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Mürbe rascheln die Klänge

Simon Rattle, Alfred Brendel und die Philharmoniker mit Haydn, Mozart und Ravel

Peter Uehling

Die Unterbrechung kommt im fünften Takt: Da fahren die Bläser mit einer seltsam kalten Fanfare in die Melodie der Violinen. Doch richtig kalt wird es, wenn in der Durchführung das Klavier die vormals warme Violin-Melodie einen Halbton höher in Moll spielt und die vormals warmen Streicher mit der Fanfare auf einem ganz falschen Ton einsetzen. Auf den 5. Januar 1791 ist Mozarts letztes Klavierkonzert in B-Dur KV 595 datiert, und wie sollte man der Versuchung widerstehen, dieses Datum mit der "Komm, lieber Mai und mache"-Melodie des Finales in Zusammenhang zu setzen? Alfred Brendel, Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker machten am Dienstag also eine Art Winterreise aus dem Konzert, ein auswegloses Stück, in dem keine Melodie so recht blühen will, die Bögen flach bleiben und der Orchesterklang fahl. Dem liegt eine strukturelle Einsicht zu Grunde: Mozart hat in diesem Nachzügler seiner prächtigen Reihe von Klavierkonzerten die Bläser anders eingesetzt als sonst. Sie bilden einen gegen die Streicher gesetzten Block von orgelhafter Starre, und so setzt Rattle den Bläserklang auch ein, als Unterbrechung des Klangstroms. Im Grunde würde das reichen, aber Rattle gibt noch eins drauf, indem er den Streichern den vollen Ton oft versagt und einen Klang von mürbem Blätterrascheln erzeugt.

Im Gegensatz zu Rattle ist Alfred Brendel ein Musiker, dem man immer weniger nachweisen kann, was er eigentlich macht. Sein Spiel ist von einer schätzenswerten Schlüssigkeit, die aber auch nicht übermäßig zum Nachdenken anregt. In die von Rattle überdeutlich profilierten Orchesterklänge fügt er sich als Mittelpunkt ein: Sein Ton ist gesanglich und qualifiziert sich gleich als Hauptdarsteller; dabei bleibt er jedoch den klanglichen Dimensionen des Mozart-Orchesters stets angemessen. Brendels geringes Interesse an kontrastierender Artikulation ergibt dann von selbst den müden Ausdruck, der hier offenbar beabsichtigt ist. Den großen Schubert-Spieler Brendel als Solisten dieses traurigen Werkes einzuladen - da schnappen sofort die Klischeefallen zu.

Haydns 86. Sinfonie, seit Jahren ein Paradestück Rattles, klang etwas hastig aufgewärmt, aber doch effektvoll. Und die Klänge von Ravels "Ma mère l'oye" wurden mit feinstem Gespür für die Übergänge von Traum und Wirklichkeit ausgewogen. Wenn sich Rattle jedoch allzu genießerisch an den orgasmischen Wellen des Klangs berauschte, verzerrte er die kindlich-zaghafte Erotik, das Tasten und Spielen dieser Musik, in handfestes sexuelles Behagen.