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Macht euer Spiel!

Eine Schau im alten Haus der Akademie der Künste spürt der Beziehung von Kunst und Spielerischem seit Dada nach

Ingeborg Ruthe

Ein Kind, das nicht spielt, sagt der Volksmund, ist krank. Der Erwachsene aber, der nicht spielt, hat für immer das Kind, das er einmal war, verloren. Es wird ihm fehlen.

So vielleicht könnte man die Botschaft der bunten und zugleich streng strukturierten Schau über die lehrreichen, witzigen, skurrilen, mitunter auch abstrusen - stets aber innigen Beziehungen von Kunst und Spiel seit Dada - deuten. Die Ausstellung beginnt heute im alten Haus der Akademie der Künste. Und sie bestätigt wieder einmal, wie unverzichtbar, ja unüberbietbar die Hallen am Hanseatenweg doch gerade für große thematische Projekte sind. Es war gescheit von der Akademie, sich bei "Faites vos jeux!" statt fürs repräsentative Haus am Pariser Platz für diesen stillen Ort zu entscheiden, und das, obwohl die Werkversammlung aus rund achtzig Jahren überhaupt nicht aufs Kontemplative zielt, eher auf den der heutigen "Spaßgesellschaft" angehörenden Besucher. Der allerdings darf hier nicht passiv bleiben, in dem er sich nur unterhalten lässt. Die Ausstellung setzt ihm zu; sie will ihn als aktiven, mit Spielspaß kombinierenden Besucher.

Anfassen etwa ist in einigen Fällen ausdrücklich erlaubt. Für den bunten "Fluxus-Shop" des Japaners Takako Saito gilt das zwar nicht, aber für eines seiner Schachspiele. Da hocken sämtliche strategischen Figuren auf einer metallenen Wippe. Wir dürfen auch fröhlich in weichen Segeltuch-Schaukeln des Deutschen Carsten Höller über einer weichen Matratze baumeln oder in einem netzumspannten Teil der großen Halle "Flux Ping Pong" spielen. Diese robuste Installation hat der Litauer George Maciunas gebaut. Allerdings merken wir rasch, dass der Ball so gar nicht will, wie wir wollen. Er führt ein magnetisches Eigenleben, und so muss man hinnehmen, dass der sportliche Ehrgeiz einen nicht weit bringt. Außerdem gibt es einen Raum von Roland Stratmann, in dem jedermann mit großen Papierteilen puzzeln kann. Unweit davon lädt der Berliner Axel Lieber dazu ein, auf einen der zu seiner Miniatur-Möbel-Installation gehörenden Stühle zu klettern. Sodann darf man sich in eine die üblichen Perspektiven verweigernde Raumsituation hinein versetzen. Gulliver im Liliputland.

Dieser interaktive Teil der Schau, die das Kunstmuseum Liechtenstein Vaduz und die Akademie der Künste Berlin ausrichteten und die von der Berlinerin Nike Bätzner kuratiert wird, war denn schon zur Vorbesichtigung gut besucht. 100 Arbeiten von fast 50 Künstlern aus vier Generationen - Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen der Welt - füllen die Räume. Das Aufgebot der Moderne zum Thema Spiel ist umwerfend. Von Alexander Calders "Circus" und Cindy Shermans "Clown" über Öyvind Fahlströms "Monopoly-Map" und Christian Boltanskis berühmter Puppe "Kleiner Christian" bis zu Tony Ourslers greinendem Kistengeist oder den surrealen "Lauf der Dinge"-Bildern von Fischli & Weiss sind die namhaften Spiel-Künstler vertreten.

Sämtlich waren Experimentatoren am Werk, sie machten das Ausprobierte zur Kunstform, in der Zufall, Strategie und Interaktion glücklich zusammentreffen. So ist das poesiegewaltige spielerische Potenzial der Großen des Dadaismus und des Surrealismus an den Wänden, in Vitrinen, auf Sockeln ausgebreitet. Die Kuratorin lässt die Arbeiten mit sperrigen, auch viel gröberen Arbeiten heutiger jüngerer Künstler korrespondieren, so mit dem "Pinocchio-Haus" des Amerikaners Paul McCarthy und dem Video des Mexikaners Gustavo Artigas "Die Regeln des Spiels" beim Volleyball.

Gegenüber dann Hans Bellmers "Spiel mit der Puppe", Hannah Höchs "Modenschau", Raoul Hausmanns Buchstabenspiele, Meret Oppenheims "Hampelmann", Magrittes Fotoserie der "truglosen Bilder". Mit ihrer spielerischen Fantasie marschieren weiterhin auf: Hugo Ball, Ernst Schwitters, Marcel Broodthaers, Max Ernst und Hans Arp. Jean Tinguelys kinetische "Studie für das Ende der Welt" amüsiert als Video, und von John Cage ist eine Partitur der "Water Music" unter Glas zu sehen und auch, ganz zart, aus einem Lautsprecher zu hören. Und wir stehen vor Marcel Duchamps ironischen Schachspielen. Für ihn, der im hohen Alter behauptete, nicht mehr die Kunst, nur noch das Schachspiel sei ihm Erfüllung, war das Spiel - wie unübersehbar für alle seine hier versammelten Kunstgefährten aus der Klassischen Moderne - immer die zentrale Kategorie. Bei einer Ausstellung in Pasadena 1963 hatte er eine Leben-Tod-Konstellation als Schachmatt zelebriert: Er selbst saß da aber nicht etwa dem Gevatter Tod, sondern einer jungen nackten Frau gegenüber.

"Faites vos jeux!" stellt Kunst und Spiel erstmals in einer derart großen Ausstellung in einen so aufwändig wie liebevoll arrangierten kunsthistorischen Zusammenhang. Doch trotz des theoretischen Anspruchs und Hintergrunds, den aber nicht jeder hat, sollten wir unsere Kinder in diese Schau schleppen. Das Ganze nämlich ist geistvoll, dabei unanstrengend anschaulich und fröhlich dargeboten. Und so ist einer der Thesen dieser Ausstellung, dass gute Kunst immer auch aus dem Spieltrieb erwachse, nicht zu widersprechen.

Faites vos jeux! ist eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Liechtenstein Vaduz, kuratiert von Nike Bätzner, finanziert vom Hauptstadtkulturfonds. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 1. Januar, Di-So 11-20 Uhr.

Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag mit 13 Essays über Kunst und Spiel kostet an der Kasse 25 Euro.

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Foto: "Zeitungsstand" von Takako Saito, einem in Deutschland lebenden Japaner