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Lenin hat's erfunden

Die Wurzeln von Weblogs und Bürgerjournalismus liegen in der kommunistischen "Presse neuen Typs"

Christian Sonntag

Zeitungen entdecken derzeit den Reporter im Leser. Sie nutzen Leser als Mitarbeiter, die aus dem entlegensten Winkel des Verbreitungsgebiets Fotos und Informationen zu Verkehrsunfällen oder Wohnungsbränden liefern. Sie lassen sich Nachrichten schicken, aus denen irgendwann eine Titelgeschichte wird. Sie erstellen eine eigene Zeitschrift aus besonders gelungenen Beiträgen, die die Leser zuvor im eigens dafür vorgesehenen Weblog geschrieben haben. Sie wählen den Aufmacher von morgen nach den Ergebnissen einer Leser-Abstimmung auf ihrer Homepage.

Nicht immer sauber

Und sie suchen weiter: "20 Millionen Redakteure" will die Netzeitung für ihre Readers Edition akquirieren. Auf der Plattform der ausschließlich im Internet erscheinenden Zeitung schreibt jeder, was er will: nicht immer gut recherchiert, nicht immer sprachlich sauber, aber immer unter Einhaltung des Pressekodex. Bearbeitet werden die Texte von Moderatoren, die ebenfalls aus dem Kreis der Autoren kommen sollen.

Die Idee, aus Lesern Schreiber zu machen, ist keineswegs neu. Über 20 000 Volkskorrespondenten verfügte die DDR in den 80er Jahren, und sie taten zumindest in der Theorie das, was die Bürgerjournalisten von heute auch tun: Sie artikulierten sich öffentlich, verbreiteten eine Nachricht, mischten sich in den gesellschaftlichen Diskurs ein - und waren stolz, wenn ein Bericht von ihnen gedruckt wurde.

Doch auch die DDR-Propagandisten hatten den Bürgerjournalisten nicht erfunden. Vielmehr griffen sie die Leninsche Lehre von der Presse neuen Typs auf, nach der die Werktätigen ihre eigene Zeitung mitgestalten sollten. Nach dem Vorbild der sowjetischen Arbeiter- und Bauernkorrespondenten setzte die kommunistische Presse in der Weimarer Republik etwa auf so genannte Volkskorrespondenten. Diese hatten sich beim Schreiben einer starren Formel zu unterwerfen: Sie mussten das Geschehen schildern, kritisch würdigen und einen Ausweg plus Verbesserungsvorschlag aufzeigen.

Ganz so streng waren die Formalien für die DDR-Volkskorrespondenten nicht. Sie schrieben Reportagen, Glossen, Leitartikel, Kurzberichte und Kommentare und wurden mit ihren Texten gleichberechtigt neben redaktionellen Beiträgen platziert. "Die Menschen selbst sollten das Wort ergreifen", sagt Jochen Schlevoigt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikation und Medienwissenschaft in Leipzig. Der 62-Jährige hat zu DDR-Zeiten an der Sektion für Journalistik in Leipzig, wie das Institut damals hieß, Volkskorrespondenten an der Fotokamera ausgebildet. Heute gibt er Seminare über online-journalistisches Arbeiten, Zeitungsgestaltung und Foto-Journalismus - und macht sich Gedanken über die Unterschiede zwischen dem vor allem im Internet stattfindenden Bürgerjournalismus von heute und der Volkskorrespondentenbewegung von damals.

"Der Bürgerjournalismus versteht sich als Alternative zu dem Mainstream-Journalismus", sagt Schlevoigt. Die Volkskorrespondenten dagegen waren Teil der sozialistischen Medienlandschaft. Sie waren aber auch ein Korrektiv, weswegen Volkskorrespondenten Missstände in Betrieben offener kritisieren durften als hauptamtliche Journalisten. Das änderte sich erst in den 80er Jahren, als die Kluft zwischen der Realität und ihrer Darstellung in den Medien immer größer wurde. Kritische Volkskorrespondenzen wurden nicht mehr gedruckt, bei den "ehrenamtlichen Journalisten" erlahmte die Motivation. Die meisten der rund 20 000 DDR-Volkskorrespondenten waren am Ende Karteileichen.

Auch in der jungen Bundesrepublik investierten kommunistische Verlage Zeit und Geld, um die Korrespondenten aus dem Volk zu schulen - und zwar nicht nur politisch. Zunächst einmal ging es darum, den schreibenden Lesern vernünftiges Deutsch beizubringen. Da taten sich anscheinend Abgründe auf, wie ein Beispiel aus einem saarländischen Mitteilungsblatt für angehende Volkskorrespondenten von 1950 zeigt. "Zumeist hat das Hauptwort, das mit seinem Fremdnamen Substantiv heißt, einen Vorreiter, der uns zuruft: Pass auf, jetzt kommt ein Dingwort", heißt es darin. Und weiter: "Das nächste Wort musst du mit einem großen Anfangsbuchstaben schreiben!"

Heute ist es weniger die Frage nach der korrekten Grammatik als die Sorge um mangelnde inhaltliche Qualität, mit der sich Weblogger konfrontiert sehen und mitunter dünnhäutig darauf reagieren. Als die "taz" die "eaders Editon der Netzeitung kritisierte ("Zu viele alte News, schlecht geschriebene Schülerzeitungsthemen, zu viel belangloses ,Find ich nicht -find ich doch'") und riet, "das Schreiben manchmal einfach den Profis zu überlassen", sah sich der Beitrag beißender Polemik ausgesetzt.

Kam mit h

Früher hatten die Redakteure neben all dem Tadel für ihre Ehrenamtler auch Trost übrig. Das zentrale Mitteilungsblatt "Der Volkskorrespondent" widmete ihnen 1955 sogar ein Gedicht: "Du schreibst und deine Hand ist schwer, sie ist der Feder ungewohnt. Du schreibst und müde bist Du manchmal, sehr, doch weißt Du, dass das Schreiben lohnt. Du schreibst und jede Zeile wird zum Schwert im Kampf um Einheit und für Frieden. Und manchmal schreibst Du ,kam' mit h, doch immer war der Inhalt wahr von dem, was Du geschrieben."

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Foto: Fotograf vor Lenin-Büste