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Klone auf der Flucht

"Die Insel", der neue Film von Michael Bay

Anke Westphal

Licht füllt das Schlafzimmer, eine angenehme Frauenstimme säuselt Lincoln Six-Echo in einen blendend weißen Tag. Bei der Morgentoilette wird automatisch der Sodiumgehalt seines Urins gemessen und den Werten entsprechend bestimmt, was er an diesem Tag zu essen bekommt: "Kein Schinken!" Mindestens dreißig identische Paare Laufschuhe, ebenso viele Socken und Overalls wurden von unsichtbaren Helfern in Lincolns Schubladen sortiert; alle makellos weiß - nur die Overalls sind mit kühlen grafischen Streifen versehen -, warten sie darauf, einen einzigen Tag lang benutzt zu werden.

Für Lincoln Six-Echo hat ein neuer Tag in einer perfekten Welt begonnen. Die Menschen in den Laboren, Fitness-Studios und Entspannungslounges befinden sich allesamt in hervorragender körperlicher Verfassung; dafür sorgt schon die Wohlfühlpolizei. Sie tragen alle dasselbe, und sie freuen sich auch alle auf dasselbe: auf ihre hoffentlich baldige Abreise zur Insel. Die Insel - das ist das Paradies; allerdings ist keiner je von dort zurückgekehrt, also konnte auch keiner davon berichten. Dass dennoch alle dorthin wollen - dafür sorgt schon ein mystisch bleibendes Auswahlprinzip: eine Lotterie.

In Michael Bays neuem Film "Die Insel" verwirklicht sich die Diktatur der Profitoptimierung in Form eines hochentwickelten Wellnessterrors - was aber wiederum auch gar nicht so wichtig ist. Wir wollten es nur mal erwähnt haben. Und ebenso nur mal erwähnt haben wollten wir, dass all die identisch weiß gekleideten Menschen mitnichten Menschen sind, sondern arme, arglose, ausgebeutete und ahnungslose Klone - gewissermaßen Klone mit vier "a". Ein böser Mann mit sehr guten Kontakten zur Oberschicht züchtet sie in einem ebenso geheimen, nämlich unterirdischen wie totalitären Science-Fiction-Universum als lebende Ersatzteillager: Jeder Klon ist das exakte genetische Doppel irgend einer berühmten und/oder wichtigen Persönlichkeit. Falls dieser berühmten und/oder wichtigen Persönlichkeit nun ein Ungemach zustoßen sollte, etwa ein Unfall oder eine tödliche Krankheit, dann stünde jederzeit eine ideal geeignete frische Leber, Lunge, Niere oder auch ein prima Herz zu ihrer Rettung zur Verfügung. Zwei kleine Klone, Lincoln und Jordan (Scarlett Johansson) kommen hinter das gräßliche Geheimnis ihrer Existenz, als wieder mal jemand auf die Insel berufen wird.

Wer nun eine prächtige Klon-Selbstfindungsgeschichte erwartet, sollte wirklich nicht enttäuscht sein. Denn auch die - klar: gesellschaftskritisch gemeinte - Klon-Selbstfindungsgeschichte ist nicht wirklich wichtig. Da fragt man sich natürlich, ob überhaupt etwas wichtig ist in diesem Film? Nun, wir können diese Frage mit einem ehrlichen Ja beantworten: Wirklich wichtig sind hier natürlich das falsche humanitäre Pathos und die Verfolgungsjagden, denn "Die Insel" ist nicht nur grottenwiderlich in seinen frivolen Gaskammer-Metaphern - es ist ja auch ein Film von Michael Bay (u.a. "The Rock", "Armageddon", "Pearl Harbor"), und in den Filmen von Michael Bay wird grundsätzlich ganz doll schnell gefahren, zu tollkühn geflogen und in jedem Fall sehr, sehr viel kaputt gemacht.

Mangelwirtschaft - das ist ein Fremdwort für diesen Regisseur. Wenn die DDR nur über all die Hubschrauber, Motorräder, Autos, Trucks, Turnschuhe, Overalls, Schneidbrenner und Vitaminsäfte verfügt hätte, die in "Die Insel" zum Teufel gehen - der Staat wäre wohl nie untergegangen. Aber auch die charismatische Scarlett Johansson wird untergehen, wenn sie Michael Bay nicht künftig meidet. In diesem Film hier sieht sie fast schon aus wie ein Pamela-Anderson-Klon.

Die Insel (The Island) USA 2005. Regie: Michael Bay, Drehbuch: Caspian Tredwell-Owen, Alex Kurtzman, Roberto Orci, Produktion: Michael Bay u.a., Kamera: Mauro Fiore, Darsteller: Ewan McGregor, Scarlett Johansson, Djimon Hounsou, Steve Buscemi u.a.; 127 Min., Farbe.

Weitere Filmrezensionen lesen Sie heute auf den Seiten 2 und 3 des Kulturkalenders.

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Foto: Klonglück: Lincoln Six-Echo (McGregor) und Jordan Two-Delta (Johansson).