TEL AVIV. Als sie den Hörer auflegte, konnte sie es noch immer nicht glauben. Sie wollten nicht mit ihr reden. Ganz und gar nicht, kein Interesse. Ob sie nicht wenigstens Steven Spielbergs Faxnummer bekommen könne, hatte sie noch gefragt. Die Frau am Telefon, eine von Spielbergs Assistentinnen, sagte, sie dürfe die Nummer gerne haben. Aber sie könne so viele Faxe schicken, wie sie wolle, sie würden alle ungelesen im Papierkorb landen. Denn dieses Projekt, den Film über das Attentat auf die Olympischen Spiele von 1972, behandele der Regisseur sehr vertraulich.
Ankie Spitzer, 59, stand in ihrem Haus in einem Vorort von Tel Aviv und war wütend. Sie hatte ihren Mann André bei den Spielen von München verloren. Sie gehörte zu den Hinterbliebenen, und darüber wollte sie mit Spielberg sprechen. Vor mehr als dreißig Jahren hatte ein palästinensisches Terrorkommando die Frau, die aus Holland stammt, zur Witwe gemacht. Sie war damals 26, jungverheiratet, ihre Tochter Anouk kaum zwei Monate alt. André Spitzer, der Trainer der israelischen Fechter, kam in einem Sarg zurück nach Tel Aviv; er war einer der elf Sportler, die nach dem Überfall auf Israels Olympia-Mannschaft in München starben. Es war eine Tragödie, Ankie Spitzers Tragödie, doch jetzt sollte es Steven Spielbergs Geschichte werden. Die Geschichte für einen großen Kinofilm, Spielbergs ehrgeizigstes Projekt seit "Schindlers Liste". Und weil sie dachte, dass es um ihr Leben geht, hatte Ankie Spitzer im Sommer vergangenen Jahres in Kalifornien angerufen. Es war kein guter Anfang.
Jetzt, anderthalb Jahre später, erlebt sie, wie sich die Vergangenheit Tag für Tag mehr in die Gegenwart schiebt. In ihrem schönen Haus mit dem Kamin und der großen Terrasse hat sie kaum noch Ruhe. Spielberg hat den Film tatsächlich gemacht, er heißt "Munich" und wird am Tag vor Heiligabend in den USA in die Kinos kommen. Und seitdem das bekannt ist, wollen Fernsehteams aus aller Welt in Spitzers Wohnzimmer sitzen und ihre Geschichte hören. Die Geschichte, die sie Spielberg gerne erzählt hätte.
An diesem Morgen hat sie schon für australische Journalisten Kaffee gekocht. Der Kameramann musste dann aber schnell weg, weil sich wieder ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hatte und die Nachrichten Bilder aus Israel brauchten. "Das ist unser Leben hier", sagt Ankie Spitzer. Dann redet sie wieder über Steven Spielberg.
Es gab eine seltsame Situation, in der sie erfuhr, dass der Regisseur doch etwas von ihr wollte, oder besser gesagt ein Schauspieler aus dem "Munich"-Team. Ankie Spitzer, die als Korrespondentin für das niederländische Fernsehen arbeitet, beobachtete gerade den Abzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen, als jemand vom Olympischen Komitee Israels sie auf dem Handy anrief. Der Mann sagte, dass der Schauspieler, der in "Munich" André Spitzer spielt, sie sprechen möchte. Ankie sagte nur: "Gib meine Telefonnummer nicht raus. Wenn Spielberg mich sprechen will, kannst du ihm meine Faxnummer geben. Aber sag' ihm auch, dass jedes Fax im Papierkorb landen wird."
An der Wand neben dem Kamin hängt ein Hochzeitsbild. Als Ankie und André aus der Kirche treten, stehen die Fechter Spalier. Olympia, das war sein Traum. Darunter hängt ein Bild von André und Anouk. Ein junger Vater hält seine kleine Tochter in den Händen. Es ist eines der letzten Fotos.
Eine israelische Spezialeinheit wollte damals die Geiseln in München befreien. Willy Brandt lehnte das Angebot kategorisch ab. Die Palästinenser töteten zwei Israelis noch im Olympischen Dorf, die Polizei brachte die restlichen neun Gefangenen und die Attentäter zum Flughafen Fürstenfeldbruck. Man gab vor, sie dürften von dort ausfliegen. Tatsächlich wollte man die Geiseln auf dem Rollfeld befreien. Das war der Plan. Am Ende starben neun Israelis, fünf Palästinenser und ein Beamter in einem Feuergefecht auf dem Flughafen. Die deutsche Polizei hatte total versagt.
Ankie Spitzer raucht. Sie ergeht sich nicht in Erinnerungen. Sie hat sie, lebt mit ihnen. Aber sie hat auch eine neue Familie, nach Anouk kamen noch drei Kinder. Auch deren Bilder hängen an der Wand.
Als alles vorbei ist an jenem 6. September 1972, da will Ankie Spitzer in München sehen, was genau geschehen ist. Sie will in das Zimmer, in dem ihr Mann festgehalten wurde. Doch Polizisten und Psychologen raten ab, sie möchten nicht, dass Ankie das Zimmer ihres Mannes im Olympischen Dorf betritt. Weil dort unvorstellbar Grausames geschah, hier trieben die palästinensischen Geiselnehmer die Israelis zusammen. Hier mussten die Gefangenen ansehen, wie der Gewichtheber Josef Romano abgeschlachtet wurde, wie man ihn verstümmelte und verbluten ließ.
Als Ankie Spitzer an jenem Septembertag in der Wohnung steht, in deren Obergeschoss Andrés Zimmer lag, da sieht sie, dass Josef Romanos Blut die Treppe hinuntergelaufen ist. Sie geht trotzdem hinauf. Und sie gibt ein Versprechen. "Wenn das der Ort ist, an dem mein Mann seine letzten Stunden erlebte, dann werde ich dafür sorgen, dass diese Geschichte niemals vergessen wird." Sie hat Wort gehalten. Seit langem schon kämpft sie dafür, dass bei den Eröffnungsfeiern der Olympischen Spiele der Opfer von 1972 gedacht wird. Und sie wird nicht nachlassen, bis das eines Tages geschieht.
Sie sagt: "André, my dear André, das zumindest ist man dir schuldig." Dann steht sie auf vom Sofa, geht heraus aus ihrem Wohnzimmer in einen kleinen Nebenraum, in dem ihr Schreibtisch steht, geht vorbei an ihrem Hochzeitsbild und dem Bild von André und Anouk. Sie will einen Moment allein sein.
Als sie zurückkommt, erzählt sie, dass ein Bekannter ihr im Sommer angeboten habe, Spielberg persönlich anzurufen, um ihn zu fragen, ob er wisse, wie sein Stab Ankie Spitzer abgefertigt habe. Der Mann rief also an, und die Leute in Kalifornien erklärten, Frau Spitzer möge sich doch bitte genau erinnern, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sie mit wem in Spielbergs Büro gesprochen habe, dann könne man die Sache vielleicht aufklären. "Ich habe dann gesagt, lasst es, ich bin doch nicht verrückt. Glauben die, ich führe Tagebuch über Telefongespräche? Spielberg hätte doch nur mal einen Brief an mich und die anderen Hinterbliebenen schreiben sollen, er hätte uns informieren können über das Projekt. Das zumindest." Ankie Spitzer erwartet ja nicht viel.
Hans-Dietrich Genscher führte in München die Verhandlungen mit den Geiselnehmern, er war damals Innenminister. Ein paar Jahre später, Ende der Siebziger, war er Außenminister und reiste nach Israel. Ankie Spitzer rief die Deutsche Botschaft an. "Ich sagte, ich wolle Genscher treffen, weil er einer der letzten war, der meinen Mann lebend gesehen hat." Die Antwort war: Genscher hat keine Zeit. "Ich sagte dann, er könne die Zeit bestimmen, ich komme auch um vier Uhr morgens." Sie bekam dann einen Termin mit Genscher, eine Viertelstunde, um sechs Uhr morgens.
Sie fragte den Außenminister, ob sie die Untersuchungsakten zum Attentat von München bekommen oder einsehen könne. Selbstverständlich hieß es, man habe nichts zu verbergen. Spitzer hoffte. "Aber es dauerte dann noch über zwölf Jahre, bis ich die Akten zu sehen bekam."
Auf Spitzers Schreibtisch liegt ein Buch, das sie schon Mitte der Achtziger gekauft hat. Es heißt "Vengeance", Rache. Geschrieben hat es der kanadische Autor George Jonas. Gäbe es dieses Buch nicht, gäbe es wohl auch Spielbergs Film nicht, und es gäbe nicht soviel Aufregung um "Munich". In "Vengeance" geht es um einen Rachefeldzug des israelischen Geheimdienstes Mossad nach dem Münchner Attentat. Zumindest geht es darum, wie George Jonas es sich vorgestellt hat: Ein paar Killer werden von Israels Premierministerin Golda Meir ausgesandt, ziehen um die Welt und versuchen, die Täter zu stellen.
Milde gesagt ist Jonas' Werk sehr umstritten, und als bekannt wurde, dass Spielberg die Rechte an dem Buch gekauft hat, wurde das Vertrauen in die Wahrhaftigkeit des Films nicht größer. Spielberg sah sich dann veranlasst, sein Schweigen über den Film zu brechen und zu erklären, dass "Vengeance" nur eine Quelle für ihn sei.
Dass "Munich" auch eine Metapher ist, die sich auf die Terroristenjagd der USA nach dem 11. September bezieht, würde der Regisseur nie so direkt sagen. Im einzigen Interview, das er gegeben hat, erklärt er dem Magazin "Time", sein Film sei ein Gebet für den Frieden. "Rache gebiert nur wieder Rache", hat einer seiner Berater erklärt, und hinzugefügt, man werde in Israel nicht froh über den Film sein.
Ankie Spitzer weiß nicht so recht, was sie dazu sagen soll. "Natürlich macht es meinen Mann nicht wieder lebendig, wenn die Terroristen getötet werden. Aber vielleicht hätten wir heute einige Probleme weniger, wenn die ganze Welt nach München viel konsequenter gegen Terrorismus vorgegangen wäre." Sie zeigt auf den Fernseher in ihrer Diele. Noch immer sind dort die Bilder vom jüngsten Selbstmordanschlag in Israel zu sehen. Breaking News.
Manchmal denkt Ankie Spitzer daran, wie sie und die anderen Hinterbliebenen in dem Raum standen, in dem Golda Meir den Befehl ausgab, die Attentäter von München zu jagen, sie in allen vier Himmelsrichtungen dieser Erde aufzuspüren. "Wir werden für Gerechtigkeit sorgen", hatte Meir gesagt. In den Wochen, Monaten und Jahren danach bekam die Witwe des Fechters André Spitzer immer wieder anonyme Anrufe, die ihr Erfolge verkünden sollten. So sagte eine Stimme, sie solle die Zehn-Uhr-Nachrichten anstellen. Spitzer hörte dann, ein palästinensischer Terrorist sei erschossen worden. "Glauben Sie nicht, dass die Familien der Opfer dann jubelten," sagt sie. "Aber es gab keine andere Wahl."
Steven Spielberg hat angekündigt, dass er nach "Munich" 125 Videokameras an palästinensische und 125 an israelische Kinder verschenken will. Sie sollen ihr Leben filmen und es sich gegenseitig vorführen. Spielberg sagt, es gehe ihm um Menschlichkeit.
"Vielleicht sieht er sich als eine Art Moralwächter für die ganze Welt", sagt Ankie Spitzer. Sie geht wieder zu ihrem Schreibtisch und holt einen Brief, den ihr Spielbergs Büro kürzlich geschrieben hat. "Am Ende haben sie uns Hinterbliebene wohl doch lieber als Freunde", sagt sie. Dann zitiert sie aus dem Brief. "Leider ist man mit Ihnen unglaublich rüde am Telefon umgegangen." Aber man möchte Frau Spitzer versichern, wie sensibel Steven Spielberg bei allen jüdischen Angelegenheiten sei. Man bitte um Verzeihung und wolle ihr gerne den fertigen Film zeigen, den noch kaum jemand gesehen habe.
An diesem Donnerstag wird es für Ankie Spitzer eine Privatvorführung von "Munich" geben, in einem Kino in Tel Aviv. Steven Spielberg wird nicht dabei sein.
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Foto: "Es ist unsere Tragödie, Spielberg hätte uns zumindest informieren sollen." Ankie Spitzer
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Foto: München 1972, der Überfall auf Israels Olympiamannschaft. Einer der palästinensischen Attentäter zeigt sich auf einem Balkon des Olympischen Dorfes.