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Wenn der Drache erwacht ist

Heute Abend beginnt das 59. Filmfestival von Cannes

Anke Westphal

Wer dieser Tage durch Cannes eilt, wähnt sich nicht unbedingt im richtigen Film. Es wird zwar hie und da französisch gesprochen, doch das US-amerikanische Idiom ist weit stärker vertreten. Die 59. Filmfestspiele von Cannes haben noch gar nicht richtig begonnen, aber schon findet sich eine Erklärung für dieses Indiz blühender Globalisierung: Mit gut 17 Prozent sind die US-Amerikaner zahlenmäßig wieder am stärksten beim "Marche du Film" von Cannes vertreten, gefolgt von Asien. Beim weltweit größten, wichtigsten Filmmarkt verzeichnen Indien und China die größten Zuwächse; tatsächlich war schon eine Riesengruppe befrackter, aufgeregter Chinesen zu sehen.

Das alles ist äußerst interessant, weil es in Zeiten von Kasseneinbrüchen und Kinokrisen einiges offenbart. Der Berlinale-Filmmarkt mag zwar erfreulich wachsen, wird aber eher ein Testballon bleiben, wenn es um die entscheidenden Verträge geht, Während die Studios in Babelsberg noch mit den billigeren in Prag oder Sofia zu konkurrieren versuchen, diskutieren die Amerikaner in Cannes längst, wie vorteilhaft es wäre, Filme in China zu produzieren: ausgezeichnete Koproduktionsbedingungen, billige Arbeitskräfte - Filmmärkte sind Spiegel größerer ökonomischer Zusammenhänge. "China war der schlafende Drache - jetzt ist er erwacht", so Kirk d'Amico von der Filmfirma Myriad (u.a. "Kinsey") gegenüber dem Branchenblatt Variety.

Tom Hanks und Audrey Tautou könnten also bald einen weiteren Weg zur Arbeit haben. Sie sind die Hauptdarsteller im "Da Vinci Code", mit dessen Weltpremiere heute Abend das 59. Internationale Filmestival von Cannes eröffnet wird. Im Wettbewerb um die Goldene Palme, die am 28. Mai vergeben wird, stehen 20 Produktionen aus 13 Ländern, darunter neue Filme von Sofia Coppola (USA), Aki Kaurismäki (Finnland) und Nanni Moretti (Italien). Insgesamt umfasst diesmal "Offizielle Auswahl" mit dem Wettbewerb, den Beiträgen "außer Konkurrenz" und der Reihe "Un certain regard" 55 Filme aus 30 Ländern.