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ART FORUM

Im Treibhaus der Kunstgeschichte

KUNSTHERBST - Die Malerei zitiert sich selbst, romantisiert den Alltag oder verliert sich in Gothic-Nebeln. Zwei Rundgänge über Berliner Messen.

Sebastian Preuss

Es scheint, als seien die letzten Schranken gefallen. Beflügelt durch den Boom der gegenständlichen Malerei, der auf dem internationalen Markt zuweilen schon hysterische Züge trägt, fühlt sich die jüngste Generation ermutigt, hemmungslos in den Fundus der Kunstgeschichte und eines offenbar unerschöpflichen Motivrepertoires zu greifen. Auf dem Berliner Art Forum, das gestern eröffnet wurde, ist diese Zitierfreude ein Leitmotiv, das an fast jedem Stand in irgendeiner Form aufscheint. Nun kam Kunst ohnehin seit jeher von Kunst, doch war die Freude am Eklektizismus, an raunenden Assoziationen, romantischen Anleihen und einer hektischen, alle Ikonografien durcheinander wirbelnden Bildmaschinerie selten so ungebrochen wie heute.

Die junge Malerei ist in der Messe vielleicht nicht ganz so dominant wie im vergangenen Jahr, doch ist sie allgegenwärtig und in vielfältigen Facetten wie Auswüchsen vertreten. Das zentrale Programmbild stammt, wie könnte es anders sein, von Neo Rauch. Die düstere, wandfüllende Szenerie, die sich wie meist bei dem Leipziger jeder konzisen Deutung entzieht, heißt "Der Vorhang" und wurde von Eigen + Art (Berlin) bereits ans Stedelijk Museum in Amsterdam verkauft.

Gegenüber reizt Martin Eder mit schwülen Frauenakten die niederen Sinne. Aber auch hier und bei seinen jüngsten Zeichnungen müssen sich die Sammler beeilen, wollen sie noch etwas von dieser vergifteten Zuckerwatte abbekommen. Erfreulich ist dagegen der steile Erfolg von Susanne Kühn, deren raffiniert romantisierende, mit Comicelementen aufgeladene Landschaften vor zwei Jahren noch kaum jemand kannte, die sich jetzt aber bei Goff + Rosenthal (New York) und Fred (London) vor den Sammler-Avancen kaum retten kann.

Von einer neuen Romantik der jungen Malerei war in den vergangenen Monaten oft die Rede. Davon ist auch auf dem Art Forum einiges zu sehen, doch ist vieles eher idyllisch, getränkt von harmloser Spielwiesenatmosphäre. Nur wenige Künstler setzen sich mit den Ideen der historischen Romantiker auseinander und befragen ihre Aktualität. Ganz vorne steht da natürlich Jonathan Meese, der sich bei Contemporary Fine Arts (Berlin) mit wilden Pinselhieben in einem Geschichtsbrei der deutschen Mythen förmlich umher- wälzt. Einen stillen, jedoch nicht minder eindringlichen Kontrapunkt bildet dagegen Bernd Ribbeck bei Joanna Kamm (Berlin). Mit Kugelschreiber, Textmarkern und Lackstiften greift er die spirituell aufgeladenen "Ikonen" der abstrakten Avantgarde auf, ruft Goethes Farbenlehre wach und schafft trotzdem gegenwärtige Paraphrasen der Moderne.

Auffällig häufig gleitet das Romantisieren in comicartige Pseudoidyllen, in Paradiesgärten des Fantasy oder in neblige Gothic-Szenarien ab. So ermalt sich die Dänin Kathrine Aertebjerg (Andersen/Kopenhagen) ein kindliches Wunderland, frönt Adam Scott bei Gupta (Chicago) harmlosen Schlumpf-Landschaften oder verliert sich Adam Adach (Arndt & Partner/Berlin) in nordisch-symbolistischen Stimmungen. Sonderfälle sind die pathetischen Lichtdome von Thomas Selg (Baudach) oder Tim Berresheims martialische Kettensägen-Phantasien (Hammelehle und Ahrens). Beide "malen" ihre Bilder vollständig auf dem Computer und drucken sie dann auf die Leinwand.

Nicht nur alle Spielarten der heutigen Malerei sind auf dem Art Forum vertreten, auch die derzeit so aktuellen Ansätze neo-abstrakter Skulpturen, überhaupt alle nur denkbaren Paraphrasen der klassischen Avantgarde und des Minimalismus lassen sich ausführlich erkunden. Einen geheimen Schwerpunkt bilden realistisch-zarte Zeichnungen auf Papier; herausragende Entdeckungen sind hier die burlesken Bildmärchen Dennis Scholls bei Grimm/Rosenfeld (München) und die semiotischen Zauberblätter von Simon Lewis (Walbröl/Düsseldorf).

Nach vielen Krisen und Rückschlägen präsentiert sich das Art Forum im zehnten Jahr so vital, abwechslungsreich und qualitätsvoll wie noch nie. Was die junge und jüngste Kunst derzeit umtreibt, ist bei der Konkurrenz in Basel oder London allenfalls größer und teurer zu erleben. Doch hat die Berliner Messe so konsequent wie erfolgreich ihr Heil im mittleren Preissegment und in der experimentellen, lebendigen Atmosphäre gesucht.

Eine Attraktion für sich ist die Sonderschau "Temporary Import". Drei Dutzend Künstler aus aller Welt, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Stipendien in die Stadt kamen, zeigen die Berliner Szene als internationalen Schmelztiegel. Solange diese Kunstblüte anhält, wird auch das Art Forum gedeihen.

Bis Montag im Messegelände (Hammarskjöldplatz), tgl. 12-20 Uhr.

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Foto: Im Toten Meer sollte man nicht Rad fahren: morbides Objekt von Sigalit Landau, Galerie Anita Beckers.