Das 59. Filmfestival von Cannes hat nichts mehr zu befürchten. Den langweiligsten und piefigsten Film hat es gleich zur Eröffnung gezeigt:"The Da Vinci Code - Sakrileg". Nun kann das Programm nur noch besser werden, und es wirkt fast so, als habe man die Sache möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Die 125 Millionen Euro teure Hollywood-Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Dan Brown ist eine aufgeblasene Mogelpackung, die das Eintrittsgeld nicht wert ist. Die Firma Sony Pictures wusste, was sie tat, als sie vor Monaten daran ging, den Film mit ungeheurem Werbegedöns künstlich aufzuwerten, doch bald wird sich herumgesprochen haben, was dem Zuschauer da angedreht werden soll: eine unfassbar einschläfernde Mischung aus Ödnis und Größenwahn.
Regie führte Ron Howard, der unter anderem schon mit seinem Schizophrenie-Drama "A Beautiful Mind" unter Beweis stellte, dass er weiß, wie sich die Biederkeit das Geniale so vorstellt. Gegenüber dem Fachblatt "Screen" hat Howard geäußert, dass er "The Da Vinci Code" maximal "zugänglich und möglich" habe machen wollen. Aus der PR-Sprache übersetzt bedeutet dies nichts anderes, als dass sein Film Zuschauer und Filmstudio gleichermaßen zufrieden stellen sollte - weswegen die ohnehin triviale Buchvorlage also noch mal runtergetunt werden musste auf einen noch kleineren gemeinsamen Nenner.
Nun ist es ja schon ebenso tollkühn wie angeberisch, ausgerechnet ein Buch zu verfilmen, dessen Ausgang mittlerweile fünfzig Millionen Leser weltweit kennen. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen, um sich die Aufmerksamkeit des Publikums über gut zweieinhalb Filmstunden Laufzeit zu sichern. All jene Regisseure, die sich die Bibel vornahmen, standen ja vor einem ähnlichen Problem - die meisten von ihnen lösten es, indem sie die technische Entwicklung nutzten, um mit sensationellen Schauwerten aufzuwarten, oder indem sie die Figur des Jesus Christus mit neuen Augen zu sehen suchten. Howard tut indes nichts dergleichen; er bebildert die Romanvorlage fast ausschließlich wie bei "Malen nach Zahlen". Sein Film richtet sich an eine Kundschaft, die ihn mit der Buchvorlage abgleichen will.
Browns Buch kam im Jahr 2003 in den USA unter dem Titel "The Da Vinci Code" (in Deutschland als "Sakrileg") heraus; und mittlerweile weiß alle Welt, worum es darin geht: Jahrhunderte lang, so heißt es hier, habe die katholische Kirche den Gläubigen unterschlagen, dass Jesus und Maria Magdalena verheiratet gewesen seien und ein Kind hatten. Aus machtpolitischen Gründen habe die Kirche versucht, alle Nachkommen dieser Ehe mit Feuer und Schwert auszurotten - und damit die Bedeutung des Weiblichen für die katholische Hierarchie. Sie sei aber gescheitert, weil die Geheimorganisation "Orden der Bruderschaft von Sion" die königliche Blutlinie von Christus und Maria Magdalena schützte. Schließlich bringt der Mord an Jacques Sauniere, dem Direktor des Pariser Louvre und letzten Großmeister der Sions-Bruderschaft, den amerikanischen Symbol-Wissenschaftler Robert Langdon und die französische Dechiffrier-Spezialistin Sophie Neveu auf die Spur der fiesen Weltverschwörung - und auf die des katholischen Ordens Opus Dei, in dessen Auftrag ein Albino-Mönch die Hüter Sions und des Geheimwissens tötet. Das ist der Beginn einer Schnitzeljagd, welche die Beteiligten in etliche attraktive Gegenden führt, darunter die Londoner City und grünsaftige, mit hübschen alten Kapellen bestückte englische Ländereien.
Ron Howard hätte es schlechter nicht machen können. Er schafft es, sogar eine Trivialvorlage noch mit Dummheit anzureichern! Nach zwanzig Filmminuten wartet er mit der ersten Verfolgungsjagd auf: Sophie (Audrey Tautou) darf immerhin Auto fahren wie der Teufel, auch wenn der Regisseur dieser Figur sonst nur wenig Hirn gönnt. Man stelle sich vor: eine Dechiffriererin (!), die allen Ernstes fragt, was denn - nie gehört! - Opus Dei eigentlich sei! Aber Langdon (Tom Hanks) erklärt es ihr rechtschaffen väterlich und das Geheimnis des Heiligen Grals gleich dazu. So bockig-dämlich wirkt die Sophie bei Dan Brown dann doch nicht, und was die Verfolgungsjagd angeht - das hat man in den "James Bond"-Filmen schon vor Jahrzehnten gesehen.
Mit einem originellen Blick auf die Figuren und ihren Umgang mit der Neudeutung der Menschheits- und ihrer eigenen individuellen Geschichte (schließlich entpuppt sich Sophie als Nachfahrin der Jesus-Ehe), wird es hier also nichts. Allein Ian McKellen als Teabing belebt den unglücklicherweise allzu bekannten Fortgang der Handlung mit seinem Schalk. Alle Rückblenden in die Biografie seiner beiden Helden hat Ron Howard ebenso bläulich getönt und grobkörnig abgesetzt wie die Szenen aus der Geschichte des Christen- und Papsttums. Das soll gewiss meinen, dass jeder Mensch Teil der Weltgeschichte ist, suggeriert aber auch, dass man über das Historische eigentlich nichts wissen kann. Die in dieser Hinsicht ehrgeizigsten Bilder des Films finden sich in jener Szene, in der Langdon und Tautou das Rätsel vom "Ritter" lösen, "der von einem Popen begraben wurde": Während der Beerdigung von Sir Isaac Newton, dessen Trauerrede der Dichter Alexander Pope hielt, sieht man sie in Jeans und Kostüm im London des Jahres 1727 flanieren. Vergangenheit und Gegenwart sind schlicht als Folien überblendet. So ist das, wenn man etwas maximal "zugänglich und möglich" machen will.
Mit Fragen des Kunst- oder historischen Verständnisses belastet sich "The Da Vinci Code" also nicht weiter, und darin ist der Film ja auch völlig zeitgemäß - das weiß jeder, der je eins der "geschichtlichen" Dokudramen auf ZDF oder RTL sah. Indem auch Howards Film, getreu der Buchvorlage, ein albernes Konglomerat aus Verschwörungstheorien, Halbbildung und Klatsch verbreitet, gibt er Millionen Menschen ein trügerisches Gefühl von Bescheidwissen. Hier und da wurde aber doch schon von dem Quatsch profitiert: Dem Louvre etwa sollen für die Dreherlaubnis 30 Millionen Euro gezahlt worden sein. Und die katholische Kirche darf sich entspannen. Frankreichs Medienbischof Jean-Michel di Falco beehrte die Premiere von "The Da Vinci Code" gestern in Cannes mit seiner Anwesenheit.
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The Da Vinci Code - Sakrileg
USA 2006. 148 Minuten, Farbe.
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Akiva Goldsman nach dem gleichnamigen Roman von Dan Brown
Kamera: Salvatore Totino
Schnitt: Daniel Hanley, Mike Hill
Musik: Hans Zimmer
Produktionsdesign: Allan Cameron
Darsteller: Tom Hanks, Audrey
Tautou, Sir Ian McKellen, Alfred
Molina, Jürgen Prochnow, Paul Bettany, Jean Reno, Jean Yves Berteloot.
Ab heute in den deutschen Kinos.
Weitere Filmrezensionen auf den Seiten 2 und 3 im Kulturkalender und auf Seite 28 im Feuilleton.
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Foto: Der gemeine Albino (P. Bettany) mag schwarzbraune Mädel (A. Tautou).