Im "Dorchester" in London gibt es noch Blümchentapeten, Wagenmeister mit Zylinder und Scones zum Five-O'-Clock Tea. Altenglische Behaglichkeit. Hier sind wir mit dem wohl berühmtesten unauffälligen Mann der Welt verabredet. Mit Woody Allen, Kultregisseur, Oscar-Preisträger, Neurotiker und New Yorker aus Leidenschaft. Er kommt einen endlosen gelb gestrichenen Hotelflur entlang, in ausgebeulten cognacfarbenen Cordhosen und blauem Hemd. Er trägt den berühmten bekümmerten Blick und natürlich die große Hornbrille. Dass er immer etwas verloren wirkt, gehört wohl zu seinem Charme. Prompt biegt er in eine falsche Zimmertür ab. "Nein, Woody, hier lang", ruft die Pressefrau in freundlich-bestimmendem Ton. "Ach so", grummelt er zerstreut und sieht zum ersten Mal hoch. Wir setzen uns an einen runden Tisch. Sobald er redet, ist Woody Allen wie verwandelt. Schnell, schlagfertig, witzig, als wären seine Sinne plötzlich geschärft. Nur manchmal legt er die eine Hand hinter das linke Ohr und neigt den Oberkörper weit vor. Ja, mit knapp 70 Jahren lässt das Gehör etwas nach. Mit "Matchpoint" hat er seinen besten Film seit Jahren abgeliefert, darin sind die Kritiker sich einig. Woody Allen hat ihn in London gedreht. Das ist eine Sensation, - denn noch nie zuvor hat er außerhalb von Manhattan gedreht, seinem selbst gewählten Biotop.
Mr. Allen, was machen Sie hier?
Bitte?
Was ist mit Ihnen passiert? Sie nehmen an Oscar-Verleihungen teil, besuchen Festivals von Cannes bis San Sebastian - und drehen in London! Sonst haben Sie keinen Fuß aus Manhattan rausgesetzt geschweige denn Ihren Regiestuhl. Was ist in den Stadtneurotiker gefahren?
Das Reisen mache ich meiner Frau zuliebe. Wenn es nach mir selbst ginge, würde ich mich nicht weiter als zehn Blocks von meiner Wohnung in Manhattan entfernen, jeden Tag dieselben Wege gehen und dieselben Restaurants besuchen. Aber sie reist so gerne umher. Und ich möchte sie glücklich machen, also reise ich häufiger. Darum nehme ich mehr PR-Termine für meine Filme an und spiele auf auswärtigen Jazzkonzerten. Ich für meinen Teil bin völlig glücklich, wenn ich jahraus, jahrein Montagabend im Carlyle Hotel in New York spiele.
Also tun Sie jetzt häufiger das, was Ihre Frau will?
Zugegebenermaßen tue ich fast alles meiner Frau zuliebe. Ziemlich unterwürfig, nicht wahr?
In Ihrem neuen Film "Matchpoint" werfen Sie einige philosophische Fragen über Glück und Zufall auf. Was glauben Sie: haben wir Kontrolle über unser Leben oder sind wir nur Spielbälle des Schicksals?
Wir denken gern, dass wir die totale Kontrolle über unser Leben besitzen. Oder wenigstens ein bisschen Kontrolle. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir viel weniger Kontrolle darüber haben, als wir denken. Es ist reine Glücksache. Wir denken, wir bleiben gesund, wenn wir früh aufstehen, Sport treiben, uns richtig ernähren, nicht rauchen. Aber so funktioniert das nicht! Man kann trotzdem an Krebs erkranken oder vom Bus überfahren werden! Aber sich dessen bewusst zu sein, ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl.
Immerhin bleibt einem die Wahl zwischen einer tragischen und einer komischen Sichtweise auf die Dinge.
Tatsache ist, dass das Leben letzten Endes tragisch ist. Daran ist nicht zu rütteln. Irgendwann kommt der Tag, an dem man alt wird und stirbt. Bis dahin mag man einige sehr komische Momente erlebt haben, kleine Oasen des Gelächters - aber die letzte Meldung wird eine verdammt schlechte sein.
Am kommenden Donnerstag werden Sie erst einmal Ihren 70. Geburtstag feiern können. Wie ergeht es Ihnen mit dem Älterwerden, tun Sie sich damit leicht?
Nein - es ist einfach fürchterlich. Es gibt nichts, aber auch gar nichts Positives am Altern! Man wird weder ruhiger noch weiser. Es hat überhaupt keinen Vorteil! Man rückt nur dem Tod stetig näher, und der Körper funktioniert nicht mehr richtig.
Fürchten Sie das Sterben oder das Altern?
Sowohl als auch! Das Altern bedeutet den Zerfall des Körpers und den langsamen Abstieg zum Tod. Ich bin auf beides nicht sehr scharf! Wer auch immer von den "goldenen Jahren" spricht, der lügt!
Wie alt fühlen Sie sich? Was ist Ihr inneres Alter?
Innerlich fühle ich mich sehr jugendlich - nicht wie ein 70-Jähriger! Wie man altert, ist Glücksache: manchmal kommen mir in meinem Haus 70-Jährige entgegen, die wanken geradezu aus dem Fahrstuhl, andere sind fit wie Picasso mit 90. Ich glaube, ich habe Glück gehabt. Vielleicht auch nicht, ich kriege beim Verlassen des Raumes einen Herzinfarkt und das war's dann! Aber mein Vater wurde über 100 Jahre alt, meine Mutter 96, beide waren in guter Verfassung. Ich könnte, wenn ich Geldgeber finde, vielleicht noch die nächsten fünfzehn oder siebzehn Jahre Filme drehen.
Dann hätten Sie vielleicht noch ein Drittel Ihrer Karriere vor sich.
Ja, so fühle ich mich auch! Ich passe aber auch gut auf mich auf, ich rauche nicht, ich treibe Sport und esse vernünftig.
Und Sie haben zwei kleine Töchter - halten die Sie nicht auch auf Trab?
Doch, durch meine Kinder bin ich sehr aktiv. Meine zwei Mädchen sind so süß, dass ich ihnen einfach nichts abschlagen kann. Ich bin viel zu nachsichtig mit ihnen. Sie bekommen einfach alles, was sie wollen. Aber ich bin sicher, mit der Zeit wird sich das ändern.
Spielt der Altersunterschied von 35 Jahren zwischen Ihnen und Ihrer Frau mit zunehmendem Alter auch eine größere Rolle?
Nein, in unserem Fall wirkt er sich sehr positiv aus. Ich habe ein eher väterliches Verhältnis zu ihr. Darum haben wir nie die Probleme, die sonst zwei Erwachsene miteinander haben. Mit einigen meiner Lebenspartnerinnen hatte ich ein paar äußerst unerfreuliche Auseinandersetzungen. Wenn ich dagegen Streit mit meiner Frau habe, denkt sie sicher, der ist zu alt oder: was für ein Idiot! Und ich denke, sie ist zu jung und unerfahren - darum arten unsere Auseinandersetzungen nie in etwas Ernsthaftes aus.
Wenn Sie filmisch über die Frage sinnieren, ob Glück manipulierbar ist - wie verhält es sich dann mit der Liebe? Ist Liebe Glück oder Schicksal?
Reine Glücksache! Das habe ich immer schon gesagt. Es hängt davon ab, ob man den Richtigen findet. Ein Mensch ist wie ein Radio, aus dem Millionen von Kabeln heraushängen. Zwei Radios zu finden, bei denen alle Kabel zueinander passen, ist sehr unwahrscheinlich. Die Kabel, die übrig bleiben, sorgen mit Sicherheit immer für Probleme. Darum ist es ein echter Glücksfall, wenn man jemanden kennen lernt, bei dem ganz viele Kabel zu den eigenen passen.
Ist Liebe nicht auch Arbeit?
Wenn man an seiner Beziehung arbeiten muss, damit sie funktioniert, dann ist sie nicht gut. Das, was einem im Leben Spaß macht, tut man mit Freude - und sollte es nicht als Arbeit sehen. Die Freude, mit der man sagt "ich gehe heute Abend ins Konzert" soll dieselbe sein, die man an seiner Beziehung hat. Es soll klingen wie "ich kann es kaum noch erwarten!" So sollte sich eine Beziehung anfühlen. Wie pure Freude. Aber dazu gehört eine Menge Glück.
Denken Sie, Sie hätten im Leben mehr Glück gehabt als Pech?
Ja, bei weitem! Ich hatte nie ernsthaft Pech, aber oft ernsthaft Glück! Schon dass meine Eltern so alt wurden, war Glück - dazu habe ich nichts beigesteuert. Ich habe gute Gene. Ich war noch nie ernsthaft krank. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich meine, wer würde einem völlig Unbekannten, der im Leben noch kein einziges Mal Regie geführt hat, ein Budget von einer Million Dollar geben? So entstand 1969 mein erster Film, "Take the Money and Run".
Wie haben Sie das angestellt, jemandem eine Million abzuschwatzen, ohne eine Sicherheit bieten zu können?
Ich hatte mein Skript und habe es überall angeboten. Einer Firma gefiel es, aber sie wollten lieber Jerry Lewis als Regisseur haben - was ich nicht wollte. Just zu diesem Zeitpunkt gründete sich eine neue Produktionsfirma, Palomar Pictures. Diese Leute kamen noch nicht an die großen Filmemacher heran und waren gezwungen, Newcomer anzusprechen. Es war also reines Glück, dass sie gerade bei Null anfingen und sagten: "Einverstanden, Sie führen Regie". Der Film wurde ein Erfolg und hat mir die Tür für alle weiteren Filme geöffnet.
Sie haben so oft den Pechvogel gespielt, dass man Sie selbst für einen halten könnte. Ihr erster Film hieß in Deutschland auch bezeichnenderweise "Woody, der Unglücksrabe".
Nein, nein, ich hatte mehr Glück im Leben, als mir zusteht (klopft auf Holz). Hoffentlich endet es jetzt nicht! Mir fällt nur eine einzige Sache ein, die man überhaupt als Pech bezeichnen könnte: früher gab es Journalisten und Kritiker, die mich unglaublich bewundert und unterstützt haben. Die sind mittlerweile tot. Das ist noch schrecklicher für sie selbst als für mich, aber damit hat es sich auch schon. Ich sage immer: das Einzige, was zwischen mir und echter Größe steht, bin ich selbst. Ich kann mich nicht beklagen.
Seit 35 Jahren machen Sie nun Filme und das mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks, nämlich einen pro Jahr. Woher kommt diese Disziplin?
Disziplin ist gar nicht geplant. Aber wenn der eine Film fertig ist, habe ich nichts mehr zu tun. Womit soll ich mich dann beschäftigen? Irgendwann langweile ich mich und schreibe dann doch lieber wieder ein neues Drehbuch. Das dauert sechs bis acht Wochen. Dann könnte ich eigentlich am nächsten Tag mit dem Dreh anfangen. Und selbst damit bin ich schnell durch. Ich glaube, es liegt daran, dass ich mich nie mit Produzenten zum Mittagessen treffen muss.
Wie schreiben Sie Ihre Drehbücher? Auf einem Computer?
So etwas habe ich nicht. Ich benutze noch immer die alte tragbare Olympia-Schreibmaschine, die ich mir mit 16 Jahren gekauft habe. Sie hat damals 45 Dollar gekostet. Ich habe den Verkäufer gefragt, wie lange sie wohl halten wird, und er antwortete: Länger als Sie.
Was war der Grund dafür, dass Sie nicht nur zum ersten Mal einen Film außerhalb von New York drehten, sondern sich sogar über den Atlantik gewagt haben?
Weil sich mir hier eine fantastische künstlerische Gelegenheit bot: Ich habe Geld für mein Filmprojekt bekommen, ohne dass die Geldgeber im Gegenzug Mitspracherecht einforderten.
Ist das sonst so selten geworden?
Wissen Sie, in Amerika ist es Mode geworden, dass die Studios immer mehr an der Filmproduktion beteiligt sein möchten. Die Einstellung der Geldgeber lautet: "Hey, wir sind doch keine Bank! Wir finanzieren gerne deinen Film, aber dann wollen wir auch das Drehbuch lesen und bei der Besetzung mitreden!" - So arbeite ich aber nicht. Niemand bekommt vorab das Drehbuch in die Hand, und niemand erfährt, welche Schauspieler mitspielen. Also sagte ich nein. Und dachte mir, das war's dann wohl - dann werde ich wohl keine Filme mehr machen können. Dann haben diese Leute aus England angerufen. Sie sagten, es wäre ihnen völlig egal, was ich mache: Wir geben Ihnen ein Budget von 15 Millionen und stellen keine Fragen.
Wie war es denn, erstmals außerhalb Ihrer gewohnten Umgebung zu drehen?
Zuerst war ich skeptisch, weil ich doch nur an New York gewöhnt war. Aber ich legte einfach los - und es war fantastisch! Großartig! Eine so tolle Erfahrung, dass ich hier diesen Sommer gleich einen zweiten Film gedreht habe.
Was hat denn diese Euphorie ausgelöst?
Schon das Wetter war wunderbar! In New York ist es im Sommer ja sehr heiß und sonnig. Hier war es kühl, der Himmel grau - wunderschön! Für mich ideale Drehbedingungen. Und auch die Filmcrew: Wenn das Mädchen, das das Lichtdouble für Scarlett Johansson machte, nicht als Lichtdouble gebraucht wurde, half es beim Requisitenrücken. Der junge Mann vom Catering regelt auch schon mal den Verkehr. Alle machen alles, wie an der Filmhochschule. In New York dauert die Mittagspause genau eine Stunde und 20 Minuten, das ist streng geregelt - hier schnappt man sich ein Sandwich und arbeitet weiter. Die Leute hier essen beim Arbeiten. Toll!
Das hört sich ja an, als könnten Sie sich in London verlieben.
Könnte ich auch! Als der Dreh abgeschlossen war, habe ich zu meiner Frau gesagt, weißt du was? Lass' uns doch einfach nicht nach Hause fahren! Im nächsten Sommer arbeite ich eh wieder hier, dann können wir uns auch die ganze Packerei sparen. Das Haus hier ist toll, die Gegend und die Nachbarn auch, die Kinder fühlen sich wohl - lass uns bleiben! Aber das hat sie nicht über's Herz gebracht.
Sie wären also New York untreu geworden?
Es kann schon verführerisch sein hier. Neulich ist mir Dustin Hoffman über den Weg gelaufen. Viele Leute sind von der Bush-Regierung so desillusioniert, dass sie eine Weile hier leben. New York ist großartig, aber lange nicht so schön wie London, Paris, Madrid oder Barcelona. Außerdem gibt es in London tolle Theater, Musik, Parks und mittlerweile sogar fantastische Restaurants. Als ich 1965 das erste Mal zu Besuch hier war, gab es gerademal drei!
Warum hat kein anderer Fleck auf der Erde als New York Sie bisher gereizt, dort zu drehen?
Ich habe meine Filme in New York gedreht, weil das Filmemachen für mich nie im Vordergrund stand. Ich bin eher an meinem eigenen Leben interessiert. Mich kümmern meine Filme wenig, ich lese keine Kritiken. Ich habe in New York gedreht, weil ich dort lebe und es mein Leben vereinfacht hat. Wenn ich eine gute Idee hatte, die außerhalb New Yorks spielte, habe ich sie verworfen. Denn ich brauche mein eigenes Bett, meine Restaurants und meine Stadt. Der Rest ist nebensächlich. Wenn die Studios sich nicht eingemischt hätten, hätte ich weiterhin in New York gedreht.
Welche Rolle spielen denn Ihre Filme in Ihrem Leben, wenn schon nicht die Hauptrolle?
Mein Leben ist mir einfach wichtiger. Ich schreibe sehr gern, ich spiele gern Klarinette, ich schaue mir gern Baseball- und Basketballspiele an, spiele mit meinen Kindern oder treffe mich mit Freunden, gehe in Restaurants, mache Spaziergänge. Filme zu drehen macht mir auch Spaß, aber nur, wenn mir die Umstände auch angenehm sind. Darum hätte ich nie gedacht, dass mir das Drehen in London gefallen würde. Ich habe lange überlegt, ob ich tatsächlich drei Monate in London verbringen wollte. Eine Woche ginge ja noch, aber drei Monate? Aber meine Frau hat mich ermutigt, es mal zu probieren. Der Versuch ist geglückt.
Für ihre Fans sind Ihre Filme "Aufputschmittel und Seelentankstelle zugleich". Eine Äußerung wie "Meine Filme kümmern mich wenig" so lapidar aus Ihrem Munde zu hören, ist daher geradezu shocking.
Ich werde wohl manchmal für arrogant oder überheblich gehalten, aber Tatsache ist, dass mein Leben immer von einer ganz leichten Depression geprägt war. Eine leichte wohlgemerkt, keine, bei der du Prozac nehmen musst. Das Arbeiten ist erst einmal Selbstzweck, es gibt mir keinen großen Kick, wenn der Film an der Kinokasse gut läuft. Es gibt mir nicht mal einen Kick, wenn er schlecht läuft! Für mich geht es weiter, ich mache einfach den nächsten Film. Bei mir zu Hause sind die Wände auch nicht tapeziert mit Fotos von Gene Hackman oder Diane Keaton oder meinen Filmplakaten. Nichts von alledem.
Ihre Filme laufen traditionell im Ausland besser als in den USA .
. stimmt, wenn ich von Amerika abhängig wäre, hätte ich in den letzten zwanzig Jahren keine Filme machen können.
Liegt Ihnen das europäische Kino mehr?
Ich mochte es schon immer. Es ist offensiver, scheut keine Konfrontation, ist künstlerisch wertvoller und erwachsener. Sogar die allerbesten amerikanischen Filme stehen mit einem Bein immer in der Unterhaltung. Sie gehen immer Konzessionen ein zu Gunsten ihrer Popularität. Wenn ich mir am Wochenende einen Film anschaue, ist es meist einer aus Europa, Lateinamerika oder Asien. Wenn ich nur US-Produktionen zur Auswahl hätte, würde ich nur alle halbe Jahre einmal ins Kino gehen. Da gibt es selten etwas zu sehen. Aber plötzlich stößt man auf einen kleinen iranischen oder französischen Film - und er ist das Beste, was derzeit zu haben ist.
Was für eine Beziehung haben Sie zu Geld und den materiellen Reizen, mit denen zumindest die US-Filmindustrie nicht geizt?
Geld hat mich noch nie verführt. Ich habe immer für kleines Geld gearbeitet, während meine Kollegen immer reicher wurden. Okay, in bin vielleicht reich, wenn man mich mit einem Lehrer vergleicht, Aber nicht, wenn man mich mit meinesgleichen vergleicht. Es gibt da Leute, die bekommen sieben oder zehn Millionen für eine Regie. Und Schauspieler, die zehn oder zwanzig Millionen bekommen. Damit kann ich nicht dienen - bei mir kostet ein ganzer Film, alle Honorare eingeschlossen, fünfzehn Millionen.
Waren Sie nie versucht zu sagen: So einen Schinken dreh' ich jetzt auch mal?
Nicht als Regisseur. Aber ich wäre sehr glücklich, mal in einem mitzuspielen. Wenn mir jemand auch noch einen Haufen Geld dafür anböte, würde ich zu gern mit von der Partie sein!
Warum, glauben Sie, reißen sich Hollywoods meistbegehrte Frauen jedoch darum, für wenig Geld in Ihren Filmen mitspielen zu dürfen?
Pures Glück. Mal wieder (lacht). Es stimmt, ich habe wirklich mit vielen sehr wundervollen Frauen gearbeitet. Scarlett Johansson ist die aktuellste. Ich habe gleich zwei Filme hintereinander mit ihr gemacht und hätte nichts dagegen, noch mehr mit ihr zu drehen.
Sie arbeiten oft mit den gleichen Schauspielern, eine Zeit lang gehörten Diane Keaton, Mia Farrow oder Alan Alda zu Ihrer Standardbesetzung. Welche Beziehung haben Sie zu Ihren Akteuren? Was macht nach Ihrem Empfinden einen guten Schauspieler aus?
Er oder sie sollte nichts vor der Kamera tun, was er oder sie nicht auch im wahren Leben tun würde. Das ist das Wichtigste. Schauspieler kommen zum Vorsprechen zu mir und verhalten sich ganz natürlich. Dann aber nehmen sie das Blatt Papier in die Hand, lesen es vor und geben sich plötzlich völlig anders! Völlig gekünstelt. Das entsetzt mich. Was machen Sie da? gehe ich sie dann immer an, warum reden Sie nicht so weiter wie bisher? Ich hasse es, wenn sie in ihren "Schauspielmodus" übergehen. Das Publikum hasst es auch, denn es wirkt nicht echt. Meine Schauspieler sollen echt sei. Sich wie echte Menschen verhalten. Scarlett kann das.
Miss Johansson ist gerade mal 21 Jahre alt - und erfüllt alle Superlative. Ob Shootingstar, Ausnahmetalent, Hollywood-Liebling, Glamour-Ikone oder einfach Profi - auf sie passen all diese Attribute. Aus welchem Grund wollten Sie mit ihr arbeiten?
Ich sah sie auf der Leinwand, in "Ghost World" und "Lost in Translation" und fand sie einfach großartig. Attraktiv und als Schauspielerin sehr talentiert. Ursprünglich hatte ich Kate Winslet als Nola vorgesehen, aber drei Tage vor Drehbeginn hat sie mich angerufen und gesagt, sie wäre von einem anderen Film völlig erschöpft, bräuchte eine Pause und wollte auch mehr Zeit für ihre Kinder haben. Dafür hatte ich vollstes Verständnis! Filme sind nicht das Wichtigste auf der Welt. Jedenfalls fragte ich Scarlett an und wie durch ein Wunder war sie frei und konnte gleich einfliegen und loslegen. Bei diesem Film war einfach alles Glück auf meiner Seite.
Ist das sonst anders?
Ich versuche immer, einen guten Film zu machen. Aber diesmal haben alle Zeichen auf Sehr gut gestanden. Sogar das Wetter hat mitgespielt: brauchte ich einen wolkigen Tag, bekam ich einen wolkigen Tag. Brauchte ich einen Regentag, bekam ich einen Regentag. Unglaublich.
Scarlett Johansson hat ein gutes Gespür für Komik, das von ihrem trockenen Humor geprägt ist. Werden Sie dieses Talent in Ihrem zweiten gemeinsamen Film "Scoop" stärker herauskitzeln?
Ja, mir ist bei "Matchpoint" aufgefallen, wie witzig sie ist. Ich habe ihr gleich gesagt, dass ich mal etwas Amüsantes für sie schreiben werde, weil sie meist als ernsthafte Figur zu sehen ist. Entstanden ist dann ein Drehbuch über Journalisten, sie spielt eine untalentierte Redakteurin, die für eine College-Zeitung schreibt. Sie war auch in der Rolle großartig!
In "Matchpoint" wird ihre Figur das Opfer eines Mannes, der seinen gesellschaftlichen Aufstieg ihr vorzieht. Ist das nicht ein typisch britisches Thema, das in der Upper Class verwurzelt ist?
Nein, die Geschichte könnte genau so in New York spielen. In New York gibt es viele Tennisvereine mit sehr wohlhabenden Mitgliedern. Der Tennislehrer hätte dann diese Familie kennen gelernt, die das 15-Millionen-Dollar-Haus in den Hamptons besäße, direkt am Meer. Auch in den USA gibt es die Struktur der Klassengesellschaft. Gerade in New York bist du entweder arm oder reich, die Mittelklasse gibt es nicht mehr.
Wie würden Sie Scarletts Nola charakterisieren?
Ich finde Nola traurig. In ihrem Beruf als Schauspielerin hat sie keinen Erfolg, ihr Kapital ist, sehr sexy zu sein. Aber als sie von ihrem reichen Freund verlassen wird, lässt sie sich auf einen verheirateten Mann ein, der ihr einredet, dass er seine Ehefrau für sie verlassen wird. Dann wird sie schwanger - der Vater des Kindes ist aber nicht bereit, ihr beizustehen. Eine bedauernswerte Gestalt.
Ist es Ihnen wichtig, Ihre Figuren zu mögen?
Nein. Ich mag die Hauptfigur in "Matchpoint" überhaupt nicht. Chris, der Tennislehrer, den Jonathan Rhys Meyers spielt, ist ganz schrecklich: Er ist ehrgeizig, lässt sich zu einem materialistischen Lebensstil verführen und betrügt seine Freundin und seine Frau. Als er Probleme mit Nola bekommt, wäre er eher bereit, sie umzubringen als sein bequemes Leben aufs Spiel zu setzen. Ich habe ihn nie gemocht!
Früher haben Sie den Eindruck vermittelt, als sei das Filmemachen für Sie eine therapeutische Notwendigkeit. Ist das nicht mehr der Fall?
Filme sind noch immer therapeutisch für mich! Aber wenn ich Filme nur noch unter Bedingungen machen könnte, die mir nicht zusagen, würde ich eben Stücke für das Theater schreiben oder mich an einem Roman versuchen. Das wäre genau so therapeutisch. Arbeit ist therapeutisch.
Ist das Schreiben effektiver als ein Seelenklempner?
Sie sind sehr unterschiedlich, aber beide sehr hilfreich. Jedenfalls für mich. Ich habe eine beachtliche Zeit meines Lebens bei der Psychoanalyse verbracht. Die Hilfe war nie so, wie man es sich gewünscht hätte. Du denkst immer, es muss etwas Magisches geschehen, dann macht's klick und dein Leben hat sich verändert. So läuft es nicht - aber es hilft trotzdem. Aber auch das Arbeiten hat mich weiter gebracht. Das wird ja auch in der Geschlossenen so gemacht: die Insassen werden von einem Arzt behandelt, bekommen aber auch noch irgendein Körbchen zu basteln, irgendeine Handarbeit, um zufrieden zu sein. Ich habe auch beide Methoden zugleich angewendet.
Ist Ihr Leben noch immer von einer leichten Depression geprägt? Wie fühlt es sich heute an, Woody Allen zu sein?
Wissen Sie, ich erlebe gerade den besten Teil meines Lebens. Das liegt an meiner Frau und meinen Kindern. Das ist großartig. Sonst wird Ihnen mein Leben aber sicher stumpfsinnig vorkommen. Ich stehe morgens auf, trainiere ein bisschen auf der Tretmühle, bringe die Kinder zur Schule und komme wieder heim. Das dauert eine Stunde. Dann schreibe ich, esse mit meiner Frau zu Mittag und schreibe weiter. Am späten Nachmittag mache ich vielleicht einen Spaziergang - aber immer denselben. Zu Hause spiele ich dann noch ein bisschen Klarinette. Abends wird gegessen, dann gucke ich mir noch ein Baseballspiel im Fernsehen am. Das ist es, dasselbe mache ich am nächsten Tag, am übernächsten und überübernächsten. Auf Partys gehe ich nicht oft. Ich habe keine Ahnung, was über meine Filme geschrieben wird und habe in den vergangenen fünfunddreißig Jahren nichts über meine Person gelesen. Und ich habe herausgefunden, dass das mein Leben auch nicht beeinflusst. Überhaupt nicht! Ich habe Filme herausgebracht, die sich als Desaster erwiesen, bei den Kritikern oder an der Kinokasse - und es hat mein Leben nicht verändert. Ich habe Filme herausgebracht, die mit Preisen überschüttet wurden - es hat mein Leben auch nicht verändert. Ich stehe morgens noch immer auf, gehe auf die Tretmühle, bringe die Kinder zur Schule, setz' mich hin und schreibe. Das wird sich nie ändern.
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Zur Person
Woody Allen wurde am 1. Dezember 1935 als Allan Stewart Konigsberg in Brooklyn/New York geboren. 1964 gab er sein Debüt als Autor für "What's new, Pussycat?" und spielte die erste Nebenrolle. 1969 führte er das erste Mal Regie in "Take the Money and Run". Seitdem bringt er jedes Jahr zuverlässig einen Film heraus, den er in Personalunion schreibt, inszeniert und produziert.
Für "Der Stadtneurotiker" bekam er 1978 einen Oscar für Regie und Drehbuch und als "Bester Film", zwischen 1979 und 1989 wurde er für weitere 16 Oscars nominiert, 1987 bekam er den Drehbuch-Oscar für "Hannah und ihre Schwestern".
Woody Allen ist in dritter Ehe verheiratet: Anfang der 90er-Jahre verliebte er sich in die Koreanerin Soon-Yi Previn, Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow. 1997 heirateten sie in Venedig, das Paar hat zwei Mädchen adoptiert.