Hanne Darboven, die knabenhafte Frau im Männeranzug und mit raspelkurzen Haaren entstammt der gleichnamigen Hamburger Kaffeerösterdynastie und ist Deutschlands manischste, auch konsequenteste Konzeptkünstlerin. Längst gehören ihre raumfüllenden Zahlenpartituren den großen Museen der Welt. Das Guggenheim New York sammelt ihre Arbeiten schon seit den Siebzigern. Sie wird auf Weltausstellungen wie der Documenta und auf Biennalen gefeiert, aber sie ist extrem öffentlichkeitsscheu. Und das nicht erst, seit sie schwer krank ist und sich noch rarer macht, weil sie mit ihren Kräften geizen muss.
9720 von Zahlenstraßen und -formationen überzogene Blätter hat sie in die Deutsche Guggenheim gegeben. Jetzt werden sie dort - vor ihrem 65. Geburtstag am 29. April - ausgestellt. Zu sehen ist verwirrend viel Numerisches, das der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Wie nur liest man die verflossene Zeit? Auch Darboven hält diese Frage für schwierig und verwirrend. Auf ihren Geschichtstafeln von 1990 bis 2000 finden sich die deutsche Wiedervereinigung, aber auch der erste Golf- und der Kosovokrieg. Die Welt hatte sich neu geordnet, der Kalte Krieg war offiziell beendet, aber neue mörderische Konflikte brachen auf.
Hanne Darboven, glaubt, sie habe eine Form gefunden, die schwierige Frage nach der verflossenen Zeit zumindest für sich zu beantworten. Sie schrieb ihre Interpretation der letzten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts in vier Komplexen auf Millimeterpapier nieder - in kalendarischen Zahlen, als Ziffer oder ausgeschrieben als Wort. Schier unendliche Male steht da "eins eins eins...", "sieben, sieben, sieben..." oder "elf, elf, elf...", der Monat ist links oben, ganz kleingeschrieben, notiert. Diese 9 720 Blätter bedecken jetzt - von Holzrahmungen gefasst, die mit blauen Dreiecken, Voluten und gelben Punkten bemalt sind - die Ausstellungssäle der Deutschen Guggenheim in Berlin: wandfüllend, ohne jede Lücke.
Ein obsessiver, gleichsam mathematischer Plan muss Grundlage solch einer durchkonstruierten Dokumentation gewesen sein. Dieses Darbovensche Konzept bringt Zeit und Geschichte in ein eigenwilliges Ordnungssystem, das sich gesamt betrachtet zur Raumskulptur fügt. Im Detail verlangt es allerdings einen unbedingt hochkonzentrierten Betrachter. In einem der seltenen Gespräche über ihre Arbeit sagt die Künstlerin: "Diese Methode ermöglicht es mir, die Welt für mich selbst ein wenig einzukreisen."
In diesen Kreis hinein gehört für sie der Jahrhundertkünstler Picasso. Ihm widmet sie diese Berliner Installation als Hommage. Zwischen seinem Werk und ihrem schier endlosen Zahlen-Schreiben sucht sie die Rolle des Wiederholens, des Zitierens und der Verehrung in der Kunst genauer zu erfassen. Zwischen die Zahlenwände hat sie die Picasso-Lithografie "Sitzende Frau in türkischer Tracht" von 1955 platziert, dazu eine bronzene Nachbildung von Picassos trächtiger "Ziege", außerdem eine Porträtbüste des Spaniers. Am Ende des Raumes, unmittelbar vor den Kalender-Daten-Reihen, steht eine Eselsfamilie aus Birkenreisig, kunstvoll gefertigt von polnischen Besenbindern. Mit diesen archaischen Tiergestalten will sie einfach nur nach dem Entstehen von Kunst fragen und auf den Zusammenhang von Konzept und Handwerk verweisen. Sie widerlegt so nicht zuletzt das Vorurteil, ihre "Zahlen-Akrobatik" sei kopflastig.
Für ihre "Hommage à Picasso" schrieb Darboven zugleich ein Musikstück, bei dem 120 Instrumente zum Einsatz kommen und das ihr der Musikwissenschaftler Wolfgang Marx aus dem Autograph übertragen hat. In den Ausstellungsraum strömt aus unsichtbaren Lautsprechern eigenartig rhythmisierte, dunkle Musik: Cellos, Geigen, Flöten, Oboen, Trompeten, Hörner, Pauken und Zimbel haben in diesem "Opus 60" nur minimalistische Auftritte und laden diese ganze Kathedrale aus Geschriebenem doch zusätzlich auf mit Pathos. Einem Pathos, das nicht überwältigen will, sondern sanft berührt und die Gedanken gleichsam nach oben, in eine imaginäre Kuppel, erhebt.
"Ich denke, also bin ich", damit schrieb Descartes sich im 17. Jahrhundert ein in die Geschichte der Philosophie. Hanne Darboven hat den Satz für sich abgewandelt: "Ich schreibe, also bin ich". Sie machte ihn zu ihrer Arbeitsmaxime. Seit den sechziger Jahren, als die Hamburgerin in New York dem Minimalisten Sol LeWitt begegnete, der ihr Mentor wurde, stellt sie die Grenzen der Bildenden Kunst immer wieder neu auf die Probe. So entstand ein Lebenswerk, das in der Kunst seinesgleichen sucht. Descartes hatte an der Möglichkeit der Erkenntnis der Welt gezweifelt, aber nicht um des Zweifels willen, sondern um sich die geistige Autonomie zu sichern. Diese Konsequenz, so Hanne Darboven, habe sie fasziniert und inspiriert. "Schreibzeit - festgeschriebene Zeit - Zeiterinnerung", wurde ihr zum Ritual.
Zeit wird Raum, wird zur unverkennbaren Darboven-Struktur - ein Extremfall von Konzeptkunst, die unsere Lese-Energie und auch unsere Fantasie herausfordert.
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Zahl, Zeit, Raum
Hanne Darboven, geb. 1941 in Hamburg, ist Deutschlands namhafteste Konzeptkünstlerin. Durch Zahlenschreiben sucht sie dem Phänomen Zeit und Raum nahe zu kommen.
Zum 65. Geburtstag der Künstlerin zeigt die Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13-15, die "Hommage à Picasso", bis 23. April, geöffnet tgl. 11-20/Do bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 24 Euro.
Die Galerie Crone, Kochstraße 60, zeigt parallel Darbovens "Jahrhundert-ABC", bis 22. Februar, Di-Fr 10-13/14-18 und Sa 11-18 Uhr.
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Foto: Hanne Darboven, einmal nicht zahlenschreibend, dafür rauchend in ihrem Hamburg-Harburger Atelier, das einem Museum ähnelt.