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OSCAR FÜR DIE BESTE REGIE

Zwei Cowboys lieben gefährlich

DIE 78. OSCAR-VERLEIHUNG: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences rief mit ihren Entscheidungen zur Toleranz auf - allerdings schön im Rahmen der Konventionen.

Anke Westphal

Wieder ist es Abend geworden auf dem Brokeback Mountain. Die Cowboys Jack und Ennis haben ihr Tagewerk verrichtet, die Klauen der Schafe gesäubert und die Wölfe verjagt. Sie haben sich am Fluss gewaschen und ihr Essen am offenen Feuer zubereitet; nun wird der Feierabend mit einer Flasche Whiskey gewürdigt. Jack und Ennis arbeiten schon einige Zeit gemeinsam in dieser splendid isolation einer ebenso erhabenen wie gleichgültigen Natur. Die beiden jungen Männer reden wenig miteinander, haben aber schon viele verstohlene Blicke getauscht. Wenn Jack Twist und Ennis Del Mar jetzt plötzlich übereinander herfallen, muss das der Natur nur natürlich erscheinen. Denn der Natur erscheint alles natürlich: Geburt und Tod ebenso wie alle Arten von Kampf und Zuwendung.

Die erste Liebesszene zwischen Jack und Ennis in Ang Lees Spät-Western "Brokeback Mountain" ist eine der schönsten Liebesszenen der Filmgeschichte überhaupt: roh und zärtlich, voller Dringlichkeit, wortlos und überaus beredt. Beredt ist auch das Schweigen nach dieser stürmischen Liebesnacht, in der die Wölfe zum ersten Mal auch ein Schaf aus der Herde gerissen haben - es ist ein Schweigen der Hilflosigkeit in einem großen Film. Schließlich versichern Ennis und Jack einander, keineswegs schwul zu sein. Man schreibt das Jahr 1963; die Cowboys schauen den fahrenden Zügen nicht mehr hinterher. Das Unbekannte liegt in diesem Film ja ganz nahe, in ihnen drin. Ennis (Heath Ledger) lernt Jack (Jake Gyllenhaal) kennen, als er sich bei einem Farmer um einen Job bewirbt. Auch Jack braucht einen Job. Dass aus den Konkurrenten ein Liebespaar wird, war nicht vorgesehen. Denn wie überall in diesem Land of the free and home of the brave weisen auch im Wyoming des Jahres 1963 Jungs ihre Anständigkeit nach, indem sie brave Mädchen heiraten. Die Gegend um den Brokeback Mountain ist schön, aber es ist kein Land mehr, in dem alle Arten von Liebe und Zuneigung natürlich erscheinen.

Ang Lee ist nicht nur der beste Regisseur unserer Zeit - er ist auch ein melancholischer Romantiker. Die Geschichte von Jack und Ennis spannt sich in seinem Film über mehr als zwanzig Jahre, in denen die beiden Männer Ehen eingehen, die von Beginn an kein Glück versprechen können; in denen Kindern geboren und ihren Vätern entfremdet werden; und in denen sich Jack und Ennis immer wieder in den blauen Bergen treffen - offiziell zum Angelwochenende. Dass das Angeln nur die halbe Wahrheit ist, geht Ennis' Frau Alma (Michelle Williams) schlagartig auf, als sie den Ehemann zufällig in leidenschaftlicher Umarmung mit dem Überraschungsgast Jack beobachtet: Die Männer fressen einander fast auf vor Glück; so umarmen sich keine Kumpel. So beginnen Tragödien - mit heimlichen Blicken auf unerlaubtes Tun und in verbotene Ferne.

Gewiss erzählt Ang Lee in "Brokeback Mountain" eine ganz besondere Geschichte über eine nicht ausgelebte Liebe, die sich nicht gegen die Gesellschaft behaupten kann, weil deren Verständnis von Natur und Kultur nun mal unverblümt rigide ist. Aber es ist auch eine universelle Geschichte über die Natur des Menschen - über die Ersatzexistenzen, die er sich aufbaut wie Kartenhäuser, und die Arrangements, die er auch gegen seine Natur trifft. Ennis etwa fühlt sich auch an ein unaufrichtiges Eheversprechen gebunden, und er ist zu ängstlich, um mit Jack ein neues Leben in einem toleranteren Umfeld zu beginnen, etwa in San Francisco. So bleibt es bei den Angelausflügen, und über der zwischen ihnen vergehenden Zeit werden die beiden Männer älter und einsamer. Aber auch ihre Frauen werden unglücklich wegen einer Lüge, die sich indes grausam erklärt: Als Kind wurde Ennis von seinem Vater gezwungen, die Leichen zweier Männer anzusehen, die man ihrer Homosexualität wegen totgeschlagen hatte. So viel Ennis damals begriff, war sein Vater selbst der Täter. Das Trauma bestimmt nun sein Leben. Auch der mutigere Jack wird irgendwo an einem "Unfall" sterben.

"Brokeback Mountain" wurde im September 2005 mit dem Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig ausgezeichnet. In der Nacht zum Montag war der Film mit acht Nominierungen der große Favorit der 78. Oscar-Verleihung, und er gewann immerhin drei der Trophäen - obwohl sich etliche Mitglieder der Oscar-Akademie in den der Zeremonie vorangegangen Monaten geweigert haben, Ang Lees Film anzusehen: Sie hatten sich von der Liebesgeschichte zwischen zwei Männern abgestoßen gefühlt. Dass nun einerseits der Vorwurf der Homophobie an eine nur scheinbar liberale Filmbranche ergeht, während andererseits ausgerechnet Filme wie "Brokeback Mountain" oder auch Bennett Millers "Capote" zu den diesjährigen Oscar-Favoriten gehörten, lässt ahnen, wie tief Hollywoods Zwiespalt reicht. Und wie mächtig ein unabhängiger Geist ist. Die Global Language Monitor Group, die alljährlich sprachliche Komponenten von Filmen untersucht, registrierte bei der Internetsuchmaschine google 30 Millionen Treffer für "Brokeback" - es ist das Wort des Jahres 2006.

Brokeback Mountain USA 2005. Regie: Ang Lee, Drehbuch: Larry McMurtry, Diana Ossana, nach der Erzählung von E. Annie Proulx, Kamera: Rodrigo Prieto, Darsteller: Heath Ledger, Jake Gyllenhaal u.a.; 134 Minuten, Farbe.

Ab heute im Kino.

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Foto: Jack (Jake Gyllenhaal, l.) und Ennis (Heath Ledger) sind ein schönes Paar.