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UNTERM STRICH: FRAGEN

Wie viel Physik steckt in der Politik?

Nils Michaelis

Die globalisierte Welt gilt als zunehmend unübersichtlich. So folgt die Politik immer weniger selbstbestimmten Zielen als fremdbestimmten Sachzwängen. Als Physiker und Verkehrswissenschaftler analysieren Sie solche Entwicklungen. Wie viel Physik steckt in der Politik?

DIRK HELBING: Unternehmen und Staaten sind hierarchisch organisiert, wie auch die Natur: Auf der untersten Ebene gibt es die Elementarteilchen, die mit ihren starken Anziehungskräften Struktureinheiten wie die Atome bilden. Diese fügen sich zu Molekülen zusammen, jene wiederum zu Festkörpern, Planeten und Sonnensystemen . Durch die Bildung größerer Einheiten werden die Kräfte abgesättigt, dadurch laufen die Prozesse auf den höheren Ebenen langsamer ab. Jede Hierarchie-Ebene hat also ein typisches Tempo. Dies kann man auf Unternehmen übertragen, wo nur solche hierarchischen Strukturen überleben, die sich an eine ändernde Umwelt anpassen können. Wer nicht Schritt hält, bricht auseinander in Bestandteile, die klein genug sind, um mit den Veränderungen mithalten zu können.

Oft ist aber genau das Gegenteil zu beobachten: Große Konzerne schließen sich mit anderen zu noch größeren Konglomeraten zusammen.

Ja, aber es gibt viele Beispiele, wo das nicht funktionierte. DaimlerChrysler hat sich von Mitsubishi getrennt, BMW von Rover. Solche Megafusionen stärken die ursprünglichen Unternehmen oft nicht, sondern können sie gefährden. Die Unternehmen reizt bei solchen Übernahmen, die Möglichkeit einer monopolartigen Stellung oder eines Preisdiktats. Dennoch gilt, dass sich in großen Hierarchien die Reaktionsgeschwindigkeit verlangsamt und vermehrt falsche Lageeinschätzungen drohen.

Auf einem von Ihnen organisierten Kongress, diskutierten kürzlich Wissenschaftler mit Managern darüber, wie man etwa die Erkenntnisse der Netzwerk- und Chaostheorie nutzen kann. Seit mehr als 100 Jahren gibt es globale Unternehmen - warum muss man nun die Chaostheorie befragen, um sie leiten zu können?

Heute haben wir eine viel größere Vielfalt. Es wird immer schwerer, sie zu durchschauen. Weiterhin bewirkt die Globalisierung, dass lokale Probleme in kürzester Zeit weltweite Konsequenzen haben können. Man hat mit dem Wegfall von Handelsbarrieren einen Staudamm eingerissen, und es wird dauern, bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt. So lange werden viele Prozesse beschleunigt sein und alte Strukturen sterben. Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme sind komplexe Systeme, in denen die Wirkungen eines Eingriffs oft unvorhersehbar sind. Die oberen Hierarchie-Ebenen sollten sich auf allgemeine, jahrzehntelang gültige Rahmenbedingungen beschränken. Sonst können sie die intelligente Lösungsvielfalt auf den unteren Ebenen nicht nutzen. Die Folge sind Ineffizienzen. So wie bei Hartz IV: Alles wurde viel teurer, obwohl man ursprünglich sparen wollte. Komplexe Systeme funktionieren nicht wie ein Bus, wo der Fahrer das Steuer bloß nach rechts zieht, um die Richtung zu lenken.

Zu Ihrer Konferenz kam neben vielen Managern und Wissenschaftlern nur ein Politiker. Weshalb?

Man hat noch nicht verstanden, warum in der Politik viele Konzepte so erfolglos sind. Gern glaubt man, dass die Politik den Bürger steuern kann, obwohl das Wissen aus der Chaos-, Netzwerk- und Systemtheorie seit 30 Jahren zu einem neuen Verständnis geführt hat. Leider ist dieses Wissen noch nicht richtig in Studiengänge wie Ökonomie und Politik eingegangen. Auch ist die Mathematik, durch die man komplexe Systeme versteht, nicht sehr einfach. Sie führt oft zu Ergebnissen, die der Intuition widersprechen. Als man etwa die Produktion von Mikrochips schneller organisieren wollte, lag es nahe, einzelne Produktionsschritte schneller zu gestalten. Das hat aber nicht funktioniert. Erst eine Verlangsamung der Schritte steigerte die Produktion um 30 Prozent. Der "Schneller-ist-Langsamer-Effekt" ist nur ein Beispiel für die oft unplausiblen Eigenschaften komplexer Systeme. Die Leute lieben einfache Dinge, aber so ist das Leben nicht.

Die Fragen stellte Nils Michaelis.

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Dirk Helbing ist Geschäftsführender Direktor vom Institut für Wirtschaft und Verkehr der TU Dresden. Infos zur Konferenz: http://idw- online.de/pages/de/news169865