Erst ein bisschen später versteht man, wie Franz Klammer das mit dem Oberschenkel meint. Es ist ein ziemlich ungewöhnlicher Vergleich, den der Olympiasieger von 1976 da anstellt. Klammer gewann bei den Winterspielen in Innsbruck die alpine Abfahrt am Patscherkofel. Mittlerweile ist er 52 und hat Spaß daran, Gästen die Skigebiete seiner Kärntner Heimat zu zeigen. Den ganzen Vormittag ist er am Katschberg elegant vorausgefahren. Aber nun hat er die Ski vor der Hütte abgestellt, den Anorak ausgezogen. In der Stube der Gamskogelhütte, auf 1 850 Metern Höhe, philosophiert er mit den Gästen, die ihm am großen Holztisch gegenübersitzen, nach ein bisschen alltäglichem Geplänkel über Oberschenkel von Skirennläufern. Er sagt, dass vor 30 Jahren ganz andere Athletentypen dominierten: kleinere, schmale Fahrer, die 70, 75 Kilo wogen. "Heute wiegen die Topleute neunzig, hundert Kilo", sagt der Kombinations-Weltmeister von 1973/74, der Mitte der 70er-Jahre 25 Siege im Abfahrtsweltcup erzielte. "Heute kommt es nur darauf an, wer die dicksten Oberschenkel hat", sagt er. Die Renngeschwindigkeit sei höher, die Fliehkräfte stärker, "Sprünge rattern alle mit Höchstgeschwindigkeit runter." Klammer ist ein bisschen das Gefühl abhanden gekommen im aktuellen Weltcupzirkus, die Technik in den Kurven, das Timing beim Sprung, vor allem aber die individuelle Note.
"Mit den Skigebieten ist es genauso wie mit den Oberschenkeln", findet er. Die modernen, schnellen, lauten, brutalen mit Abfertigungshallen statt gemütlicher Hütten, die mag er nicht. Am Katschberg, sagt Klammer, da ist das anders. "Hier haben die Menschen mehr Gefühl." Die Pisten sind sanft, Après-Gelage gibt es nicht, außerdem ist die Gegend weniger verbaut als anderswo. Tatsächlich gilt das Familienskigebiet an der Grenze zwischen Salzburg und Kärnten mit seinen 60 Pistenkilometern noch als Geheimtipp. Charakteristisch sind die breiten Pisten, die Carvern und Snowboardern Platz für ausladende Schwünge lassen. Anspruchsvolle Fahrer kommen auch auf ihre Kosten: auf der Direttissima, einer 2,2 Kilometer langen schwarzen Abfahrt vom Aineck auf 2 220 Metern Höhe bis zur Talstation Katschberghöhe auf 1 641 Metern. Ihr Spitzname: Kärntner Streif.
Auf der Streif in Kitzbühel hat Klammer damals vier Mal die Abfahrt gewonnen. Heute lebt er mit Frau und Töchtern weiter weg von den Bergen in Wien. Er sagt: "Ich bin ein Kärntner, der in Kärnten Urlaub macht." Er hat noch immer etwas von dem Charme des Bergbauernbuben aus Mooswald, der damals die Hänge hinaufstapfte, weil es noch keinen Lift gab. Skifahren ist für ihn ein Genuss. Normalerweise, sagt Klammer, "bin ich morgens um neun auf dem Berg und fahre drei Stunden intensiv", dann kommt die Einkehr. Auch da genießt Klammer intensiv. Auf der Hütte bestellt er Schweinsbraten, Rotwein zum Abschluss einen Zirbenschnaps, und weil sie den Klammer Franz hier oben kennen und wissen, dass er einer von ihnen geblieben ist, bringt der Wirt die große Kiste mit den Zigarren. Klammer genießt gern - und er mag es, wenn Gäste kommen und ihn fotografieren: den Klammer Franz mit Rotweinglas, den Klammer Franz mit Zigarre. Er grinst ziemlich breit, streicht sich durch das blonde, kinnlange Haar, das ein bisschen verwuschelt von der Skimütze ist, und sagt: "Hab' ich ein Glück, dass ich ein Ex-Skifahrer bin." Nach der Pause schnallt er wieder die Ski an und während die Gäste noch ihre Handschuhhände durch die Schlaufen der Skistöcke fädeln, ist Klammer schon 100 Meter weit geglitten. Die Pisten am Katschberg sind perfekt präpariert. Heftige Schneefälle zu Jahresbeginn haben eine gute Grundlage geschaffen.
Über eine Verbindungsbrücke mit Förderband gelangt Klammer im Ort Katschberg mit der Gruppe auf die andere Talseite, von der ein Sechsersessel auf das 2 030 Meter hohe Tschaneck führt. Ein kalter Wind weht Schneeschleier von den zackigen Felsgipfeln ringsum. Die Skischaukel Katschberg/Aineck gehört zu den fünf großen Skigebieten Kärntens. Auch nach Bad Kleinkirchheim, zur Turracher Höhe, zum Mölltaler Gletscher oder zur Skiarena Nassfeld, die 100 Pistenkilometer sowie die 7,6 Kilometer lange Carnia Talabfahrt bietet, ist es nicht allzu weit. Am Tschaneck zeigt Klammer den Gästen, wo der Weg abseits präparierter Pisten im Tiefschnee zur Pritzhütte führt. Die Wirtschaft erreicht man sonst vom Ort nur zu Fuß oder mit dem Pferdeschlitten, den sie am Katschberg Bio-Lift nennen. Und auf der Pritzhütte spielen meist Musikanten, während den Gästen herzhafte Kärntner Speisen aufgetischt werden. Aber Klammer wählt nicht die Tiefschneeabfahrt. Er schwingt in schnellen, kurzen Radien die Piste hinunter. Als dann einer der Gäste vor der Verabschiedung ein Foto schießen will, schnallt er seine Ski ab und hält sie vor sich in die Kamera, so, dass man später auf dem Bild die Herstellermarke lesen kann - genau, wie es die Aktiven im Weltcup tun. In diesem Moment hat man das Gefühlt, Franz Klammer hat vergessen, dass er jetzt kein Rennläufer mehr ist, sondern ein Kärntner im Urlaub in Kärnten.
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SERVICE
Anreise: Flug mit HLX von Berlin nach Klagenfurt ab 19,99 Euro. Vom Flughafen mit einem Shuttlebus (80 Euro) in die Skigebiete oder man lässt sich vom Hotel abholen.
Unterkunft: Hotel Hinteregger in Katschberg, Tel.: 0043/473 42 19; im Skigebiet Nassfeld Falkensteiner Hotel Carinzia, Tröpolach 156, 9631 Hermagor, Tel.: 0043/428 57 20 00.
Skipass: Der 6-Tage-Topskipass Gold-Version, der für 28 Kärntner und sechs weitere Skigebiete in Osttirol gilt, kostet 169 Euro. Für die Tageskarte am Katschberg bezahlen Erwachsene 31,50 Euro, Kinder 16 Euro. Am Nassfeld kostet die Tageskarte für Erwachsene 35 Euro, für Kinder 18 Euro.
Auskünfte: Kärnten Werbung, Tel.: 0043/463 30 00; Tourismusregion Katschberg-Rennweg, Tel.: 0043/473 46 30.
Im Internet:
www.kaernten.at
www.katschberg-rennweg.at
www.familienhotel-hinteregger.at
www.falkensteiner.com
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Foto (2): Am Fuße der Tschaneckpisten liegt die Ferienparkanlage Katschberg. Das Hüttendorf wurde gerade erst eröffnet.
Der Name zieht noch immer.