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Stürmendes Feuer, das den Golf umkreist

Es nützt nichts, mit arabischen Intellektuellen zu debattieren - sie sprechen mit doppelter Zunge

Khalid Al-Maaly

In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts überraschte mich ein damaliger Freund, ein linker, weltlich denkender syrischer Schriftsteller, der in Paris lebte, mit seiner Bewunderung für die gerade frisch entstandene Hisbollah. Zunächst dachte ich, dass die Bewunderung meines Freundes nur eine vorübergehende Laune sei. Aber mit der Besetzung Kuwaits 1990 bin ich mit ihm endgültig aneinander geraten. Er konnte seine Freude an der "Annektion" Kuwaits durch die Truppen Saddam Husseins nicht verbergen. Seine säkularen, linken Einstellungen erschienen mir als Witz. Seine Karriere führte ihn jedoch immer tiefer in den Bereich des Kampfes um die Menschenrechte. Mit finanzieller Förderung von europäischer Seite gab er regelmäßig ein Blättchen zum Thema Menschenrechte heraus, das über Jahre hinweg kein einziges Wort über die Verbrechen Saddams verlor. Auch das Thema Frauenrechte existierte für ihn nicht. Seine Beziehungen zu arabischen islamistischen Gruppierungen wurden indes immer besser, besonders zu der Muslimbruderschaft.

Seine Freude über die Attentate des 11. 9. und seine Bewunderung für Osama Bin Laden, der die Vereinigten Staaten "im Herzen" traf, passten nur zu gut zu seiner sonstigen politischen Entwicklung. Immer suchte er nach Rechtfertigungen für die Gewalttaten der Islamisten, als folgte er dem altarabischen Stammesprinzip, dass man bei allen Differenzen gegen einen Aggressor zusammenstehen muss wie ein Mann.

Nun erscheint dieser Freund, zu dem mein Kontakt inzwischen abgebrochen ist, regelmäßig als Gast beim Satellitenkanal Al-Dschasira. Er kommentiert in der bekannt scheinheiligen, freundlichen Art Fragen der Menschenrechte und der syrischen Politik im Allgemeinen.

Dieser kurze biografische Abriss passt leider nur zu gut auf einen großen Teil der arabischen Intellektuellen. Viele von ihnen zeichnen sich durch eine geschickt verpackte Doppelmoral aus: Im Heimatland treten sie als Wachhunde überkommener Werte auf; in der fremden Sprache vor fremdem Publikum vertreten sie plötzlich ganz andere, kosmopolitische Auffassungen.

Der arabische Intellektuelle verhält sich wie ein despotischer Vater. Keine innere Angelegenheit der Familie darf nach außen dringen. Nach außen muss sie das Bild einer festen Einheit geben, gleichgültig, wie es in der Realität aussieht. Sehr deutlich wird dies bei Themen wie den Beziehungen zu Israel, dem Skandal um die Fatwa gegen Salman Rushdie, den Attentaten vom 11. 9., dem Sturz von Saddam Hussein, der Affäre um die dänischen Mohammed-Karikaturen oder dem letzten Libanon-Krieg. In privaten Gesprächen erfährt man eine völlig andere Meinung als am nächsten Tag aus den Zeitungen. Es scheint, als ob die Stellungnahmen in den Medien nicht auf selbstständigem Denken fußen, sondern wie opportune Sprechblasen formuliert werden.

Der ägyptische Romancier und Chefredakteur des wöchentlichen Literaturmagazins Akhbar Al-Adab, Gamal Al-Ghitani, hielt sich bei Kommentaren zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie sie in Ruanda, Darfur oder im Irak begangen wurden und werden, auffällig zurück. Aber wie ein Moscheeprediger rief er plötzlich zum Boykott dänischer Produkte auf, als die Affäre um die Karikaturen im Februar dieses Jahres ihren Höhepunkt erreichte. Die Entschuldigung, die die Dänen schließlich formulierten, deutete er als Angst um den Verkauf dänischen Käses und nicht als Beweis von Respekt.

Oder der berühmte Dichter Adonis: Im Westen gilt er als syrischer Exilant, der den Islamismus und die arabische Befindlichkeit scharf kritisiert. Seine Stellungnahmen, aber auch sein Schweigen in den letzten Jahrzehnten, zeigen ein völlig anderes Bild. Beim Tod des ägyptischen Führers Gamal Abdalnasser 1970 weinten die arabischen Massen um ihn. Adonis weinte um ihn in einem Gedicht. Solidarität mit den Opfern des syrischen Regimes der letzten 40 Jahre ist von dem großen Exilanten nicht bekannt. Den Erfolg der iranischen Revolution 1978 feierte er in einem weiteren altmodischen Lobgedicht. Darin schreibt er unter anderem: "Ich werde singen für Qum, damit es sich in meiner Ekstase verwandelt / In stürmendes Feuer, das den Golf umkreist (.) / Das Volk des Iran, schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben."

Der libanesische Dichter und Journalist Abbas Beydoun arbeitet bei der libanesischen Tageszeitung as-Safir als Feuilletonist. In einigen deutschen Zeitungen ist er ein begehrter Gastkommentator. Interessanterweise unterscheiden sich die Artikel, die auf Deutsch erscheinen, völlig von seinen Artikeln auf Arabisch. Im Tagesspiegel (26. 7. 2006) und in der Zeit (27. 7. 2006) kritisiert er den Alleingang der Hisbollah und ihre Konfrontation mit Israel und beschreibt ihn sogar als Militärputsch. Außerdem betont er den Willen der Mehrheit der Libanesen auf eine friedliche Entwicklung ihres Landes. In as-Safir vom 28. 7. 2006 lesen wir dagegen in einer floskelhaften rhetorischen Sprache von den großen Taten der Hisbollah, die allen, auch den Skeptikern und Kritikern dieser Partei, Respekt abverlangt hätten: "Ungeachtet der bisherigen Position des Arabers oder des Libanesen, mit dem Krieg

der Hisbollah

wird seine Schuld beglichen, wird das Gedächtnis korrigiert, um eine Frustration wieder wettzumachen und um eine Scham wegzuwischen."

Viele arabische Autoren und Verleger halten sich für säkular, aufgeklärt und kritisch - für Intellektuelle, die für die Freiheit des Wortes und natürlich für die Menschenrechte einstehen. Zwei Monate nach den Attentaten des 11. September kursierte während einer arabischen Buchmesse plötzlich die Nachricht vom Zusammenprall eines Flugzeugs mit einem Hochhaus in Italien. Zunächst dachten viele an ein Attentat nach dem Muster der vorangegangenen Anschläge. Zahlreiche Verleger schrien Allahu Akbar und begrüßten die vermeintliche Aktion, die dann letztlich doch keine war. Einige dieser Intellektuellen sind gern gesehene Gäste bei euro-arabischen Dialogveranstaltungen. Mir stellt sich dabei die Frage nach dem Zweck dieser Gespräche, wenn den Teilnehmern jede Glaubwürdigkeit abgeht und Höflichkeiten und Schmeicheleien im Mittelpunkt stehen.

Khalid al-Maaly, 1956 im irakischen as-Samawa geboren, lebt als Verleger und Schriftsteller in Köln. Zuletzt gab er zusammen mit Mona Naggar das "Lexikon arabischer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts" heraus.

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Im Heimatland treten sie als Wachhunde überkommener Werte auf; in fremder Sprache vor fremdem Publikum sind sie Kosmopoliten.

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Foto: Fernsehzuschauer in Beirut während der israelischen Angriffe im Juli