BUNNEN. Lautlos schleicht Silas um die Stallecke. Behutsam reckt der Schimmel dem Gast seine Nüstern entgegen. Vorsichtig, ganz vorsichtig schmiegt er den Kopf an den fremden Körper, sucht den Geruch, die Wärme und die Stimme. Silas genießt mit allen Sinnen, die ihm zur Verfügung stehen. Seit einer Virusinfektion ist der Wallach blind.
Trotzdem, und das freut Barbara Deppe, ist Silas der Herr über die anderen zwölf Pferde und Ponys auf dem Hagel-Hof bei Bunnen, einem Altersheim für mehr als 500 Tiere. Seit 1995 kümmert sich die 40-Jährige aus Bochum mit all ihrer Kraft um Tiere, für die sich sonst niemand mehr interessiert. In diesem Winter drohte dem Gnadenhof über Wochen das Aus: Nach der Pleite des Tierschutzvereins Arche 2000 fehlten Monat für Monat 1 500 Euro. Inzwischen hat sich die Lage leicht gebessert. Aber immer noch werden dringend Spender gesucht.
Auf dem ehemaligen Bauernhof im Oldenburgischen an der Straße zwischen Essen und Löningen leben 70 verschiedene Arten. Da tummeln sich Linus, Urmel und Herr Schmidt, die Kaimane, in ihrem beheizten Bassin, während Jürgen und Günter mit den Pfauen um die Wette schreien. Die Puter mit den maskulinen Namen sind von Tierschützern demonstrativ aus einem Massen-Stall befreit worden. Die Kaimane ohne Papiere wurden von einem Jugendlichen gekauft. Er filmte den Handel mit versteckter Kamera, um aufzudecken, wie verantwortungslos manche Händler mit Lebewesen umgehen. Ungeliebte Python-Schlangen finden vor Barbara Deppe ebenso Gnade wie Vogelspinnen, Gambia-Riesenhamsterratten und rund 100 Schildkröten in verschiedenen Größen - zu Lande und zu Wasser.
Schon von Kindheit an hat sich Barbara Deppe für exotische Tiere begeistert. Als ihr Haus in Bochum zu klein wurde, weil sie 80 dem Tod geweihte Kreaturen bei sich aufgenommen hatte, bat die gelernte Tierarzthelferin ihre Eltern, das Erbe vorzeitig auszuzahlen. Mit dem Geld kaufte sie das fast verfallene Gehöft in Bunnen, renovierte es halbwegs und eröffnete das Heim für chronisch kranke und behinderte Tiere. Das war vor zehn Jahren. "Ich kenne keinen Gnadenhof mit Auffangstation für Exoten in Deutschland mit mehr Arten", sagt Barbara Deppe. Diese Vielfalt stellt die Tierschützerin und Mutter zweier Kinder natürlich vor große Herausforderungen. Jedes Tier braucht spezielle Fürsorge. Und Füttern allein reicht nicht. Eine Schlange zum Beispiel wird nicht so schnell vor Hunger krank, sondern eher mangels Wärme oder fehlender UV-Bestrahlung.
"Vieles weiß ich durch meine Ausbildung, aber das meiste musste ich mir aneignen", sagt sie. Bis zu drei Mal am Tag rufen Menschen auf dem Hagel-Hof an, die ein Tier loswerden wollen. "Oft höre ich den Begriff Hartz IV", sagt Barbara Deppe. Finanzielle Probleme führen dann dazu, dass ein Tier nicht mehr gehalten werden kann. Meistens handelt es sich aber um Tiere, deren Besitzer es nicht übers Herz bringen, sie zu töten: die Gans, die als Weihnachtsbraten gedacht war, Pferde, die man nicht mehr reiten kann, oder die Kuh Clarissa, deren treue braune Augen ihr das Schicksal, als Steak zu enden, ersparten.
Derzeit drücken Barbara Deppe, die alles für die Tiere gegeben hat, selbst Geldsorgen. Allein für Energie muss sie monatlich 800 Euro überweisen. Die Beiträge der 40 Mitglieder des Hagel-Hof-Vereins reichen kaum aus, um das Futter für über 500 Tiere zu bezahlen. Darum hat sie eine Initiative im Internet gestartet. Gesucht werden Paten, die einen monatlichen Betrag für ein bestimmtes Tier bezahlen. Die Patenschaft für Clarissa, die Kuh mit den braunen Augen, kostet 50 Euro. Hängebauchschwein Miro, das früher in einer Düsseldorfer Mietwohnung lebte und aus dem Barbara Deppe "erstmal wieder ein richtiges Schwein machen" musste, ist für monatlich 20 Euro zu haben. Außerdem hat sie 300 Freiwillige gesucht, die pro Monat fünf Euro entbehren können. Die Hälfte hat sie mittlerweile gefunden. Barbara Deppe ist inzwischen zuversichtlich, dass sie dem blinden Silas und den anderen weiter das Gnadenbrot geben kann.
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"Big Brother" auf dem Hagel-Hof
Der Gnadenhof von Barbara Deppe liegt im Süd-Oldenburger Münsterland. Er besteht seit 1995. Gepflegt werden nicht nur Pferde, Schweine, Hunde oder Hühner. Barbara Deppe betreut auch Krokodile, Straußenvögel, Kaimane und viele Schildkröten. Hahn Konstantin und das übrige Federvieh haben wegen der Vogelgrippe Stallarrest.
Der Hagel-Hof wird ausschließlich durch Spenden finanziert (Spendenkonto bei der Postbank Dortmund, BLZ 440 100 46, Konto 238067460). Patenschaften für Tiere können ebenfalls übernommen werden. Silas, das blinde Pferd, beispielsweise ist für 40 Euro monatlich zu haben.
Die Tiere aus der Show "Big Brother - Das Dorf" zogen jüngst auf den Gnadenhof. Die Show-Teilnehmer sammelten 4 000 Euro für den Hagel-Hof.
Weitere Infos unter: www.hagelhof.de
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Foto: Ein Herz für alte und kranke Tiere hat Barbara Deppe, hier mit Clarissa, der Kuh.