Melancholia sitzt auf einem Basaltbrocken und kehrt uns den Rücken zu. Brutal kneift ihr das kostbare grünsamtene Korsett in Hüfte und Bauch, verformt die weichen Körperzonen zu harten Wülsten, lässt allerdings links und rechts der Schulterpartie jeweils geheimnisvoll ein Pfauenauge aufleuchten. Das harnischartige Oberteil geht über ein eine steife Halsstütze und von da in einen turmhohen Turban, den man auch als extremen Kopfverband deuten könnte. Oder als Instrument, die Frau still zu halten. "Marin a cholie" Nr. XII mutierte von der sehnsuchtsvoll-erotischen Schwermuts-Göttin, wie der Berliner Clemens Gröszer sie seit 1983 in einer Werkgruppe immer wieder malte (das erste Bild ist in der "Melancholie"-Ausstellung der Neuen Nationalgalerie zu sehen) zu einem Wesen in Rüstung. Dessen Vorgängerinnen waren zumeist noch in ihrem nackten, unbeengten Fleische dargestellt, dazu trugen sie eine dekorative West-Plastiktüte auf dem Kopf. Zwar balanciert auch diese jüngste Melancholia auf Fingerspitzen noch immer die gläserne Kugel mit den Welt-Rätseln, nun allerdings nicht mehr zwischen Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen, sondern vor der Kulisse des Turms zu Babel. Rücklings lagert bedrohlich eine zweite, große Kugel, einer Bombe gleich, auf dem Boden, darüber hängt ein toter Vogel. Dem Betrachter bietet sich kein Blick auf das Gesicht der Frau, nicht mal auf ihr Profil, wie zuletzt noch in Gröszers Varianten des Motivs Ende der Neunziger. Diese jüngste Melancholia, derzeit Blickfang in der Friedrichshainer Galerie im Turm, sinniert nicht mehr traurig-sehnsüchtig-träumerisch, sie ist kaum mehr Bild malerischer Selbstgewissheit - das Szenario ist eher Metapher des Unheilvollen.
Diese nunmehr zwölf Mal gemalte "Marin a cholie", als Metamorphose von Göttin und Hure, und die zahlreichen Selbstbildnisse Gröszers sind Imaginationen - über Kunst und Welt, über Altmeisterliches und Verismus, über Schönheit und Terror. Unverhohlen der Zugriff auf Wahlverwandte: auf Georg Schrimpf und Christian Schad, auf Dix, den Analytiker. Sie alle malten einst den Großstadt-Dschungel. Gröszer zitiert sie in seinen Akten, die unmittelbar mit dem Modell entstehen, vor seinen Mondfrauen und Maskenweibern. Er nimmt den Faden der Altvorderen auf, spinnt ihn mit schillerndem Manierismus in die Jetztzeit. Zugleich sind Gröszers Diabolo-Spieler, die Melancholia-Gestalten und die schrillen Endzeit-Altäre zur Event-Gesellschaft Gleichnisse vom Rollenspiel des Künstlers in einer Zeit, in der die Kunst sich selber abschafft für ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten. Signifikant und erfolgreich steht diese Figurenmalerei in der aktuellen Kunstszene. Bald reisen diese Bilder nach Prag.
Galerie im Turm, Frankfurter Tor 1, bis 21. 4., Di-So 14-20 Uhr, Tel.: 42 29 426.
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Foto: Die Zwölfte von zwölf: Clemens Gröszers "Marin a cholie" von 2000/05.