BERLIN. Die Bild-Zeitung hat sich entschieden: Beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) setzt das Massenblatt konsequent auf Skandal, weil man musikalisch nichts mehr zu erwarten scheint. Da werden aus den finnischen Teilnehmern der Hard-Rock-Band Lordi konsequent die "Grand-Prix-Monster" mit den "Ekel-Gesichtern", und aus einem zehn Jahre alten Privatvideo der kroatischen Sängerin Severina bastelt man sich einen "Sex-Skandal beim Grand Prix". Als moralische Instanz darf sich Nicole dazu äußern, Deutschlands bislang einzige Siegerin beim alljährlichen Festival. Der "ehrwürdige Wettbewerb" werde von Leuten wie Lordi oder Severina missbraucht und benutzt, klagt die Sängerin.
Kleine Skandale
Da geht es in Athen gelassener zu, seit Freitag wird gesungen, getanzt und geprobt für das Halbfinale heute Abend und das Finale am Sonnabend. Doch liegt auch in der griechischen Hauptstadt der eine oder andere kleine Skandal in der Luft, sonst wäre der ESC nicht der ESC. Die Jungs von Lordi, die nie ihre Gruselmasken abnehmen, schrecken noch jeden, und trotzdem werden ihrem "Hard Rock Hallelujah" große Chancen eingeräumt, nicht auf den Sieg, aber auf einen respektablen Platz im Finale. Das wäre schon mal was für ein Land, das seit 45 Jahren dabei ist, aber noch nie durch eine nennenswerte Platzierung aufgefallen ist. Außerdem freuen sich selbst eingefleischte Fans, dass das Festival endlich einmal eine ganz andere Sorte Musik hören lässt.
Denn von den inzwischen klassischen europäischen Pop-Songs gibt es wieder mehr als genug im Wettbewerb. Das sind die mit dem einfältigen Englisch und den gewohnten Rhythmen, die alle irgendwie auf Abba zurückgehen. Portugal bringt so ein Lied, und man darf es getrost gleich wieder vergessen. Genau so wie die Beiträge von Estland, Mazedonien, Bulgarien und Weißrussland, die Grenze nach unten wird nur noch von Monaco überschritten.
Da muss man sich anstrengen, um aufzufallen in diesem Einheitsbrei. Litauen versucht es mit "We Are The Winners", einer Hymne zum Mitgrölen, die sich hervorragend eignet für Feiern nach jedem Spiel in irgendeiner Bezirksliga. Die Russen dagegen schicken Dima Bilan, der bühnenerfahren ist wie kaum ein zweiter. Schließlich müssen in Russland die Künstler ihr Geld mit Konzerten verdienen, beim CD-Verkauf bleibt durch den Handel mit Raubkopien kaum ein Gewinn. So tingelt der 25-jährige Sänger aus der Kaukasus-Republik Karatschai-Tscherkessien schon seit jungen Jahren durch die Lande, erst im Kinderchor, dann als Solist, und versteht sich dennoch auf das Geschäft mit dem Westen. Im Internet kursieren leckere Pin-up-Fotos von ihm, die sowohl schwule Männer als auch heterosexuelle Frauen ansprechen sollen, und in der Vorbereitung auf Athen ging er auf Promotion-Tour durch Süd- und Südosteuropa.
Dagegen muss sich Carola aus Stockholm nicht mehr bekannt machen, die Veteranin der schwedischen Pop-Musik war schon 1983 zum ersten Mal dabei und siegte für ihr Land 1991. Entsprechend siegessicher und immer noch ganz Girlie tritt sie jetzt wieder an, schwärmt weiterhin für Gott und Jesus Christus, versucht gegenüber den schwulen Fans all ihre homofeindlichen Äußerungen vergessen zu machen und setzt wie 1991 wieder auf eine Windmaschine, die sie ins Finale und dann an die Spitze fegen soll.
Dass sie da oben landen wird, davon ist Silvia Night überzeugt. Die Vertreterin Islands, eine krude Mischung zwischen Björk und Nina Hagen, will den Erfolg und die Provokation. "Ihr Eurovisions-Länder, eure Träume werden wahr, ihr wartet so lange schon darauf, das ich euch errette", heißt es in ihrem Lied, und dann mogelt sie an irgendeiner Stelle auch noch das kleine F...-Wort ein, das laut ESC-Reglement nicht erlaubt ist. "Das ist mir doch fucking egal", sagt sie dazu, "ich werde fucking singen, was ich will." Die Frau versteht ihr Show-Geschäft.
Was für eine Erholung dagegen das Lied aus Bosnien-Herzegowina! "Lejla" singt Hari Mata Hari, eine Ballade so traurig-schön, dass man dahinschmelzen möchte. Ohne jeden Firlefanz verlässt sich der Sänger auf seine Stimme und den wehmütigen Balkan-Sound. Das fällt dermaßen aus dem Rahmen, dass niemand an seinem Einzug ins Finale zweifelt und auch nicht an einer guten Platzierung dort.
Und noch jemand wird ganz vorne dabei sein im Finale: Texas Lightning, die Country-Combo aus Hamburg. Seit vielen Jahren wurde kein deutscher Beitrag mehr so deutlich als einer der Favoriten gehandelt wie das "No No Never" der aus Australien stammenden Sängerin Jane Comerford. Heute Abend muss die Band sich nicht mehr qualifizieren, neben Frankreich, Spanien und Großbritannien ist Deutschland als finanzstarkes Eurovisions-Mitglied automatisch im Finale. Noch will niemand die ganz große Hoffnung auf den Sieg beschwören, aber in der deutschen Delegation in Athen wird jetzt schon darüber spekuliert, ob der ESC 2007 in Hamburg oder in Berlin stattfinden soll.
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Kampf um die Finalplätze
Der Eurovision Song Contest ist zum dritten Mal in seiner Geschichte in zwei Veranstaltungen gegliedert. Das Halbfinale findet heute statt, der NDR überträgt es ab 21 Uhr. Das Finale ist am Sonnabend, die ARD sendet ebenfalls ab 21 Uhr. Peter Urban kommentiert.
Für das Finale mit 24 Teilnehmern sind schon zehn Länder qualifiziert - durch ihre gute Platzierung im vergangenen Jahr. Außerdem sind die vier finanzstarken Eurovisions-Mitglieder Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien gesetzt. Im Halbfinale kämpfen 23 Nationen um die restlichen zehn Finalplätze.
Serbien-Montenegro hat kurzfristig abgesagt. Die beiden zuständigen Rundfunksender des Landes konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Titel verständigen. Damit nehmen insgesamt 37 Nationen am Eurovision Song Contest teil. Stimmberechtigt während des Finales sind aber 38 Länder.
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Foto: Probe in Athen: Six4One sind direkt für das Finale am Sonnabend qualifiziert - wegen der guten Vorjahrsplatzierung der Schweiz.
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Foto: Sie ist eine Veteranin der Popmusik: Carola singt (zunächst im Halbfinale) für Schweden "Evighet".