Natur-Vision und Stadt-Raum sind typisch Berlinische Maler-Themen. Vor dem Krieg waren es die Expressionisten, die Neusachlichen und Veristen, die ihr visionäres, emotional übersteigertes oder hyperrealistisches Bildgeschehen erfanden beziehungsweise dem Alltag abguckten. Von der Nachkriegszeit an bis heute, im Osten wie im Westen der lange geteilten Stadt, halten Maler an besagten Sujets fest. Wolfgang Leber ist einer von ihnen. Aber er malt und zeichnet deutlich anders: leichter, konstruktiver, espritgeladener. Der äußerlich so preußisch akkurat, streng und zurückhaltend wirkende Künstler gestaltet eher Bilder wie ein Wahlverwandter des Franzosen Matisse. Und in jüngster Zeit entdeckt man immer mehr Bezüge zu Picasso, zu dessen kubistisch zerlegten Räumen und Frauengestalten.
Heute wird Wolfgang Leber siebzig - und noch immer ist sein malerischer Resonanzboden die Großstadt. Zwei Jubiläumsausstellungen, eine in Mitte, die andere in Pankow, machen es sichtbar. Nach wie vor dominiert das zeichenhaft Verknappte - ob bei der Figur, bei Architekturen, Landschaften oder Interieurs. Es ist gleichsam eine Verflechtung von Organischem und Tektonischem, das dem kubistischen Formvokabular sehr nahe steht. Die Figuren im Raum haben nichts von der Hektik und Turbulenz der globalisierten Großstadt, sie wühlen nichts Historisches auf und stellen auch keine Exotik aus. Diese in Linien und Farb-Labyrinthe hineingespannten Gestalten haben etwas Fremdes, Traumwandlerisches. In anonymen Räumen scheinen sie zu warten. Worauf nur?
Leber sagt, er verstehe den Raum "nicht als Dimension von etwas, sondern als Impuls für etwas": Anwesenheit und Abwesenheit verschränken sich, Sichtbares und Unsichtbares sind im Spiel.
Seit den Sechzigern zählt dieser Maler, der in den Fünfzigern an der Kunsthochschule Charlottenburg, heute HdK, studierte und später zeitweilig an der Kunsthochschule Weißensee als Gastdozent, dann als Gastprofessor lehrte, zur sogenannten Berliner Schule. Zu dem Kreis gehörten auch die Maler Lothar und Christa Böhme, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Harald Metzkes, Klaus Roenspieß und der Bildhauer Werner Stötzer. Allerdings war das nie eine homogene Gruppe, es gab nicht mal ein Programm, nur die Grundgesinnung, die ideologisch im Sinne des damals in der DDR verlangen "Sozialistischen Realismus" nicht korrumpierbar war. Diese Wahlverwandtschaft setzte sich ab vom zeitkritisch-metaphorischen Realismus der Leipziger Schule, lehnte sich an Picasso, Cézanne, Schlemmer, Klee, Matisse und die italienischen Maler des magischen Realismus - von de Chirico bis Morandi - an. Und dazu bevorzugte Leber in seinen Bildern, inzwischen auch bei den Skulpturen, schon immer eine gewisse lakonische Poesie. Zugewanderte hingegen lassen in ihre Arbeiten eher das Leibliche einfließen. Oder das Romantische und Arkadische.
Zwei Bilder Lebers gehören der Neuen Nationalgalerie: der "Träumer" und "Figuren vor einem Eingang", beide von 1977. Es ging dem Maler zu dieser Zeit, als von den Künstlern Heldenbilder und optimistische Szenen verlangt wurden, um das Verhältnis von Innen und Außen, um die Verschiedenartigkeit der Blickpunkte.
Leber begann früh, seine Arbeit an den Experimenten wie den Qualitäten der Moderne zu messen. Heute stilisiert er mehr denn je die einzelne Figur bis zur Schablonenhaftigkeit. Doch es sind keine entseelten Staffagen, dazu wirken die Gestalten viel zu eigenwillig in ihrer kostbaren, leuchtenden Farbigkeit inmitten der kahlen Umgebung. Die verschobenen Perspektiven, Überschneidungen, Lichtreflexe sind lesbar als Gleichnis für Großstadt-Existenz. Rätselhaft korrespondieren Emotionales und Rationales. Nie geht es um vordergründige Aufklärung, eher um Zustände. Ohne Zivilisationskritik, aber mit Gespür für Leere, für Einsamkeit.
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Ausstellungen
Die Galerie Pankow ehrt Wolfgang Leber zu seinem heutigen "70." mit einer Retrospektive: Breite Straße 8, bis 11. März, Di-Sa 15-20 Uhr.
Die Galerie Berlin zeigt Gemälde und Skulpturen des Jubilars im Dialog mit wahlverwandten Bildern von Jens Elgner: Auguststraße. 19, bis 25. Februar Di-Sa 12-18 Uhr.
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Foto: Wolfgang Leber im Atelier bei einem Italienaufenthalt in Agnedo, 1996