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Verebbender Fluglärm

Jochen Kowalski sang Songs von Klaus Nomi. Und alle wollten dabei sein

Wolfgang Fuhrmann

Das Ensemble UnitedBerlin hat am Mittwoch im Konzerthaus sein Konzert mit Verspätung beginnen müssen: Die anthrazitfarbene Schachtel des Werner-Otto-Saals war völlig überfüllt, für etwa zwei Dutzend Besucher mussten noch Stühle herangeschafft werden. So etwas ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich für ein Konzert, das ganz neue Werke präsentierte, entstanden zwischen 1990 und 1999.

Der immense Andrang und der gehobene Altersdurchschnitt des Publikums sind indes leicht zu erklären. Für das Konzert war Jochen Kowalski gewonnen worden, jahrzehntelang der Altist der Komischen Oper, ja der DDR. Seine Bewunderer sind treu. Dass sie auch leidensfähig sind, zeigte sich während der ersten Programmhälfte, in der drei Instrumentalstücke im internationalen Stil erklangen. Oliver Schnellers "Aqua Vit" ist eine recht ziellos sich dahin wälzende Studie über Klangspektren, Gérard Pessons "Le gel, par jeu" ein heimlich-heiter wuselnder und knuspernder Totentanz, Mauro Lanzas "Aschenblume" eine raffinierte Verkettung von Ostinato-Figuren, die sich in einer gewaltigen Schlusssteigerung zu dröhnendem Pulsieren entraffiniert. Das Publikum klatschte tapfer, nur einige grämliche ältere Paare rührten die Hände nicht.

Dann, nach der Pause, trat mit großem Schwung Kowalski auf, ein selten gewordener Gast im Berliner Musikleben und sofort von Jubel umbrandet. Er hatte sich für ein Projekt der besonderen Art gewinnen lassen, eine Aufführung von Olga Neuwirths "Hommage à Klaus Nomi". Was Neuwirth an Nomis Erscheinung und Gesang fasziniert, ist nicht schwer zu erkennen. Es ist die Verheißung eines zugleich exaltierten und roboterhaften, zugleich androgynen und asexuellen Lebens jenseits des Mann/Frau-, ja des Mensch-Seins überhaupt. Neuwirth hat vier der bekanntesten Nomi-Songs in ihr unverwechselbares Idiom übersetzt, das von kichernden und quäkenden Bläsern, fiesen Schlagzeugeffekten, plötzlichem Absacken im Tempo und sonstigen Bizarrerien übervoll ist; am Ende von Hollaender-Nomi-Neuwirths "Can't help it" ("Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt") schrubbt der Gitarrist mit einem Plektrum auf den elektrisch verstärkten Saiten rum, das klingt wie verebbender Fluglärm.

Kowalski hat sich in diese Lieder mit Emphase hineingestürzt, die in interessantem Kontrast zu seinem distinguierten Auftreten im dunklen Anzug stand. Freilich hat Kowalski, wo Nomi sich als menschenferne Puppe inszenierte, das Schlagerhafte in Bewegung und Kontaktsuche zum Publikum stark hervorgehoben, auch kultivierte er den harten deutschen Akzent nicht so sehr wie Nomi. Aber deutlich wurde das essenziell Tuntenhafte der hohen Männerstimme in Nomis Liedern, bei der das Hochfahren der Stimme ja zum Formprinzip unterkühlter Hysterie wird (wenn es so etwas gibt). Dazu verwandelte sich das Ensemble UnitedBerlin unter Ferenc Gabors ekstatischer Leitung in eine beschwingte Combo. Die Wiederholung von "Can't help it" widmete Kowalski, weil ja Berlinale ist, "Marlene". Klatschen, Blumen.

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Foto : Der Altist Jochen Kowalski - mit den Augen auf Kontaktsuche.