Herr Gebauer, wie empfinden Sie die Doping-Debatte, die zurzeit in Deutschland läuft?
Quälend. Es ist furchtbar, dass dieses Thema immer wieder aufkommt, aber sich nicht erneuert.
Wie kommt das?
Das liegt daran, dass sich die Sachlage prinzipiell nicht ändert. Es gibt Leute, die dopen. Und es gibt zu wenig Gegenwehr, weil Doping zur Mentalität des Sports dazu gehört. Es sind viele Kräfte einbezogen, die stoppen und kontrollieren müssten. Aber es scheint eine Furcht davor zu bestehen, sich mit letzter Konsequenz einen Durchblick zu verschaffen. Das ist verständlich, wenn eine Fernsehstation wie die ARD daran mitbeteiligt ist, die Tour de France zu einem lukrativen Geschäft zu machen.
Ist diese Angst vor Konsequenz der einzige Grund, warum es in Deutschland kein Anti-Doping-Gesetz gibt - obwohl es seit mehr als zehn Jahren diskutiert wird?
Das ist tatsächlich eine Besonderheit in Deutschland. Frankreich und Italien haben ja rigoros reagiert. Dort verwendet der Staat seine Macht, um im Sport für Ordnung zu sorgen. Das ist in dem Fall eine heilsame Sache. In manchen Bereichen versagt die private Welt. Und der Sport in Deutschland ist so etwas wie eine private Welt.
Das müssen Sie erläutern.
Da ist ein Herr Bach, der sich jetzt einen Verband auf seine eigene Person hin zugeschnitten hat. Der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee sind zu einem Superverband vereinigt worden. Den führt der Wirtschaftsanwalt Thomas Bach, der Privatinteressen, die Sache des Sports und sportpolitische Ambitionen verbindet, um eine enorme Machtposition aufzubauen.
Solche Machtpositionen sind durch ein Anti-Doping-Gesetz gefährdet?
Wenn man Staatskontrollen verlangt, heißt das, dem Sport wird die Gerichtsbarkeit, die Kontrollfunktion weggenommen. Damit ist er zahnlos geworden. Allerdings benutzt der Sport die Zähne ja auch jetzt nicht zum Beißen und Kontrollieren, das ist das Problem. Der Sport ist von seiner Beschaffenheit her eine besonders harmlose Angelegenheit, was Kontrollen angeht - gerade in Deutschland, wo alles auf der Ebene von Vereinen, Verbänden, Klüngelei, Bekanntschaften, von Personalunion von Politik und Sport funktioniert. Man braucht juristische Instrumente: Man muss die Mittel der Polizei benutzen, um Kontrollen durchzuführen, und man muss juristische Konsequenzen daraus ziehen, indem man Strafen ausspricht.
Auch für die Sportler?
Auch für die Sportler. Doping ist wirtschaftlicher und moralischer Betrug. Wer dopt, vergeht sich an der Struktur des Sports. Die Bestrafung von Dopern darf man nicht irgendeiner Sportsgerichtsbarkeit überlassen. Wenn man einen gedopten Sportler einsperrt, sieht die Sache schon ganz anders aus.
Inwiefern könnte der Staat noch effektiver bestrafen als der Sport?
Es gibt sicher Staatsvertreter, die eine Veranstaltung wie die Tour de France einfach gern von der Bildfläche verschwinden lassen würden, weil sie total verrottet ist. Das würde eine Sportorganisation nie über das Herz bringen.
Wäre es heilsam, einen Wettbewerb wie die Tour abzuschaffen?
Das wäre unglaublich schmerzhaft. Ich plädiere jetzt nicht freudigen Herzens für die Abschaffung der Tour de France. Sie füllt den ersten Teil des Sommers und ergibt fabelhafte Geschichten. Aber wenn das Ganze nur auf Lug und Trug beruht, dann muss man sich als Publikum hinters Licht geführt vorkommen. Leider nur ist es einem Teil des Publikums egal, ob die Sportler voll gestopft sind mit Doping. Sie kommen bei der Tour de France ja längst als maschinenartige Wesen die Berge hoch. Wenn man Floyd Landis gesehen hat, der nach seiner mühsamen Etappe, bei der er als Wrack ankam, am Tag darauf wie ein junger Gott ins Ziel fuhr, das war ja wie eine Mystery-Serie. Das gehört in Akte X, nicht in eine Sportveranstaltung.
In der deutschen Doping-Debatte reden auch Leute mit, die sich vorher kaum zu Wort gemeldet haben. Der Präsident des Deutschen Radsportverbandes etwa, Rudolf Scharping, der früher als Verteidigungsminister stolz im Begleitwagen von Jan Ullrich mitgefahren ist.
Ich würde Rudolf Scharping mal zubilligen, dass er sich damals narkotisiert hat. Dass er sich eine enorme Illusionsdosis einverleibt hat. Dass er sich vielleicht auch geschmeichelt vorkam, weil er in der Nähe von Ullrich sein durfte, als Minister in der Nähe eines nationalen Sportheros. Wenn so ein Mann jetzt tatsächlich aufgewacht sein sollte, dann weiß er auch, dass eigentlich der Zug schon abgefahren ist. Wenn er jetzt nicht ernsthaft rangeht, kann man den Radsport begraben. Dann ist er nichts als eine Zombieveranstaltung.
Ähnelt die aktuelle Doping-Debatte nicht fatal früheren Debatten, die kaum etwas änderten?
Sie hat einen rituellen Charakter. Jedes Mal, wenn ein prominenter Dopingfall rauskommt, muss er diskutiert werden. Dann muss eine Autorität, möglichst der Staat, aufstehen und Maßnahmen androhen. Sonst ist die Öffentlichkeit nicht mehr beruhigt, denn es ist natürlich zunächst mal ein ziemlicher Schrecken, wenn der Vorwurf Volkes Liebling Jan Ullrich trifft. Kommt der nächste Dopingfall, geht das Ritual wieder los. Es gibt dann vielleicht auch kleine Maßnahmen, von denen erholt sich das System aber nach kurzer Zeit und organisiert sich um.
Mündet die Doping-Debatte diesmal in einem Gesetz?
Ganz leicht lässt sich jetzt wohl nicht wieder die gewohnte Ruhe erreichen. Aber im Sport sind sehr mächtige Kräfte am Werk, die alles tun werden, um ihre Felle zu retten.
Es fällt auf, dass der deutsche Sport das Böse oft eher im Ausland vermutet. Wie kommt das?
Das ist eine ganz primitive Art von sportlichem Nationalismus. Dabei haben wir eine schwierige Situation in Deutschland, die gerade verlangt hätte, dass wir besonders offen mit dem Problem umgehen. Es gab das Staatsdoping in der DDR und das wilde Dopen im Westen. Aber was ist passiert? Die richtig guten Doper sind sofort wieder eingestellt worden, im Westen, mit dem Fachwissen, was sie hatten. Man wollte sich Wettbewerbsvorteile verschaffen, indem man die Dopingintelligenz abzog. Der Wunsch war in erster Linie, den Anschluss an die Weltspitze zu halten - koste es, was es wolle.
Ist dieser Wunsch noch da?
Ich befürchte, er ist nach wie vor da. An der Rolle des Leichtathletik-Trainers Thomas Springstein kann man das gut erkennen. Er ist aufgeflogen, er ist aus dem Verkehr gezogen worden, aber er ist überall wieder aufgetaucht: in Magdeburg, beim DLV. Dann wurde er sogar mit Gendoping in Verbindung gebracht. Und jetzt soll er auch noch zusammenhängen mit dem Dopingnetzwerk in Spanien. Was sucht der da noch, nach all den schweinischen Betrugsversuchen? Leute wie Springstein sind offenbar nicht rauszukriegen aus dem Wettkampfsystem. Das sagt alles.
Es gibt nur wenige deutsche Sportler und Trainer, die sich gegen Doping positionieren. Warum?
Aus dem Sport kommt nur Kleinlautes und keinerlei Initiative. Man hat das Gefühl, der Sport kann sich überhaupt nicht mehr wehren. Er hat sich diesen Dopern total ausgeliefert. Die einen wollen da nicht mitmachen, aber sie sind unfähig, etwas dagegen zu machen. Die anderen stecken mit unter der Decke.
Wie kann das sein?
Wir haben eine Erwartung in der Öffentlichkeit, die danach giert, betrogen zu werden. Das ist total zynisch. Man guckt nur: Wie viele Medaillen hat Deutschland? Wenn der Stand deutscher Sportler im Verhältnis zur Weltspitze zu schlecht ausfällt, scheint das eine Kränkung zu sein. Dann werden die Trainer schlecht gemacht, der Verband diffamiert und Sportler als Olympiatouristen abqualifiziert. Das Abschneiden deutscher Sportler wird ganz naiv gesehen als Repräsentanz der Leistungsfähigkeit des Landes. So lange die Öffentlichkeit den Rekord für das Wichtigste hält, ist das eine Einladung zum Doping.
Umso wichtiger wäre eine starke Anti-Doping-Agentur. Aber die Nada in Deutschland ist völlig unterfinanziert - und niemand schert sich darum.
Wer soll sich darum scheren? Die Industrie hat kein Interesse daran. Der Staat müsste ein Interesse daran haben, weil er zu großen Teilen den Spitzensport alimentiert. Aber das Problem ist, dass im Innenministerium der Vorbildgedanke nur für die Festtagsreden da ist. In Wirklichkeit wird auch dort auf den Medaillenspiegel geschielt.
Ein Armutszeugnis?
Der Innenminister wagt es offenbar nicht, sich mit dem Sportsystem anzulegen, aber das müsste er machen. Das konnte der französische Minister machen, weil er gleichzeitig der oberste Herr über den französischen Sport war. Er konnte einen Sportverbandspräsidenten entlassen. Das geht in Deutschland nicht. Der Sport bringt es immer wieder fertig, den Politikern zu zeigen, dass sie abhängig sind von den sportlichen Leistungen und vom Wohlwollen der Sportfunktionäre. Das ist eine fantastische Fesselung. Es wird von Seiten des Sports vorgespiegelt, dass hier ein enormes Wählerpotenzial zusammenkommt, was mobilisiert wird durch den Sport.
Ist es überhaupt möglich, auf das Publikum einzuwirken?
Man muss sich überlegen, ob man nicht mit viel größerer Konsequenz die naive Vergötterung von Menschen bekämpfen müsste, die naive Forderung nach Spitzenleistung. Wir haben überall in der Gesellschaft eine Progression, eine Richtung, von der niemand weiß, was sie soll. Was soll ein 100-Meter-Weltrekord, der mit Doping auf 9,77 steht, den kein Mensch im Normalzustand erreichen kann? Was macht diesen Weltrekord wertvoll? Nichts. Das ist wie mit all den irrsinnigen Muskeln, aufgedonnerten Lippen und aufgeplusterten Brüsten. Das hat alles nichts zu sagen. Aber es gibt eine große Lust daran, sich etwas vorzustellen, was über das Menschliche hinausgeht.
Ist der Sport, wie er sich zurzeit darstellt, noch zu retten?
Nein. Ich glaube, dass der Hochleistungssport in großen Bereichen nicht zu retten ist, weil er vollkommen konform ist mit der Mentalität in der Gesellschaft.
Nicht alle haben diese Mentalität.
Das ist die einzige Chance: dass es ein größer werdendes Publikum gibt, das diese Entwicklung nicht mehr mitmacht, so dass es allmählich geschäftsschädigend wird. Dass dieses Publikum sagt: Jetzt habe ich genug davon.
Interview: Andreas Lesch
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Foto (2): Gunter Gebauer ist Philosoph und Sportsoziologe an der Freien Universität Berlin.
"Das gehört in Akte X, nicht in eine Sportveranstaltung": Floyd Landis, Radprofi mit positiver Dopingprobe.