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Die Musikerporträts von Annie Leibovitz im Fotografieforum c/o Berlin

Carmen Böker

Ein Konzert schien mir der uninteressanteste Ort, um einen Musiker zu fotografieren. Mich interessierte, wie etwas gemacht wird. Ich mochte Proben, Backstage-Räume, Hotelzimmer - fast alles außer der Bühne." Das notierte Annie Leibovitz, als sie 2003 ihre Musikerporträts aus 30 Berufsjahren in dem Bildband "American Music" versammelte. 68 dieser Aufnahmen zeigt nun deutschlandexklusiv das Fotografieforum c/o Berlin.

Leibovitz startete ihre Karriere beim US-Magazin Rolling Stone, wo sie von 1970 bis 1983 unter Vertrag war - eine Dokumentarin von Blut, Schweiß und Tränen allerdings ist sie nie gewesen: sondern vielmehr eine Fotografin, die die Mythenbildungen des Showbusiness in eigenen, ebenfalls überaus aufwändigen Arrangements kommentiert. Und dennoch: Diese Inszenierungen reißen keine Fassaden nieder, sie folgen dem (mitunter klischeehaften) Layout, das das Genre einem Musiker vorzugeben scheint. Statt den Song sichtbar zu machen, wie sie es sich für dieses Projekt vorgenommen hatte, führt Leibovitz das Image vor, das ihn verkauft.

Norah Jones sitzt, ganz autarke Singer/Songwriterin mit Intellektuellenbrille, am Flügel, neben sich das Notenpapier. Der hemdsärmelige Bruce Springsteen hat beim Komponieren die Erbsensuppe neben sich stehen. Rakim, Eminem und Dr. Dre posieren aus dem Dunkel heraus als Triumvirat der bösen Rapper; andere Größen des HipHop arbeiten den ebenfalls gewerbeimmanenten Aspekt des Reichwerdens heraus: Missy Elliott ist zu sehen im schwarz-weißen Nerzmantel, die Hand mit den dicken Diamantringen rafft ihn am Dekolleté. Sean Combs - mal als P. Diddy, mal als Puff Daddy im Geschäft - zeigt sich genauso mit den Früchten seiner Arbeit, wozu eine große Limousine, ein blendend weißes Outfit sowie ein nachlässig unter den Arm geklemmter Sprössling gehören. Auch die Countrysänger bleiben gern bei ihren Leisten: Der Carter-Clan sitzt besinnlich auf der Veranda; Emmylou Harris verharrt mit Gitarre an einem murmelnden Bächlein; Dolly Parton liegt im grünen, grünen Gras zu Haus'.

Die berührendsten Fotografien sind jene von Marching Bands, von Straßenmusikanten, deren Spielfreude die in diesem Fall eher beiläufigen Aufnahmen wie ein Funke entzündet. Und jene von Männern, denen - in schweren Konzertgewittern gealtert - jegliches Interesse an einer makellosen Erscheinung abgeht: Willie Nelsons Gesichtsfaltenwurf unter den weißen Bartstoppeln wird von Annie Leibovitz so zärtlich und mit so hoch gespannten Sinnen abgelichtet, wie eine Hand über Samt streicht. Brian Wilson steht in einem grässlich neonblauen Bademantel und Hawaii-Shorts zerrüttet, aber nicht verraten am Pool inmitten eines fast zu Tode ondulierten Gartens. Und Iggy Pop - mit magerem, nacktem Oberkörper, Jeans und hüftlangen Haaren - streckt in der rückwärtigen Ansicht seinen Po so lässig lolitahaft wie ein Nachwuchsmodel heraus.

Die Ausstellung ist bis zum 2. April bei c/o Berlin zu sehen (Linienstraße 144), geöffnet Mi-So 11-19 Uhr.

Der Audioguide wurde von Annie Leibovitz besprochen und erzählt die Entstehungsgeschichte jedes Bildes.

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"Ich wollte den Song sehen. Ich habe das immer wieder versucht."

Annie Leibovitz

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Foto: Die Vaudeville-Artisten im zeitgenössischen Rockzirkus: die White Stripes, 2003 in New York aufgenommen.