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Draußen vor der Tür

Eine Ausstellung über unterdrückte DDR-Literatur

Uta Beiküfner

In den neunziger Jahren verstieg sich Peter Hacks mit aristokratisch gespitzten Lippen zu der Aussage, man hätte in der DDR als Schriftsteller anstellen können, was man wollte, ins Gefängnis gekommen sei man dafür nicht. Das konnte nur behaupten, wer es sich im Olymp einer staatlich geförderten Literatur bequem gemacht hatte und ihren Hades leugnete.

Wie viele Autoren draußen standen, wie viele ausgegrenzt, weggesperrt und abgeschoben wurden, belegt die Ausstellung "Literarische Gegenwelten. Das Archiv unterdrückter Literatur in der DDR", die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde. Am Freitag wurde sie im Literaturhaus in der Fasanenstraße eröffnet. Christina Weiß hatte ihre Eröffnungsrede kurzfristig abgesagt. Der Leiter des Künstlerhauses Burg-Beeskow, Tilmann Schladebach, der für sie einsprang, verwies lediglich auf den hohen Identifikationsfaktor, den Kunst und Kultur der DDR im Selbstbewusstsein von Ostbürgern hatten und haben. Dadurch politisierte er, was nach Absicht der Kuratoren Ines Geipel und Joachim Walther zunächst als Material überzeugen sollte und nicht als ideologische Gegenposition. "Was den Kanon betrifft", hat die Schriftstellerin Ines Geipel an anderer Stelle gesagt, "sind die Messen gesungen." Nun ginge es darum, sich nicht in einen Ostalgieschoß zu kuscheln, sondern jenen Achtung zu bezeugen, die ihre Texte in der DDR nicht veröffentlichen konnten. Über vierzigtausend Manuskriptseiten sind im Archiv bereits versammelt, auf zwanzig Bände ist die daraus hervorgehende "Verschwiegene Bibliothek" angelegt, vier davon sind erschienen.

Die Ausstellung führt dem Publikum nur einen kleinen Ausschnitt aus abgebrochenen Karrieren, ungelebtem Leben, verhinderten Existenzen vor. Das staubtrockene Archivmaterial wurde von dem Gestalter Carsten Minkewitz überaus sinnlich arrangiert. Da sind Pappboxen zu Stellwänden übereinander geschichtet, mal mit Fotos und literarischen Texten beklebt, mal mit Zeitungen. Mal sind sie als Gedenktafeln inszeniert, die an Leben und Werk einzelner Dichter erinnern, mal schlicht als Litfaßsäulen, die Zeitgeschichte dokumentieren. Ihre Anordnung korrespondiert mit den ausgestellten Lebensläufen. So heißt es in einem Gedicht von Eveline Kuffel "Die Welt ist eine Schachtel/ ich lach den aus,/ den ersten, der behauptete,/ sie sei rund und/ dass sie sich bewegt". Verschachtelt ist der Weg, der an den Stellwänden vorbeiführt, er gewährt Ausblicke in Schicksale und Einblicke in behördliche Vorgänge. Daneben stehen schmale Tische, an denen sich die Besucher niederlassen, Akten studieren und unter Kopfhörern den Schriftstellern selbst lauschen können.

Die Ausstellung ist nach Jahrzehnten geordnet und zusätzlich thematisch strukturiert. Die fünfziger Jahre werden unter dem Motto präsentiert "Ist Frühling oder Herbst im Land", der politische Aufbruch wird mit dem Abbruch von Lebensgeschichten kontrastiert. Besonders berührt das Schicksal von Edeltraud Eckert. Ihre Verse erschienen unter dem Titel "Jahr ohne Frühling" 2005 in der "Verschwiegenen Bibliothek" in der Edition Büchergilde. Zwanzigjährig wurde sie 1950 wegen vermeintlich konspirativer Tätigkeit zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt, fünf Jahre später starb sie an den Folgen eines Arbeitsunfalls in der Strafanstalt Hoheneck: "Mein Leben ist ein dunkles Lied,/ Das an der Sehnsucht bangem Klange reift,/ Und alles, was um mich geschieht,/ Ist schwer, weil man es nicht begreift". Das Pathos dieser Gedichte speist sich aus der Vergeblichkeit eines Lebens, aus dem vagen Sehnen einer jungen Frau, die früh schon bar jeder Hoffnung ist.

Unter dem Thema "Mauerbau" werden die sechziger Jahre präsentiert. Hier bolzen die Ausstellungsmacher Texte unbekannter Autoren auf Veröffentlichungen anerkannter. So ist neben dem nüchternen Tagebucheintrag von Werner Kilz, "Sonntag, 13. August. Ich wurde von Saller geweckt. Ich verschloss meine Manuskripte...", der Satz zu lesen, "Das wiegt alles auf: Dass wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen". Er stammt aus Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel". Beide Schriftsteller beziehen sich auf dasselbe Ereignis, für den einen bedeutete es das Ende einer literarischen Karriere, für die andere deren Kontinuität. Danach stehen Gruppenbildungen im Vordergrund, die entweder, wie im Fall der Berliner Gruppe (Werner Kilz, Henry Bereska, Eveline Kuffel, Jutta Petzold und Norbert Randow) auf der "Einigkeit der Einzelgänger" beruhte oder politisch motiviert waren.

Literarisch zu entdecken gibt es in dieser Ausstellung einiges, historische Wiedergutmachung ist vieles. In dem Gedicht "Kulturpolitik nach Boris Djacenko" von Heiner Müller heißt es: "In der Zukunft sagte Boris Djacenko/ Werden die verbotnen Bücher gebunden werden ... In Leder gegerbt aus den Häuten der Schreiber/ Halten wir unsere Häute intakt sagte Boris Djacenko/ Damit unsre Bücher in haltbarem Einband/ Überdauern die Zeit der beamteten Leser."

Literaturhaus Fasanenstraße: bis 15. März, werktags 11-19 Uhr.

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"Es geht darum, sich nicht in den Ostalgieschoß zu kuscheln, sondern jenen Achtung zu bezeugen, die ihre Texte in der DDR nicht veröffentlichen konnten. "

Ines Geipel