BERLIN. Sie lebte in Berlin, sie nahm sich das Recht heraus, über ihr Leben selbst zu bestimmen, sie war eine gebürtige Kurdin, und sie wurde in Berlin-Neukölln ermordet, von den eigenen Verwandten. Die Rede ist nicht von Hatun Sürücü. Aber wie Hatun Sürücü, die sterben musste, weil sie angeblich zu frei lebte, wurde auch Meryem Ö. das Opfer eines Ehrenmordes. Die 32 Jahre alte Frau wurde im Januar 2005 in Neukölln vom Vater ihrer fünf Kinder erwürgt. Der Mann, ebenfalls Kurde, fühlte sich in seiner Ehre verletzt. Meryem Ö. hatte es gewagt, ihn per Gerichtsbeschluss vor die Tür zu setzen, nachdem er sie jahrelang geschlagen hatte. Der Täter floh in die Türkei.
Wenn Abdurrahman Tarhan von solchen Fällen hört, verdunkelt sich die ohnehin leicht bittere Miene des Mannes ein bisschen mehr. Tarhan ist der Imam der einzigen kurdischen Moschee Berlins. Seine Meinung ist eindeutig: "Im Islam hat die Frau in der Theorie und im Prinzip gleiche Rechte wie der Mann."
Der strenggläubige Muslim kennt viele der 40 000 bis 50 000 Kurden Berlins. Er kennt auch die Familie von Hatun Sürücü, die von ihrem Bruder ermordet worden war. Er kennt sie gut. Seine Moschee liegt am Kottbusser Damm in Berlin-Kreuzberg, nur ein paar Schritte entfernt von der Wohnung der Sürücüs. Doch über diese kurdische Familie redet der Muslim lieber nicht mehr, seitdem er in einer Fernsehsendung den Angehörigen die Tötung indirekt angelastet hatte. Die Familie soll ihn, so ist zu hören, massiv bedrängt haben.
Predigten für Frauenrechte
Imam Tarhan ist eine Autorität unter Berliner Kurden. Seine Stimme zählt in der Gemeinde. "Wie die des Papstes", sagt er beim Gespräch in der Moschee. Täglich besucht er kurdische Familien, spricht mit Vätern und Ehemännern, mit Ehefrauen und Töchtern. Mehrmals im Monat, drei oder vier Mal, manchmal weniger, interveniere er dann direkt, sagt der 61-Jährige. Er versuche "familiäre Katastrophen" zu verhindern. Zum Beispiel, wenn es um die Ehre geht. In der Regel geht es darum, Streit über Liebschaften oder Kleidungsstile der Töchter zu schlichten, da steht Tradition gegen Moderne. Er ist ein Seelsorger, ein Vermittler, ein Helfer. Oft ist er die letzte Instanz, um Unheil zu verhüten. In neunzig Prozent der Fälle könne er etwas tun, einschließlich verhinderter Tötungen, sagt er. Und dann: "Leider geht es darum viel zu viel und viel zu oft."
Bei seinen Familienbesuchen begleitet ihn oft der kurdischstämmige Berliner PDS-Abgeordnete Giyasettin Sayan, der wiederum wie ein Scharnier zur Mehrheitsgesellschaft fungiert. Denn obwohl Tarhan schon seit dreißig Jahren in Deutschland lebt, hat er kein Deutsch gelernt - er hat viel zu viel in der kurdischen Gemeinde zu tun.
Und doch ist er einer, der nicht nur Katastrophen verhindert, sondern einiges für die Integration tut. In der Moschee, bei der Freitagspredigt, spart der Imam Unangenehmes nicht aus. Er sagt zum Beispiel: "Die Männer haben den Frauen das Recht weggenommen, die Kurden wollen es den Frauen zurückgeben." Freiheit und Frauen, sagt der Imam, das seien Themen, die eng verknüpft seien. Alle Kurden seien im Grunde hochpolitisch, wünschten sich Freiheit für ihr Volk. "Wenn ich dann über Rechte von Frauen rede, beeindruckt sie das", sagt er. Und tatsächlich, Tarhan kann einiges durchsetzen. Ein bereits gedrucktes Flugblatt mit einem Demonstrationsaufruf wegen des Karikaturenstreits habe "diesen Raum nicht verlassen", erzählt der Imam ein wenig stolz. Tarhan wollte in der aufgeheizten Atmosphäre Gewalttätigkeiten vermeiden.
Es hängt mit den Strukturen der Berliner Kurden zusammen, dass der Imam solche Macht besitzt. Fast alle stammen aus der Gegend rund um Diyarbakir. Ihre Städte in Ostanatolien heißen Mus, Urfa, Bingöl. Clans bestimmen dort seit langer Zeit, was zu tun und zu unterlassen ist. Clans bestimmen in einigen Familien auch in Berlin. Ihre Oberhäupter hören Tarhan zu, wenn es um die Wiederherstellung der Ehre geht. Und sie reagieren dann. "Wir übernehmen im Grunde die Aufgabe des Staates", sagt der Imam.
Die traditionsbewussten Kurden in der Stadt würden die Diskussionen im Abgeordnetenhaus, in Parteien und Migrantenverbänden entweder nicht wahrnehmen oder völlig ignorieren. Mit ihnen kann der Imam immerhin reden. Aber er weiß, dass da auch die "Unerreichbaren" sind. Diejenigen, die sich auf Veranstaltungen außerhalb der Moscheen treffen. "Solche Leute haben sich seit Jahrzehnten in Deutschland nicht weiterentwickelt", sagt der PDS-Abgeordnete Sayan. "Sie sind nicht integriert."
Wer sich als islamische Frau bei Abdurrahman Tarhan Rat holt, wird allerdings nicht unbedingt in den Fortschritt entlassen. "Als kurdischer Ehemann will ich, dass kurdische Frauen sich normal bedecken", sagt er. In ihrer Sprache stehe der Begriff Frau für Leben, Schönheit. "Man muss Vergewaltigungen und Pöbeleien von Männern und all diese Sachen nicht provozieren." Es müsse kein Kopftuch sein. Aber ein hochgeschlossener Pulli reiche auch nicht. Da versteht man, wie schwer es Frauen wie Hatun Sürücü haben.
------------------------------
Foto: Schlichter im Familienstreit: Abdurrahman Tarhan, Imam der einzigen Berliner kurdischen Moschee.