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BERLIN-TEST

Das Runde flimmert im Eckigen

An vielen Orten Berlins lassen sich die WM-Spiele in Gemeinschaft verfolgen. Doch wie gut ist die Organisation?

Clemens Niedenthal

Pubilc Viewing - kein Anglizismus scheint populärer in diesen Tagen. Zumal in einer Stadt, in der nach Schätzungen an rund 4 500 Orten die Spiele der Fußballweltmeisterschaft live übertragen werden: von der Imbissbude bis zur Fanmeile, von der gähnenden Leere eines Nachmittagsspiels bis zum Ausnahmezustand bei den Partien der deutschen Elf.

Genau genommen verhält es sich mit dem Public Viewing wie mit dem Fußball selbst: Mal klappen die Kombinationen und die spektakulären Szenen häufen sich. Ein anderes Mal laufen die Bälle ins Leere und der Zuschauer wähnt sich in der Abseitsfalle. Bei unserem Test haben wir nicht nur die Publikumsfreundlichkeit der besuchten Orte bewertet, sondern auch die Teamfähigkeit der Veranstalter - wie eingespielt sind sie in ihren Arbeitsabläufen, wie bewältigen sie den Besucheransturm, zeigen die Videoleinwände ein scharfes Bild und verkraften die Toiletten auch einen größeren Ansturm?

Montags 15 Uhr im Treptower Park, die Welt zu Gast auf der grünen Wiese. Auf der Videoleinwand müht sich Südkorea gegen die so genannten Fußballzwerge aus Togo. Ähnlich klein ist das Fußballinteresse - nur ein paar Dutzend Zuschauer verlieren sich auf dem ausladenden PopKick-Gelände.

Eine halbe Stunde später auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor, schmeckt das "Original Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln" so fad wie die nachgemachten Deutschlandtrikots aussehen. Zehn Euro sollen sie jeweils kosten. Schließlich will hier jeder verdienen, beim eintrittsfreien Fußballspaß. Aber nachmittags um halb vier fehlt auch auf der Straße des 17. Juni beides: das große Geschäft und die weltmeisterliche Atmosphäre. Die kommt auf, wenn die deutsche Nationalelf spielt. Eine Viertelmillion Menschen haben hier gemeinsam die Partie Deutschland gegen Polen verfolgt. Da gab es nicht nur im polnischen Strafraum Gedränge, sondern ebenso vor den Dixie-Klos, den Getränkeständen und Einlasskontrollen. Ein Massenevent eben, wenn auch eines mit überwiegend freundlich-euphorischen Vibrationen.

Freundliche Stimmung

Auch bei den übrigen Topspielen ist die Stimmung auf dem Fifa Fan Fest, wie die Achse zwischen Pariser Platz und Siegessäule offiziell heißt, ein Erlebnis. Zumindest direkt am Brandenburger Tor, wo tausende Tschechien-Fans am Montag Tomas Rosickys 3:0 bejubelten. In Richtung Siegessäule lichten sich die Reihen ziemlich schnell und es wird deutlich, dass die Fanmeile jenseits der deutschen Partien vor allem den WM-Touristen gehört. Und die gestalten sich, unbeeindruckt von Riesenrad und Bungeejumping, ihr eigenes Unterhaltungsprogramm: Hier ein paar britische "Rooney"-Chöre, dort eine schwedische Kickrunde - die Stimmung freundlich, nie aggressiv.

An ein ausverkauftes Festival erinnerte auch die Atmosphäre beim Eröffnungsspiel auf dem PopKick-Gelände im Treptower Park. Die Ton- und Bildqualität hingegen eher an ein übersteuertes Punkkonzert. Dafür vermittelt das Begleitprogramm, etwa die Lightning Seeds mit ihrem "Football's coming home"-Hit, ein genaues Bild davon, wie sehr sich der Fußball vierzig Jahre nach dem Wembley-Tor zum Popkulturphänomen gemausert hat: Ein Fest für Fußballgucker mit Retro-Shirts und George-Best-Gedächtnisfrisuren.

Emotionen will auch die Adidas World of Football wecken. Die temporäre Stadion-Attrappe vis-à-vis des Reichstagsgebäudes lädt ein zum Fußballgucken in der Südkurve oder auf der Gegengeraden. Die letzte Vorrundenpartie der deutschen Elf sowie das Finale sind bereits ausverkauft. Doch Vorsicht: Ein Stadion ohne Spielfeld und mit - allerdings brillanten - Videowänden lässt einen das authentische Spielerlebnis noch mehr vermissen.

Zuschauer als Medienereignis

Im Sony Center am Potsdamer Platz wird die Fußballübertragung in der ZDF-Arena selbst zum Medienereignis. Die Zuschauer sollen in der Halbzeitpause und während der Expertenrunden für die telegene Hintergrundkulisse sorgen und den Sachverstand von Johannes B. Kerner beklatschen. Die kostenlosen Karten für die ZDF-Arena werden eine gute Stunde vor dem jeweiligen Anpfiff an die wartenden Fans vergeben. Reservierungen sind nicht möglich. Beim WM-Auftaktspiel der Italiener am vergangenen Montag genügte es, sich um 19.30 Uhr in die Schlange einzureihen. Bei den Partien der deutschen Elf sieht das natürlich anders aus.

Expertenrunden im kleineren Kreis - Marcel Reif, Ewald Lienen oder Christian Ströbele waren hier Gäste - prägen einen der sympathischsten Übertragungsorte: das Lido in der Cuvrystraße in Kreuzberg. Hier kultiviert das Fußballmagazin "11Freunde" die Legende von der anderen Fußballberichterstattung bei eindrucksvoller Bild- und Tonqualität in einem ehemaligen Kinosaal. Im Innenhof gibt es Bratwurst und leider nur Großbildfernseher.

Wie unterschiedlich recht ähnliche Konzepte ausfallen können, zeigte sich auch im Prenzlauer Berg. Torfabrik und Kulturbrauerei wollen beide das hippe Kiezpublikum vor die Großbildleinwand locken. Doch während in der Schönhauser Allee die Reihen licht und die WM-Atmosphäre zumindest zum Auftaktspiel der Brasilianer schlichtweg nicht vorhanden ist, entwickelt sich das ehemalige Umspannwerk in der Kopenhagener Straße zum Spitzenreiter unter den Public Viewing Arenen in unserem Test: eine unaufdringliche Atmosphäre, die Bildqualität ist sehr gut, zudem stehen im Innen- und Außenbereich gleich mehrere Leinwände.

Die stehen auch - und noch dazu mit mehrsprachigen Kommentatoren - im kick32. Dort werden auch schon mal südamerikanische Experten via Handy eingespielt. Die Übertragung im Theaterzelt neben der Neuen Nationalgalerie werden inzwischen durch eine Außenleinwand ergänzt. Vielleicht sorgen so mehr Zuschauer für eine bessere Atmosphäre.

Denn eines haben alle Indoor-anbieter in diesen Tagen nicht im Programm: Klimatische Bedingungen, unter denen man auch noch Luft für eine Verlängerung hätte.

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Bewertung der verschiedenen Public Viewing Orte

Preisgestaltung (Eintritt, Speisen und Getränke) / Übertragung (Bildqualität und Akustik) / Atmosphäre (Euphorie oder Lethargie) / Organisation (Einlass, Toiletten etc.) / Gastronomie (Service und Qualität)/ FAZIT

Torfabrik + + - + + + + + + + + + + + + erfahrene Fußballcrew

ZDF Arena + + - + + + + + + + + + + + - für alle die ins Fernsehen wollen

Lido + + + + + - + + + + + + + + - unterhaltsame Expertentalks

Popkick 06 + + - + - - + + - + + + + + - abends toll, nachmittags leer

FIFA Fan Fest + + - + + -- + + - + + -- + + - Heimspiel für WM-Touristen

kick32 + + + + + - + - - + + - + + - multilinguale Übertragung

Adidas World of Football + + - + + + + - - + + + + - - Ersatzdroge für Stadionjunkies

Kulturbrauerei + - - + + - + - - + + + + + + keine wirkliche Fußballstimmung

Bewertungsschlüssel: +++ = sehr gut, ++- = gut, +-- = ausreichend, --- = mangelhaft

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ADRESSEN

PopKick 06, Treptower Park, Treptow. Tageskarten kosten 3 Euro, beziehungsweise 7,50 Euro bei besonderen Konzerten. Weitere Informationen unter: www.popkick.de

Lido, Cuvrystraße 7, Kreuzberg. Freier Eintritt. Weitere Informationen unter: www.11freunde.de/ wm-quartier

ZDF Arena im Sony-Center, Potsdamer Platz, Mitte. Freier Eintritt. Platzreservierung in den Restaurants im Sony Center möglich. Weitere Informationen unter: www.zdf.de

Adidas World of Football, Platz der Republik, Tiergarten. Die Tickets kosten 3 Euro pro Spiel. Weitere Informationen unter:

www.adidas.de

Global Village in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg. Tagestickets für 3 Euro. Weitere Informationen unter:

www.kulturbrauerei- berlin.de

kick32, Matthäikirchplatz 2 (am Kulturforum), Tiergarten. Freier Eintritt. Weitere Informationen unter:

www.kick32.de

Fan Fest 2006, Straße des 17. Juni, Tiergarten. Freier Eintritt, Einlass an ausgewiesenen Stellen: u.a. Siegessäule, Brandenburger Tor. Weitere Informationen unter: www.fan-fest-berlin.de

Torfabrik by Alois S., Kopenhagener Straße 58, Prenzlauer Berg. Freier Eintritt. Weitere Informationen unter: www.torfabrikberlin.de

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Foto: Berlins größte Expertenrunde: Bis zu einer viertelmillion Zuschauer verfolgen die Spiele auf der Fanmeile.