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KUNSTPREIS

Zeitkritik eines Kettenmonsters

Ingeborg Ruthe

Mitten in der anhaltenden Blüte der jungen Malerei - unübersehbar auch auf der Berliner Kunstmesse Art Forum - blieb das Metier chancenlos im Quartett der Favoriten um den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2005. Es gab vier Anwärter, die mit Videos, Aktionen und Skulpturen um die Gunst der Jury warben. In der Nacht zum Mittwoch fiel die Entscheidung: Monica Bonvicini mit ihrer im Hamburger Bahnhof baumelnden Riesenskulptur gewann. Die Venezianerin lebt seit 1988 in Berlin, sie studierte hier an der Hochschule der Künste. Demnächst wird sie vierzig - gerade noch jung genug, um den mit 50 000 Euro am höchsten dotierten Berliner Kunstpreis bekommen zu dürfen.

Die Bildhauerin aus der Stadt alter Meister wie Tizian, Tintoretto, Veronese ist mit ihrer Kunst, mal umgangssprachlich ausgedrückt, ziemlich hart drauf. Das gibt sie auch gerne zu. In temperamentvoll akzentuiertem, fließendem Deutsch sagt sie, es sei tatsächlich nie die zarte und ebenso wenig die romantische Tour, die sie sich selber und dem Publikum zumute. Ihre Neigung, Traditionen der Moderne, etwa das Verhältnis vom Körper im Raum - mit rabiat-ironischem Verweis auf Themen wie Geschlecht und Klasse -, inhaltlich zu persiflieren, bringt sie in immer aggressiverer Form auf den Punkt. Unlängst tat sie das im Video "Hammering out": Da wird eine Hauswand mit dem Hammer eingeschlagen, der Putz fällt ab, das gemauerte Skelett des Hauses liegt frei. Der aggressive Akt verbindet sich auf paradoxe Weise mit dem archäologischen Einblick und verweist damit auf Berlin, wo fast zwanghaft das Neue aus dem Alten entstehen muss.

Steht man im Hamburger Bahnhof Bonvicinis Gerüstkonstruktion mit eingehängten Ketten, Latexteilen und ledernen Sadomaso-Schaukeln alleine gegenüber, kommt einem der Verdacht, dies sei nur ein effektheischendes Arrangement von einschlägigen Accessoires. Dann aber nehmen die Besucher die Kettenschaukeln und Lederhängematten in Beschlag, es rasselt und klirrt. Das unbekümmert mit dem Skulpturenmonstrum spielende Publikum provoziert erst das wirklich Monströse der Arbeit. Schon Joseph Beuys suchte solche interaktiven Bezüge zwischen Werk und Publikum. Bonvicini treibt das Ganze ins Bizarre mit dem Kalkül, dass wir - die harmlos mit den Ketten und Schaukeln hantierenden Besucher - uns vor uns selber erschrecken. Niemand soll übersehen: Diese Skulptur meint Machtstrukturen - sexuelle, politische, religiöse, militärische Gewalt. Der zellenartige Raum, das kalte Licht der preisgekrönten Raum-Skulptur schaffen gar eine Gefängnis-Situation. Man muss zwangsläufig an Abu Ghoreib im Irak denken.

Bonvicini bejaht die künstlerische Absicht zu solch gedanklichem Zwang. Sie nahm dafür in Kauf, der Härte im Ausdruck und der plakativen Dramatik gescholten zu werden. Die Preisjury, so freut sich die blonde Venezianerin, habe erkannt, dass sie ihren Zeit-Kommentar zu Macht und Ohnmacht, zu Lust an Gewalt in der Welt, nur so und kein bisschen sanfter geben kann.

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Foto: Monica Bonvicini Bildhauerin und Kunstpreisträgerin