gedenken füllen.
Waldheim in Rom
Gonzalez-Torres beschränkte sich auf Gesten und Hinweise, die er bewusst für alle Deutungen offen ließ. Der Betrachter soll selbst denken, ja selbst tätig werden. Und die Besitzer der Schriftfriese, die er "Portraits" nannte, sind aufgefordert, diese mit eigenen prägenden Ereignissen und Daten weiter zu führen. Selten nur legte der Neokonzeptualist unmittelbar Hand an. Er suchte nach neuen Wegen der Vermittlung und der Reproduktion, als wollte er den Begriff des Volkskünstlers neu ausfüllen. In mancher Hinsicht ist ihm das gelungen. Seine Kunst lebt weiter, weil Kuratoren sie in ihrem eigenen Sinn interpretieren, Kopierer die schwarz-weißen Wolken- und Meeresposter vervielfältigen oder Elektriker die Fassungen der Lichterketten neu zusammenstecken, die auf die menschliche Körperwärme anspielen, aber auch in stimmungsvoller Weise Räume der Kunst und des Lebens abgegrenzt werden.
Manchen Werken sieht man nicht an, wie persönlich sie eigentlich sind. So wiegt eine der Bonbonaufschüttungen genauso so viel wie Gonzalez-Torres' Lebensgefährte Ross zu besten Zeiten. Wenn die Besucher nichtsahnend eine Süßigkeit nach der anderen wegnehmen, zehren sie also an dem geliebten Körper, dessen Verfall und Tod durch Aids der Künstler miterleben musste. Aber das ist, wie immer bei ihm, nur eine von vielen Deutungen. Das Bonbon ließe sich auch als eine Art Hostie auffassen, Pendant zum essbaren Symbol des Leibes Christi. Um die Ecke zeigt ein kleines Fotopuzzle, wie der Papst dem nazibelasteten Kurt Waldheim die Oblate in den Mund legt. Auch darüber dürfen wir nachdenken.
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Hamburger Bahnhof in Berlin, Invalidenstraße 50-51, bis 9. Januar. Di-Fr 10-18, Sa 11-20, So 11-18 Uhr. Der Katalog kostet 24 Euro.
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Foto: Lichtinstallation von Felix Gonzalez-Torres im Hamburger Bahnhof