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TEIL 8

Die langen Schatten über dem Recht

Spaziergänge, Teil 8: Tatort Berlin

Jan Ahrenberg

Nachts, wenn die Touristen in Bussen das Viertel um die Ruinen der Klosterkirche verlassen haben, liegt der einst prächtige Bau des Berliner Landes- und Amtsgerichts Mitte verlassen da. Baugerüste verdecken Teile des Eingangs. In den hohen Fenstern der Jugendstilfassade sammeln sich lange Schatten und verleihen dem Justizpalast ein düsteres Äußeres. Einst war der Prunkbau ein Symbol für die hohe Gesinnung der Rechtsprechung. Doch der Glanz, den das Gebäude bis zu seiner teilweisen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ausstrahlte, scheint heute unwiederbringlich verloren - begraben unter einer Staubschicht von nicht enden wollenden Sanierungsarbeiten.

Seit fünfzehn Jahren mühen sich Handwerker um die Erhaltung des Kolosses. Doch das Geld ist knapp und ein Abschluss der Arbeiten nicht in Sicht. Derweil läuft tagsüber der Betrieb in den Gerichtssälen wie gewohnt: Testamente werden eröffnet, Zwangsversteigerungen anberaumt und Vormundschaften verhandelt. Nüchterne Betriebsamkeit wie in so vielen Gerichten Deutschlands.

Betritt man den Komplex durch den Haupteingang in der Littenstraße, bekommt man eine kleine Ahnung davon, wie imposant selbst die Reste des Gebäudes einst wieder sein könnten: Licht und feierlich empfängt die zentrale Eingangshalle den Besucher. Eine reich verzierte Zwillingstreppe führt auf die Galerien und zu den dahinter gelegenen Büros und Sälen. Den Architekten Paul Thoemer und Rudolf Mönnich ist es vor über 100 Jahren gelungen, dem Komplex jene Aura von Erhabenheit zu verleihen, mit der sich die Monarchie gern schmückte.

Das Amtsgericht ist auch ein Ort der Geschichte und Geschichten. Ein tragisches Beispiel ist das Schicksal des Rechtsanwalts Hans Litten. Er ließ sich 1928 als Rechtsanwalt im damaligen Kammergericht Mitte nieder. Bereits 1929 sorgte er für politischen Wirbel. Er verklagte den für die Toten des Maiaufstandes verantwortlichen Polizeipräsidenten Karl Friedrich Zörgiebel. Einen Todfeind schuf er sich 1931 in Adolf Hitler. Dieser vergaß nie, dass Litten ihn zum "Eden-Prozess", bei dem SA-Angehörige für einen Überfall auf eine Arbeiterkneipe vor Gericht standen, als Zeugen vorlud. Hitler ließ ihn 1933 verhaften und später in das KZ Dachau transportieren, wo Litten 1938 ermordet wurde. Heute erinnert eine Gedenktafel neben dem Haupteingang an ihn.

In den Räumen des Gerichtsgebäudes fand auch jenes Husarenstück statt, bei dem sich der vorbestrafte Kriminelle Josef Franke in den Nachkriegswirren ein Richteramt erschlich und jahrelang unentdeckt blieb. Keines seiner rund 7 000 Urteile wurde nach seiner Enttarnung zurückgenommen. Kaum ein Betrug pointiert die Unterwanderung der staatlichen Bemühungen um Recht und Ordnung so treffend wie dieser Fall am Amtsgericht Mitte. Ausgerechnet hier, wo der Überlegenheit der Justiz ein strahlendes Denkmal gesetzt wurde, musste sie eine solch empfindliche Schlappe hinnehmen.

Anwälte werden zu Opfern, Täter zu Richtern, und kleine Schieber zu Gangsterbossen: Die Kriminalgeschichte der Stadt ist ebenso facettenreich wie spannend. Das Amtsgericht Mitte ist nur eine Station des Spaziergangs "Tatort Berlin", der heute als Karte der Berliner Zeitung beiliegt. Die Tour führt von der Mulackstraße über den Molkenmarkt bis zum Hotel Adlon (ca. fünf Kilometer) und dauert vier Stunden.