Eine dicke Dame bohrt auf der Pferderennbahn in der Nase. Häftlinge drängen sich im Paddy Wagon, einer Art Grüner Minna, und der junge Montgomery Clift nuckelt in Unterhose an einer Weinflasche (siehe Abbildung nebenan). Stanley Kubrick hat prominente Zeitgenossen fotografiert, aber ebenso den Alltag in der Großstadt festgehalten, auch den Unterhaltungsalltag in Nachtclubs oder Box-Arenen. Er hat mit seiner Kamera das Zirkusleben dokumentiert und den ersten Blick eines Babys in den Spiegel. All diese Fotos hat Stanley Kubrick in den 1940er-Jahren für das US-Magazin "Look" gemacht. 1941 schenkte ihm der Vater einen Fotoapparat, und bereits ein Jahr später, im Alter von 14 Jahren, verkaufte Kubrick sein erstes Foto an die Zeitschrift. 1946 wird er hier als Fotograf festangestellt, was bedeutete, dass er nicht die Rechte an seinen eigenen Fotos besaß. Bis 1951 arbeitete Kubrick für "Look", wo aber nur zehn Prozent seiner 12 000 Negative veröffentlicht wurden. Der Kunstwissenschaftler Rainer Crone hat Kubrick-Fotos aus alten Magazinausgaben gescannt und Originalnegative in Archiven entdeckt.
Die nun als Buch erschienenen Fotografien offenbaren bereits den "konzeptuellen Illustrator der conditio humana", als den Steven Spielberg seinen Regie-Kollegen würdigte. Zur Filmkunst wechselte Kubrick quasi organisch: Nach zwei Kurzfilmen ("Day of the fight", 1949; "Flying padre", 1950/51) noch während seiner Zeit bei "Look" drehte er von 1951 bis 1953 seinen ersten Langspielfilm"Fear and Desire" und war dabei sein eigener Kameramann. Man weiß, dass Kubricks Kinobildwelten die Geschichte des Mediums Film fortgeschrieben haben wie die kaum eines anderen Regisseurs, und im Jahr 2004 zeigte das Filmmuseum Frankfurt am Main im Rahmen einer großen Kubrick-Ausstellung erstmals auch Fotos des Regisseurs (die Schau war anschließend im Berliner Gropius-Bau zu sehen). Dass nun jeder Cineast sein privates Kubrick-Archiv um diese Vorläufer großen Kinos bereichern kann, ist ein Grund zur Freude.
Stanley Kubrick: Drama & Schatten. Hrsg. von Rainer Crone, Phaidon Verlag Berlin 2005. 240 S.; 59,95 Euro.
Buchvorstellung heute um 19 Uhr im Filmmuseum Berlin (Potsdamer Str. 2).