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Wo die Welt zu Ende ist

Der einsiedlerische Finne Esko Männikkö fotografiert Tier und Mensch am Rand der Zivilisation. Sein Stil ist eine bizarre Poesie

Ingeborg Ruthe

Die Kreatur blickt dich an. Schwarz und tief dringt der Blick des Rappen in die Seele. Aber sentimental ist das nicht. Nur unentrinnbar zwingend. In schweren, dunkel gebeizten Holzrahmen - fast wie ein Affront gegen das moderne Medium Fotografie - hängen an der weißen Galeriewand Tierbilder: Augen, Nüstern, Mäuler, Zähne und Zungen von Pferden und Kühen. Köpfe von Federvieh. Domestizierte Natur, umgewandelt in fast altmeisterliche Malerei - mit der Kamera.

Was gleich auffällt, sind die motivischen Verzahnungen, wie von unsichtbaren Fäden hat Esko Männikkö seine eindringlichen und hermetisch wirkenden Bilder miteinander verbunden. Auf die Weise verhindert der Fotograf eine museale Präsentation. Stattdessen unterstreicht dieses merkwürdige unsichtbare Gespinst die eigenwillige Fabulierkunst des Finnen, sein ganzes erzählerische Universum. Es ist rätselhaft, aber immer dem Leben zugewandt. Dem Leben, das er führt, mit dem sich freilich immer weniger seiner Freunde und Landsleute abfinden können, weil es an der unbarmherzig harten nördlichen Natur ausgerichtet ist. Immer mehr Finnen verlassen die Einöde, in der der 46-jährige Männikkö mit Frau und zwei kleinen Töchtern - den "Harmony Sisters" (so nennt er seine Berliner Ausstellung) lebt. Der Dagebliebene fotografiert dann die verlassenen Häuser, entdeckt die bizarre Poesie der finnischen Einöde.

In Berlin fällt Esko Männikkö auf zwischen all den bürohäutigen Großstädtern, die sich in der Mitte- Galerie Nordenhake vor seinen Bildern drängen. Er ist drahtig wie ein Jockey, wortkarg wie ein Einsiedler, und die Haut in seinem jungenhaften Gesicht ist wettergegerbt, der Händedruck fest, die Handflächen derb von schwerer Arbeit. Seine hellen Augen haben den Blick eines Jägers.

Männikkö, den man wegen seiner zur Kunst erhobenen dokumentarischen Porträts bisweilen den "finnischen August Sander" nennt, ist ein Jäger. Auf der Jagd fing alles an, seit er, damals in den Achtzigern, die mühsam ersparte Kamera dabei hatte und die erlegten Wildvögel auf dem Waldboden und die gerade geangelten und geschlachteten Fische auf dem Schneebett in ihrem Blut fotografierte. Beinahe altmeisterliche Stillleben aus den nordfinnischen Wäldern Ende des 20. Jahrhunderts hat der Autodidakt seither zu Stande gebracht. Später fotografierte er vor allem Männer vor und in ihren kargen Holzhütten. In der Galerie liegen die Fotobücher mit diesen ungefälligen Porträts aus: "Einsiedler, Außenseiter", wie Männikkö sagt, "die keinen Anschluss ans moderne Leben gefunden haben." Die Gesichter dieser derben Kerle sind gezeichnet vom Ringen mit der grimmigen Natur des Nordens.

Irgendwie, meint Männikkö, seien seine Bilder auch Selbstporträts. Oder Spiegelung der eigenen Psyche - zwischen unberührter Natur und desolater Lebenswelt. Denn wenn er die pragmatisch wüsten einsamen Gehöfte mit Autowracks, Heringstonnen, Plastikbehältern und Haufen von Schrott, der irgendwann und irgendwie noch mal gebraucht werden könnte, ablichtet, dann entstehen abermals Stillleben: von einer melancholisch trunksüchtigen Welt, wie der Filmemacher Kaurismäki sie uns beschert. Männikkö fotografiert warmherzig wie fürs Familienalbum, zugleich distanziert wie für Ansichtskarten. Diese Welt kann jene ernüchtern, die dem Mythos vom "Wahren Norden" anhängen, hinter dem der Zivilisationsüberdrüssige sich das wahre Abenteuer, das wahrhaft Unberührte - gar spirituelle Erneuerung erhofft.

Plädoyer für eine Lebensart

Da, wo der nüchterne Romantiker Männikkö lebt, wo er die meisten seiner malerischen Bilder vom Tieren und Menschen macht, ist es jetzt endlich ein paar mehr Stunden am Tag hell, der Schnee ist geschmolzen, es wird wärmer, immer öfter über Null Grad und in der Mittagsonne auch schon mal um die vier bis sechs. Der Bottnische Meerbusen liegt 200 Kilometer südlich des Polarkreises und mit ihm die Stadt Oulus. Männikkö und seine Familie wohnen nochmal 20 Kilometer außerhalb, dort, wo Hase und Fuchs sich Gute Nacht sagen. Oder Elch und Wildvogel. Ein Holzhaus mit riesigen Holzöfen ist Atelier und Wohnplatz. Immer öfter wird der erfolgreiche Fotograf jetzt eingeladen in europäische Museen und Galerien. Also muss er in die großen Städte reisen, und das gehe ihm, sagt er, eigentlich gegen seine Natur. Aber nun hat er sich eingelassen auf den Kunstbetrieb. Wegzugehen vom Rand der europäischen Zivilisation, daran hat er allerdings noch nie gedacht. Die kleine, schlichte und sehr genaue Geschichte, die er selber zu einer seiner Fotoserien schrieb, ist beredt: Sie erzählt von einer Familie aus der Stadt, die zurückkehrt ins Heimatdorf des Vaters oben im Norden. Und sie klingt wie ein Plädoyer für eine Lebensart.

Galerie Nordenhake, Esko Männikkö: "Harmony Sisters" bis 27. Mai, Zimmerstraße 88-91, geöffnet Di-Sa 11-18 Uhr.

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Foto: "Noch nie habe ich daran gedacht, wegzugehen." Esko Männikkö

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Foto: Auge um Auge mit der Schöpfung: aus Männikkös Zyklus "Hoftiere", 2005.