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Unsere heimliche Hauptstadt

Ein bisschen hässlich ist manchmal ganz schön. Warum viele Schweizer Berlin in ihr Herz geschlossen haben

Michél Roten

Das "Kauf dich glücklich" im Prenzlauer Berg in einer Seitenstraße der Kastanienallee an einem Mittwoch um 15 Uhr. Draußen eine Fassade mit Einschusslöchern, drinnen ein Paradies für ganz jung gebliebene Mittzwanziger. Die Spielsachen ihrer Jugend, bunte, alte Möbelchen, neuer Schmuck, man kann alles kaufen, was man sieht, zum Kaufen trinkt man Latte Macchiato (1,80 Euro). Menschen, die schon länger in Berlin leben, finden das schrecklich, Touristen finden, das ist Berlin. Die Bedienung, deren Frisur von hinten wie eine schwarze Qualle aussieht, stiefelt mit Vintage-Latschen und Tablett in den Raum, stolpert fast über ein Kind in Strumpfhosen, ruft: "Maxi? Waffel mit Puderzucker und Schorle für Maxi?" Maxi winkt und ruft: "Hi-ier!" Die Bedienung stellt's neben die Blümchen, die auf jedem Tisch stehen und verlangt nach Lena, die eine Waffel mit Quark, Feige und Honig bestellt hat, dumpf hört man ein "Ja, hier!" Lena, auf einem Sofa liegend, hat sich in den Schoß ihrer Freundin gekuschelt, die ihr das Haar streichelt. Daneben stillt eine junge Frau ihr Baby, der Mann raucht eine Selbstgedrehte und liest.

Ja, hier in Berlin hat man noch Muße. Hier kann man noch "sein Ding machen", kann Ideen aushecken und verwerfen, ausprobieren und scheitern, kann frei sein und wild sein und vor allem überhaupt: sein. Berlin ist the place to be und das im doppelten Sinne. Selbst der Bürgermeister Klaus Wowereit sagt, die Attraktivität der Stadt habe damit zu tun, dass "hier alles noch so offen und unstrukturiert ist. Berlin ist gewiss noch keine fertige Stadt, aber das macht vor allem für junge Leute unseren Reiz aus."

Genau. Für junge Leute - und für Schweizer. Aufgewachsen im fertigsten der fertigen Länder, im Korsett der klaren, geschlossenen Strukturen, erzogen zur ständigen kritischen Selbstüberprüfung bezüglich Fleiß, Disziplin, Produktivität und dem richtigen Weg. Da ist Berlin das Utopia für einen kleinen Ausbruch. Offiziell sind zwar nur 3 500 Schweizer in Berlin gemeldet, aber die Dunkelziffer muss mindestens beim Zehnfachen liegen - man kann in keine Bar, in kein Kino, in kein Museum gehen, ohne Schweizerdeutsch zu hören. Roger Schawinski, der prominenteste Berlin-Schweizer, hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Berlin entwickelt sich so ganz nebenbei zur kulturellen Hauptstadt für die Schweiz."

Valentin Hitz, Filmemacher aus Zürich, ist vor zweieinhalb Jahren nach Berlin gezogen, "endlich", denn seit Mitte der Achtziger verbindet ihn eine "leidenschaftliche Zuneigung" mit Berlin, wie er sagt. Es kam aber immer etwas dazwischen, die Wende etwa und danach die ihm suspekte Goldgräberstimmung der Neunziger. Der 36-Jährige wohnt in Kreuzberg, die Gegend hat ihn mit ihrer wilden Mischung immer fasziniert: "Der Kiez ist gewachsen und nicht in einem Jahr retortenartig hochgezogen, wie das mit einigen Ostbezirken der Fall war."

Heute sitzt Valentin im "103", einem der wenigen Cafés an der Kastanienallee mit einem erkennbaren innendekorativen Konzept. Die Möbel sind neu, die Wände orange und die Lampen solche, für die man in Zürich beim Siebzigerjahre-Design-Wucherer locker 3 000 Franken zahlen würde. In Zürich wäre das also total hip, aber weil hip in dieser Gegend Berlins schon besetzt ist von Cafés, in denen man in Großmutters Ohrensessel versinkt, ist es eben auch wieder unhip - und deswegen schon wieder total hip. Hip, unhip, hurra. Am Nebentisch sitzt der Schauspieler Jürgen Vogel und trinkt eine Cola, der ist oft hier. Ein paar Häuser weiter ist die "Wei-nerei", ein Lokal, wo man anfangs einen Euro zahlt, ein Glas kriegt und sich dann den ganzen Abend selber vom Wein bedienen kann. Wenn man geht, zahlt man, so viel es einem wert ist. Inzwischen gibt es drei Weinereien. Noch ein paar Türen weiter ist das "Glücklich am Park", ein Ableger des "Kauf dich glücklich". Alles alternativ, leger und gleichzeitig offensichtlich mit Expansionsstrategie. Geht das zusammen? Hier schon.

Im "103" wird gefrühstückt. Es ist 16 Uhr. Gefrühstückt wird immer in Berlin, Büfetts gibt's ab 3 Euro. "Diese Frühstückskultur kann einem auf die Nerven gehen", sagt Valentin. Aber eigentlich sei es doch bereichernd. "Dass ständig so viele Menschen in Cafés und Kneipen sitzen, vermittelt einem eine Lebendigkeit, nur schon beim Vorbeigehen. Gleichzeitig ist das, weil die Leute oft nicht freiwillig nichts Besseres zu tun haben, auch ein Auswuchs der dunkleren Seite: Arbeitslosigkeit, Armut." Valentin spricht von Zwischenzonen, kulturellen wie in Film, Theater, Musik, aber auch sozialen im Sinne von alternativen Lebensentwürfen. "Dieses Leben birgt natürlich die Gefahr, dass man sich darin verliert", sagt Valentin Hitz. "Das kann man bei vielen beobachten. Man muss da schon einige Selbstdisziplin aufbringen, damit man seine Ziele nicht aus den Augen verliert. Damit man überhaupt Ziele hat."

Die Möglichkeit zum Rückzug, ohne dafür die Szene verlassen zu müssen, das ist für Valentin der entscheidende Vorteil am Großstadtleben. Die Möglichkeit, sich völlig anonym unter genau dem Menschenschlag bewegen zu können, mit dem man sich identifiziert, an dem man sich orientiert und reibt. Und gleichzeitig die Intimität im Kiez, "dieses fast Dörfliche, man bemerkt sich, irgendwann grüßt man sich, wechselt ein paar Sätze; diese Intimität kommt vielleicht genau deswegen zu Stande, weil man weiß, wie groß die Stadt ist." Das Dorf in der Stadt - man kann ohne Probleme wochenlang seinen Bezirk nicht verlassen, und wenn man es dann mal tut, ist es wie ein Ausflug in eine andere Stadt. Das sagen alle.

Freundschaften habe er schnell geschlossen, Begegnungen laufen hier viel direkter ab. Valentin vermutet, dass das damit zu tun hat, dass fast alle in Berlin Zugezogene sind und sich noch daran erinnern können, wie es war, als sie selber ein Netzwerk aufbauen mussten.

Ein paar Meter von Valentins Wohnung entfernt, vorbei an der Weinhandlung "Suff" und der Eisdiele "Leck mich", ist das "Bateau Ivre", ein beliebtes Lokal in Kreuzberg. Die Klientel ist bunt, vom Alt-Linken über den Normalo bis zur Artsy-Fartsy-Szeneschnepfe. Plötzlich sind aus der Kakophonie vertraute helvetische "Äs" und "chs" herauszuhören, da drüben sitzen zwei Schweizerinnen, trinken Kaffee (1,50 Euro) und unterhalten sich darüber, welche Läden noch abzuklappern sind, und wie geil es doch ist, einen Kebab für einen Euro zwanzig zu essen. "Einszwanzig! Das sind . Einsachtzig! Oder .?" "Ja, eh!" "Eins achtzig!" "Zieh der das mal ine!" "Scheißbillig." "So geil."

Stimmt, Berlin ist scheißbillig. Kaffee über die Straße für 60 Cent, eine Packung Spagetti für 29 Cent, Chicken Sweet and Sour für 2,50 Euro, Theaterticket 5 Euro. Hier kostet eine große Dreizimmerwohnung durchschnittlich 450 Euro, und das inklusive Stuckatur an der vier Meter hohen Decke und herrlichem Parkett oder Dielen, alles wunderschön nichtrestauriert. Man findet auch durchaus welche für 200 Euro, aber dann ist vielleicht die Toilette im Hof und die Dusche auf dem Flur. Die Treppenhäuser sind grundsätzlich schäbig, grundsätzlich nicht beheizt, erst hier fällt einem auf, wie unnötig das eigentlich ist, beheizte Treppenhäuser.

Es ist alles ein bisschen roher hier, und das nennt sich dann "Authentizität". Eine schöne Kulisse für den kreativen Großstadtmenschen, sieh mal, ich bin nicht verwöhnt, ich bin "real", kein Luxusmensch, Hauptsache, ich kann tun, was ich will. Verachtung für Leute mit "normalen" Jobs und "normalem" Leben gehört zum guten Ton, und weil die den Prenzlauer Berg auch irgendwann lässig fanden und da hinzogen, zieht man schnell weg, mit denen will man ja nicht in Verbindung gebracht werden, man zieht nach Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain, Wedding. Hier wird man nach Stadtteilen schubladisiert, "das ist so ein Mitte-Typ", heißt es dann, oder: "So eine Prenzlberg-Tusse." Ein Stadtmagazin mit Ausgehtipps titelt dieser Tage: "Meine Armut kotzt mich an." Auf dem Cover: eine junge Frau hinter einem G4-Powerbook. Was zynisch anmutet, in dem Artikel geht es um jene jungen, idealistischen Kreativen, die nach Berlin kommen, weil man es hier ohne allzu großes Risiko einfach mal probieren kann, idealistische Geldknappheit ist meist die Folge.

Ein gutes Beispiel ist "Dr. Pong" an der Eberswalder Straße: ein Lokal, dessen Fläche zum größten Teil von einem Pingpong-Tisch eingenommen wird. Zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen dort Menschen Rundlauf, anstatt auf dieser Fläche an mindestens fünf Tischchen zu sitzen und anständig zu konsumieren. Reich wird man damit nicht.

Berlin als künstliche Insel, als Konglomerat von Menschen mit Ideen, aber ohne Plan, Großstadt mit Ferienlagerstimmung. "Berlin ist vielleicht die einzige Stadt, wo die so genannten genialen Menschen nicht für Narren gehalten werden." Hat Brentano gesagt, lange her.

Die anderen sind die wirklich Armen. Die Arbeitslosenquote betrug im Januar 2006 18,6 Prozent. Berlin steckt in den Miesen, und die Folgen davon machen die Stadt so attraktiv. "Arm, aber sexy", sagt Bürgermeister Wowereit. "Scheißbillig, so geil", sagen die Schweizer Touristinnen.

Regula Neeracher sieht das aus einer anderen Perspektive. Sie verdient nämlich ihr Geld hier. "Dann hast du eine ganz andere Relation. Reisen zum Beispiel liegt nicht mehr drin. Jedes andere Land ist plötzlich total teuer. Ich fahre ein-, zweimal im Jahr in die Schweiz, that's it." Regula hat es vor fünf Jahren der Liebe wegen nach Berlin verschlagen, sie und ihr Mann, er ist Münchner, lernten sich am Schauspielhaus in Zürich kennen, heirateten bald, und dann wollten sie irgendwo neu starten, wo keiner Heimvorteil hatte. Deutschland war klar, Berlin die einzige Option. "Am Anfang war's schon knallhart", sagt sie. Kein Netzwerk, keinen Job, eine Wohnung in Wedding, ein Mann, der oft weg ist, "ich war völlig orientierungslos. Dann die Leute, die so hart und so unfreundlich und so grob sind. Jedes Mal, wenn ich in der Schweiz bin, fühle ich mich verarscht, wenn die Verkäuferin beim Bäcker so freundlich ist. Dann genieße ich's. Und komme zurück und werde von der Frau hinter der Fleischtheke angeblafft, wenn ich ein wenig Salami kaufen will." Sie hat sich immer noch nicht daran gewöhnt, im Gegenteil: "Das stört mich massiv. Und ich empfinde es auch nicht als Berliner Schnauze, sondern einfach als. keinen Sinn für Dienstleistung."

Regula schlägt als Ort für ein Treffen das "Wohnzimmer" vor, ein Café wie ein Brockenhaus in Prenzlauer Berg, hier kann man sein Frühstück auch selber mitbringen, einzig die Getränke muss man kaufen. Die Uhr bei der Tramstation zeigt zwanzig Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt an, die Zeiger der großen Uhr bei der U-Bahn-Station stehen auf fünf Stunden nach dem verabredeten Zeitpunkt - Pünktlichkeit ist Glückssache hier.Die Anzeige bei der Haltestelle sagt, die nächste Tram komme erst in acht Minuten, und als ich mich zu Fuß auf den Weg mache, werde ich nach etwa einer Minute von ebendieser Tram überholt. Manchmal macht sich Berlin über seine Bewohner lustig.

Regula hat eine vierjährige Tochter und arbeitet 80 Prozent in einem Geschäft für Künstlerbedarf in Kreuzberg, ihr Mann arbeitet voll - das geht hier. "Mutterschutz, Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub, Teilzeitarbeit, alles ist wirklich elternfreundlich. Ich habe nach vier Monaten wieder gearbeitet, dann war Sofie bei der Tagesmutter, jetzt in der Kita, da geht sie wahnsinnig gern hin. In Deutschland Kinder zu haben, ist viel einfacher als in der Schweiz."

Das stimmt - vor allem in Prenzlauer Berg. Hier sieht man kaum ein Fahrrad ohne Kindersitz, keinen gut aussehenden Mann ohne Buggy, und wer sich daran stört, stets irgendein Kinderspielzeug aus seinem Essen fischen zu müssen oder selbst beim ersten Kaffee morgens stillenden Müttern gegenüber zu sitzen und nicht rauchen zu dürfen, ist selber schuld. Als das Viertel nach der Wende plötzlich sexy wurde, zogen die jungen Wilden her, fast zwei Drittel der Anwohner tauschten sich einfach aus, und die Zugezogenen sind nun halt in dem Alter, wo man Kinder kriegt und werden "Neoliberale" genannt und "Neokonservative".

Regula fühlt sich hier zu Hause, nur manchmal hat sie genug von feilschenden Kunden, vom kaputten Berlin, von den Bettlern, den Junkies, dem Erbrochenen in den U-Bahnstationen, dann geht sie ins KaDeWe und schaut die schönen, teuren Sachen an.

Berlin ist eine raue Stadt, ist dreckig, kantig, schroff. Die Straßen von Berlin sind gefährlich. Einerseits metaphorisch, zumindest in den Gebieten am Stadtrand, wo sich Jugendgangs mit schöner Regelmäßigkeit gegenseitig abstechen, andererseits ganz trivial konkret: gerade mit Absätzen ein hals- oder zumindest beinbrecherisches Unterfangen, es erfordert ständige Konzentration, sich auf dem groben Kopfsteinpflaster zu bewegen. Hinzu kommen die mit Wasser gefüllten Schlaglöcher, die Baustellen, die sich aus dem Nichts auftun, die Hundehaufen, die Betrunkenen, die Fahrradskelette, im Winter die riesigen Glatteisflächen, im Sommer die Wohnzimmer mitten auf den Gehsteigen, wo man sich einrichtet, wenn man keinen Balkon hat. Berlin ist die Stadt der tausend verschiedenen Arten zu stolpern.

Auch Rico Oberholzer, 25, merkt, wie diese Rauheit ihn verändert. Zum Positiven. "In der Schweiz hab ich mich viel schneller über etwas aufgeregt. Es ist halt schon härter hier, mehr Arbeitslosigkeit, mehr Dreck, mehr abgewrackte Leute, andere Ausländerquote, mehr Armut. Es relativiert einiges, gerade, wenn man vorher in Zürich gelebt hat. Wir sind verwöhnt. Ich glaube, das tut mir sehr gut, persönlich. Mal aus der Zuckerstadt raus." Rico studiert seit einem Semester Architektur an der Universität der Künste und trinkt nur noch San Pellegrino, seit ihm jemand gesagt hat, Berlin habe die weltweit höchste Östrogenkonzentration im Trinkwasser. Es gefällt ihm gut, das Großstadtflair, er will aber nicht einstimmen in den Hype. Sooo anders sei das hier ja gar nicht. Zum Beispiel Ausgehen - die DJs seien ja gestern in Zürich und heute in Berlin. Auch die kulturelle Dichte: in Relation zur Größe in etwa die gleiche. Aber eben die Größe, das ist für Rico der entscheidende Faktor. "Hier brauchst du wirklich fünfzig Minuten oder länger von A nach B, das verändert dein Leben enorm. Und man muss sich an ein neues Schauen gewöhnen, in Zürich kann sich der Blick immer irgendwo festhalten, am Üetliberg, am See, am Züriberg, hier hast du gar nix, die Stadt ist einfach über eine riesige Fläche verstreut, im wahrsten Sinne des Wortes unübersichtlich."

Christian Jenny ist hier genauso wie überall. Der 27-jährige Tenor und Schauspieler reist für Auftritte in ganz Europa herum, seine Freundin lebt in der Schweiz. Doch seit fünf Jahren hat er mehr als nur einen Koffer in Berlin; ein Stück Herz nämlich. Denn er ist verliebt in Berlin. Liebe auf den zweiten Blick zwar. "Ich behaupte, Liebe auf den ersten Blick gibt's im Fall von Berlin nicht. Berlin ist grottenhässlich, fürchterlich, jenseits von Gut und Böse, und doch will man hier sein. Paradox. Ich war gerade in Wien, das ist so schön und so hübsch und wunderbare Bauten und alles, und dann komm ich wieder zurück, und hier ist eine Sauerei. Gerade im Winter. Wie hier gekiest wird: einfach mal einen Haufen irgendwo hingeschmissen. Die Weihnachtsbäume liegen bis Mitte Februar auf den Straßen. Silvestermüll bis April. Aber genau diese Fehler machen Berlin liebenswert."

Das Unfertige der Stadt, auch die Unsicherheit, wohin es gehen soll, das Werden und Abbrechen, Kommen und Gehen, das ist es, was ihn reizt. Und die anderen, die auch deswegen hierher kommen. "Dadurch entstehen Nischenkulturen wie nirgendwo sonst auf der Welt. Du willst einen Flohzirkus aufmachen? Du findest hier garantiert jemanden, der mitmacht. Wahrscheinlich sogar mehrere. Du findest auch einen, der ein Magazin dazu macht. Und ein Privatfernsehen, das sich auf Flohzirkus spezialisiert." Das findet er großartig. Und irgendwie findet er auch die mühsamen Seiten großartig. Dass er ein Fax schickt an seine Hausverwaltung, weil die Wohnung auseinander fällt, und dann erfährt, dass es gar keine Hausverwaltung mehr gibt. Dass auf seinem Türschild "Jenny Christiansen" steht, weil der Türschildmacher partout nicht davon zu überzeugen war, dass Christian Jenny ein richtiger Name ist. Dass hier prinzipiell nur die Straßen renoviert werden, wo der Staatsbesuch durchfährt, "eine Parallelstraße weiter: Dritteweltverhältnisse". Dass Berlin auf Metropole macht und man gleichzeitig von keinem der drei Flughäfen weiter wegkommt als St. Petersburg. Oh, doch, da gibt's doch jetzt diesen einen Amerikaflug. Wird bestimmt bald gestrichen, so einen Versuch gab's schon mal. Dass es hier gute zwei Tage dauert, um eine Vespa anzumelden, "in der Schweiz ist das eine Sache von fünfzehn Minuten. Das sind keine Ämter in der Schweiz. Das sind Hochdienstleistungsunternehmen!"

Berlin hat irgendwie nichts so richtig im Griff. In der Klasse der Hauptstädte ist Berlin der gutmütige Kiffer, dem niemand wirklich böse sein kann. Überbürokratisiert - im Bestreben, das Chaos amtlich zu bändigen, schuf die Stadt ein Ämter-Chaos und blieb darin stecken. Arm - aber das Angebot für Studenten ist nirgends in Europa so großzügig wie hier. Das ist Christian schon fast unangenehm. "Allein meine Ausbildung an der Musikhochschule hier, der Privatunterricht, das ist so abartig teuer - und ich bezahle gerade mal Semestergebühren und kriege dazu noch ein Semesterticket für die ÖVs, das etwa viermal so viel wert ist und außerdem noch unglaubliche Vergünstigungen. Das ist richtig pervers. Und fantastisch. Ich bin sehr dankbar."

Auch Judith Affolter, die Fotografin, die die Bilder zu diesem Artikel gemacht hat, lebt in Berlin. Seit sieben Jahren. Sie ist aus Zürich abgehauen, als sie bemerkte, dass sie an einem Punkt angekommen war, an dem "alles nur noch fetter" wurde: "Größeres Auto, größeres Studio, mehr Geld, und da hab ich mir überlegt: Willst du das denn eigentlich? Und musste sagen - nein." Die Zwischenwelten, die Un-Struktur, das Irgendwie zogen sie an. Sie floh vor der Schubladisierungswut. "In der Schweiz musst du dich die ganze Zeit erklären, profilieren, beweisen. Wer bist du, was machst du. Hier wirst du nicht in ein Muster gedrängt. Es gibt mehr Freaks, Menschen, die irgendwie undefinierter leben, denn hier kann man es, das gefällt mir gut."

Man könnte auch sagen, dass Berlin eine Art unendliche Pubertät erlaubt, die Orientierungssuche als dauerhaftes Lebensprinzip. Wer in Berlin lebt, muss niemals ganz erwachsen werden. Umgekehrt gilt wohl, wer erwachsen werden will, muss Berlin irgendwann hinter sich lassen. Viele bedeutende internationale Künstler haben in Berlin gelebt, als sie noch keiner kannte, der Designer Hedi Slimane, der Künstler Matthew Barney, Musiker wie Nick Cave, Franz Ferdinand, Peaches, Björk oder Brad Mehldau. Um groß zu werden, um zu beweisen, dass sie es nicht nur auf dem Nährboden dieser für alles offenen, alles irgendwie gut findenden Zwischenwelt schaffen können, mussten sie Berlin den Rücken kehren. Hier gilt eben nicht, was Sinatra über New York sang, "If you can make it there, you'll make it anywhere": Wenn du es in Berlin schaffst, heißt das noch nicht viel.

Klar definierte Arbeit, in richtigen Firmen, mit richtigen Strukturen, das existiert in Berlin auch. Stefan Schneck, 42, ist Besitzer des "Nola's am Weinberg" in Prenzlauer Berg. Das "Nola's" ist ein Restaurant mit dem Motto: "SchweizErLeben". Es gibt "Züri Gschnätzläts", "Läberli Spiäss" und "Älpler Magroonä", an der Wand hängen alte Ski, auf der Terrasse, die auf den Volkspark hinausgeht, liegen Schweizer Militärwolldecken auf den Liegestühlen. Schneck hat das "Nola's" nicht aus Heimweh eröffnet, da war er nämlich schon zwölf Jahre hier und völlig akklimatisiert, die Idee kam ihm per Zufall, als er einmal im Winter, als nix los war, auf der Terrasse stand, blauer Himmel, dreißig Zentimeter Neuschnee, Kinder am schlitteln, da dachte er: Skihütte. Seither läuft's wie geschmiert.

Jetzt, März, nachmittags, gleicht das Restaurant einem MuKi-mit-Hund-Vereinstreffen, Nora Tschirner hampelt rum und schneidet Grimassen, die Tischnachbarin will vom Kellner wissen, ob der "Rüeblichueche" mächtig sei. "Der Rüüblikuechen? Nein, der ist leicht. Im Gegensatz zum Schockikuechen." Angelina Jolie und Brad Pitt waren übrigens auch hier, während der Berlinale. Und konnten völlig unbehelligt "Tagliatelle mit Schwümmli" essen. Das findet Stefan Schneck toll, diesen unaufgeregten Umgang mit Prominenten. Die deutsche Schauspielerriege gehört sozusagen zum Inventar. "Solange du dich selber nicht zu wichtig nimmst, ist hier alles schick", sagt er. Es gibt ein Bild, das für ihn Berlin ganz gut zusammenfasst. Er spielt gern Golf. Einfach so, als Spiel, aus Spaß. Mit der elitären Szene, die man in der Schweiz auf Golfplätzen antrifft, will er aber lieber nichts zu tun haben. Hier hingegen gibt es mitten in der Stadt eine Abschlag-Ranch, "und da spielst du neben dem Freak, neben dem Millionär, dem japanischen Businessman, und morgens kommen noch ein paar mit einem Sixpack unterm Arm, direkt vom Ausgang. Das ist doch fantastisch! Genau das ist für mich Berlin." Zu Berlin gehört leider auch der Dreck, das stört Stefan Schneck. "Die Leute passen nicht auf ihre Stadt auf, Graffiti, Zerstörungswut, all das, da merke ich den Schweizer in mir. Ich mag's lieber ein bisschen sauberer."

Natürlich sind die Straßen weniger aufgeräumt als in der Schweiz. Man könnte aber auch sagen: Die Straßen sind öffentlicher hier. Angefangen damit, dass es kaum einen nicht mit Wohnungsgesuchen und -angeboten zugekleisterten Laternenpfahl gibt, die Zettel rascheln im Wind. Immer mal wieder sieht man Installationen aus Müll, sie werden wochen-, ja monatelang nicht abmontiert. Eine frisch gestrichene Hauswand ist höchstens einen Tag lang jungfräulich. Momentan grassieren "FUCK YAL"-Aufkleber, in der ganzen Stadt hängen schon seit langem Poster, wo draufsteht: "Vive la bourgeoisie" oder "Jesus loves you". Autonomes Plakatieren ist ganz groß hier. So groß, dass die Graffiti-Szene zu einem Gegenangriff übergeht und Plakate über die Plakate klebt, Manifeste gegen Poster mit dem Titel: "Fuck Streetart". Keine Idee, die nicht ihre Bühne fände.

Eigentlich ist es sehr leicht zu erklären, warum Berlin so attraktiv ist für viele Schweizer. Es ist ganz einfach in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil der Schweiz. Berlin ist "eine Stadt, verdammt dazu, ewig zu werden und nie zu sein" (hat ein gewisser Karl Scheffler gesagt, 1910) - die Schweiz war schon immer, und Werden wird schön verhindert. Berlin ist groß und flach, die Schweiz ist klein und bergig. Dreck/Unsicherheit/Armut vs. Sauberkeit/Sicherheit/Reichtum. Nach Berlin kommt man, um sich den Luxus zu leisten, zu tun, was man will - in die Schweiz kommt man, um zu tun, was man muss, um sich Luxus leisten zu können. Es bietet sich wirklich an, nach Berlin zu gehen, wenn man genug hat von der Schweiz. Und dass man die Sprache spricht, das System versteht und nur ein paar Flugminuten von zu Hause entfernt ist, erleichtert den Entschluss natürlich ungemein. Man ist ja doch Schweizer. Trotz allem.

Michèle Roten studiert in Berlin und schrieb den Text für das Schweizer Blatt "Das Magazin"

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Foto: Regula Neeracher, Angestellte in einem Geschäft für Künstlerutensilien: "Am Anfang war's schon knallhart. Ich war völlig orientierungslos."

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Foto: Stefan Schneck, Besitzer des "Nola's", einem Schweiz-Restaurant: "Beim Golf spielst du neben dem Freak, neben dem Millionär, das ist doch fantastisch!"

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Foto: Valentin Hitz, Filmemacher: "Dieses Leben birgt die Gefahr, dass man sich darin verliert."

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Foto: Rico Oberholzer, Student an der Universität der Künste: "Man muss sich an ein neues Schauen

gewöhnen, hier hast du gar nix."

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Foto: Christian Jenny, Tenor und Schauspieler: "Ich behaupte, Liebe auf den ersten Blick gibt's im Fall von Berlin nicht. Berlin ist grottenhässlich, genau das macht es liebenswert."