Mein rechter Fuß zuckt, so fängt es immer an. Der Kollege Arno zuckt auch schon. Wir sitzen in der Redaktion vor dem Fernseher, gucken Fußball und schießen im Geiste mit. Für Außenstehende sieht es sicher komisch aus, wir beherrschen unsere Motorik nicht, treten und stoßen ganz unwillkürlich. Wir haben uns nicht in der Hand. Irgendetwas lenkt.
Später lese ich, dass Spiegelneuronen, das sind spezielle Nervenzellen, die Auslöser des Muskelzuckens waren. Diese kleinen Zellen ermöglichen es unter anderem, dass wir uns in andere Menschen hineinversetzen können. Ich zum Beispiel in Ballacks Bein. Delling kann sich meistens gut in den Torwart versetzen, Netzer versetzt sich offenbar insgesamt ungern. Vielleicht haben diese Männer unterschiedlich viele Spiegelneutronen.
Guter Fußball fördert die Erregung. Das Publikum stöhnt auf, schreit, schließt sich den Stadionkörperwellen an, erhebt sich erwartungsvoll bei Aktionen vor dem Tor, bei Treffern tobt es minutenlang. Der Schütze rutscht auf Knien über den Rasen, trommelt auf seiner Brust herum, macht Sex mit der Eckfahne, spuckt aus in weitem Bogen. Manches sieht etwas dumm aus, aber es gibt ja diese bekannte Fußballerweisheit: "Dumm kickt gut." Nach Spielschluss zerfällt die Gemeinde in Ekstase oder Entsetzen. Es kann passieren, dass sich die beteiligten Mannschaften, ihre Trainer und Funktionäre nun noch ein bisschen hauen. Meistens fangen die Verlierer an. Hinausversetzen ist schwerer als Hineinversetzen.
"Zur Grundausstattung des Menschlichen gehört ein gewisses Maß an Bereitschaft, gemeinsam mit anderen verrückt zu werden", das sagte der Philosoph Peter Sloterdijk dem Magazin Spiegel.
Gut beobachtet und bedächtig formuliert. Gewisses Maß. Bereitschaft. Natürlich gibt es auch Übertreibungen. In China, als Fußball-Mannschaft bei dieser WM gar nicht dabei, haben sich die Menschen während der Spiele so aufgeregt und so viel Alkohol getrunken, dass es dort vermehrt zu Gesichtslähmungen gekommen sein soll.
Mir sind die thailändischen Mönche menschlich näher gerückt, die nachts immer Fußball geguckt haben, am Tag waren sie müde und pflegten ihre religiöse Rituale etwas nachlässig. Das wird sich bald wieder ändern, denn die WM ist nur ein Taumel auf Zeit.
Das Hineinversetzen in ein Fußballspiel braucht nicht immer das große Feld. Ich besuche die Herrentoilette eines indischen Restaurants im Bezirk Prenzlauer Berg, weil ich einen Tipp bekommen habe.
In der Kabine des "Bollywood" stehen zwei Becken im rechten Winkel zueinander. In jedem Becken liegt ein grünes Deckchen aus Plastik, darauf steht ein weißes Fußballtor aus Plastik, vor dem Tor liegt ein roter Ball. Männliche Gäste haben hier die Möglichkeit, pinkelnd ein Tor zu schießen. Der Ball ist allerdings sehr klein, vielleicht ein Zentimeter dick im Durchmesser. Man muss vorher genügend getrunken haben. Man muss gut zielen, um den Ball zu treffen, man muss wahrscheinlich ein bisschen dribbeln, um ihn dann ins Tor zu treiben. Das Kind im Manne hat sicher Spaß daran. Auch zwei Freunde können in Wettbewerb treten und zusammen eine gute Zeit haben. Hier wird der Spieltrieb kanalisiert. BALLGEFÜHLE