Neben seinem Bett stapeln sich die Bücher, aber keine Vorliebe ist aus der Auswahl zu erkennen: Neben Ian McEwan liegt Adalbert von Chamisso, neben Stefan George Ryu Murakami, neben Jaques Le Goff Dorothy Sayers. Der Leser hat ein großes Herz und eine unstillbare Neugier. "Hören müssen auf andere Selbste, das heißt Lesen.", schrieb Fried-rich Nietzsche und Friedrich der Große: "Bücher sind kein geringer Teil des Glücks".
Alberto Manguel, der in Argentinien geborene, kanadische Autor ist ein glücklicher und passionierter Leser. Davon zeugte "Eine Geschichte des Lesens" (1998), Man-guels wunderbares Reisebuch in die Welt der verschworenen Gemeinschaft der Lesenden, und davon zeugt nun auch sein neues "Tagebuch eines Lesers". "Vor ein paar Jahren, kurz nach meinem dreiund-fünfzigsten Geburtstag, beschloss ich, meine alten Lieblingsbücher wiederzulesen, und ich war aufs Neue erstaunt, in welcher Weise die vielschichtig-komplexe Welt der Vergangenheit sich dem heillosen Chaos der Gegenwart aufprägte."
Zwölf Wiederbegegnungen, jeden Monat eine: Manguel beginnt mit Adolfo Bio Casares, liest danach H.G. Welles "Die Insel des Dr. Moreau", Rudyard Kiplings "Kim", Chateaubriands "Erinner-ungen" und Chamissos "Peter Schlehmil".
Er nimmt uns mit nicht nur in die Welt der Bücher, sondern auch in seine lesende Vergangenheit, erinnert sich an seine ersten Lektüren und Aufregungen, an Menschen und Hoffnungen, vor allem aber stellt er ganz unangestrengt Verbindungen zu seinem Leben heute her. Er führt überzeugend vor, wie das Lesen hilft, die Welt zu verstehen und sich selber, Schmerzen zu ertragen und Glück zu genießen. Mit der Figur des liebenswerten Maulwurfs in Kenneth Grahames "Der Wind in den Weiden" akzeptiert Manguel die eigene Sehnsucht nach Zufriedenheit und Behaglichkeit, im "Don Quijote" lernt er einmal mehr, dass es keine verschwendete Zeit gibt.
Tagebucheintragungen begleiten die Lektürenotizen, das neuen Haus in Frankreich, die Nachbarn dort, die Katze, der Garten, die Hotels, in denen er auf seinen Lesreisen übernachtet. Er notiert amüsiert, dass man ihn in Turin mit dem erfolgreichen Kollegen Yann Martell verwechselt und er den Irrtum nicht aufklärt, einen Tag also in fremder Haut verbringt; und er schreibt traurig an anderer Stelle, dass er den Tod einer Freundin nicht akzeptieren will, sich nicht abfinden kann mit Veränderungen. Und immer kehrt er ganz leichtfüßig aus dem Leben zurück in die Literatur und umgekehrt. Manchmal sind die Beziehungen überraschend und wunderbar klug, manchmal kommen sie einem (wie in den Kommentaren zum drohenden Irak-Krieg) nicht allzu erhellend vor. Aber das macht nichts, denn im Kern ist dieses Tagebuch zweierlei: Ein Lese-Verführbuch der besten Art (man möchte sofort alles lesen, was Manguel liest) und ein Zeugnis jenes Wunders, das der schwedische Dichter Olof Lager-Krantz einmal so beschrieben hat: "Was geschieht, wenn wir lesen? Das Auge folgt schwarzen Buchstaben auf weißem Papier, von links nach rechts, wieder und wieder. Und Geschöpfe, Natur und Gedanken, die ein anderer gedacht hat, kürzlich oder vor Tausenden von Jahren, steigen in unserer Einbildung auf. Das ist ein Wunder, größer als das Keimen der Samenkörner aus den Gräbern der Pharaonen. Und es geschieht jeden Augenblick."
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Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers. Aus dem Englischen von Chris Hirte. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005; 238 S., 17,90 Euro.
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Foto: Für das Literaturfestival zeichnete Manguel seinen Writing Space.