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Black Box DDR

Für die erste große Ausstellung im Haus am Pariser Platz schickte die Akademie neun Künstler ins Archiv

Ingeborg Ruthe

Die Akademie hat gerufen und neun Konzept-Künstler kamen. "Künstler. Archiv - Neue Werke zu historischen Beständen", das Thema dieser ersten großen Kunstschau nach der Eröffnung des Hauses klingt trocken. Fürs Ergebnis trifft das - trotz der verzettelten Ausstellungsfolge vom Erdgeschoss bis in den Keller - aber nicht zu. Das Durchforsten und Herausklauben von Archivalien inspirierte routinierte internationale Alt-Profis der Erinnerungskunst namens Jochen Gerz, Christian Boltanski oder Ilya & Emilia Kabakov ebenso wie die etwas jüngeren Aktionskünstler Carsten Nicolai, Christina Kubisch, Eva-Maria Schön, Miguel Rothschild oder Hans Winkler.

Wenn es stimmt, dass Archive das Gedächtnis der Menschheit darstellen, dann bilden die der Berliner AdK übereigneten Nachlässe eine mindestens 6 000 Regalmeter lange Erinnerungsstraße mit mehr als einer Million Dokumente zur Literatur, Dramatik, Musik, Architektur und Bildenden Kunst ab 1900. Allein 886 Einzelarchive berühmter Leute von Walter Benjamin und Bertolt Brecht zu Heinrich Mann und Heiner Müller füllen Kammern, Säle, Depots, Schränke.

Jochen Gerz hat darin inniglich gesucht und aus Gefundenem ein Stundenbuch mit 800 Briefen, Gedichten, Zeitungsartikeln, Parteigutachten, Verwaltungsdokumenten aus DDR-Zeit erstellt. Der Foliant mit intellektuellen wie bürokratischen Zeugnissen des untergegangenen Staates liegt auf dem Tisch. Daraus lesen im Zwei-Stunden-Wechsel Frauen und Männer, für die Zeit der Ausstellung sind es 320 Freiwillige. Man steht auf bunten Flicken, das Ganze bekommt so einen surrealen Touch, die zerbrochenen Utopien von "Anmut sparet nicht noch Mühe" (Brecht) wie die Funktionärsphrasen vom "Kampf gegen den Formalismus" hören sich an, als trage die Vorleserin etwas sehr Fernes, Komisches vor. Für Gerz ist das "Dienst an einer verlorenen Zeit", DDR-Geschichte ist für ihn "nicht zu den Akten gelegt, sondern hochempfindliches, aktuelles Thema".

Empfindlich, zumindest gegen das Tageslicht, sind auch all jene Dokumente, die Ilya & Emilia Kabakov im Liebermann-Saal in neun nur von innen beleuchteten, sarkophagähnlichen Vitrinen arrangierten: 150 utopische Architekturzeichnungen aus dem Baukunstarchiv erscheinen so in reichlich mystischem Licht. Die Protagonisten der expressionistisch-utopischen "Gläsernen Kette" um 1918 - Taut und die Gebrüder Luckhardt - dienen der auratischen Inszenierung der Kabakovs. Trotz des Schummerlichts entpuppen sich die Blätter als Faksimiles und die vermeintlich antiken Vitrinen als profanes Sperrholz. Die Entzauberung ist den Kabakovs offensichtlich das eigentliche Kunstmoment, liegt für sie doch darin die Botschaft, dass nicht das Original, sondern die Idee an sich die gewagte Vision bedeutet.

In diesem Sinne bezieht sich Eva-Maria Schön in einer Folge von Videoporträts auf Bertolt Brechts Notat "was ich besitze", das er 1939 als Immigrant in Schweden niederschrieb. Schön befragt mit der Kamera Leute von heute. Das ergibt lapidare Aufzählungen von Besitzgütern und Erinnerungen. Die meisten, das ist bewegend, reden von ihren Büchern. Doch etliche Befragte schweigen sich aus.

Laute und leise Töne produzierten Christina Kubisch und Carsten Nicolai. Kubisch lässt es über 24 Lautsprecherboxen knistern, krachen, raunen, kreischen; so vermittelt sie "103 Arten, Beethoven zu singen". Die Geräusche stammen aus dem Musikarchiv, es sind Reste von alten Beethoven-Konzert-Studioaufnahmen. Nicolai reparierte einen alten DDR-Synthesizer und lässt in der Black Box der Akademie die Töne als psychedelische Summ-, Jaul-und Knatterstreifen gespenstisch an der Wand flirren.

Christian Boltanski war einmal ein zu Recht gerühmter Meister im Gestalten schmerzvoller Erinnerungsräume. Man begriff seine KZ-Koffertürme, Kleiderhaufen, Schuhberge und Zettelwände als politische, soziale, zutiefst menschliche Mahnmale, denn ihn interessierten im großen Verbrechen an der Menschheit die einzelnen Opfer. In einem engen Raum für das "ungeordnete Leben des Maxim Vallentin" kleben nun im Keller des Akademiehauses die kopierten Dokumente des Begründers des Gorki-Theaters recht chaotisch an den Wänden. Vallentin, der von Widersprüchen zerrissene Theatermann und Kommunist, kommt einem in dem Sammelsurium selbst bei bemühter Einfühlung nicht so recht nahe.

Um solcher Gefahr zu entgehen, entschied der Bayer Hans Winkler sich für eine knappe, sonderbare, doch überraschende Installation: Er stellte eine Holzhütte im Akademieraum auf. Der Hintergrund dafür: Winkler fand im Archiv des Grafikers John Heartfield und dessen Bruder, dem Verleger Wieland Herzfelde, einen Brief. Darin heißt es: "Im Sommer 1898 verloren wir die Eltern". Der Satz belegt eine Tragödie, die für das Brüderpaar zum Albtraum geworden war: Der von der Polizei gesuchte Vater der Knaben, der Schriftsteller Franz Held und seine psychisch kranke Frau, hatten die Jungen in einer Berghütte nahe Salzburg allein zurückgelassen. Fremde Menschen mussten sich fortan um die verlassenen Kinder kümmern. In den Fünfzigern baute John Heartfield in seinem Waldsieversdorfer Garten eine ähnliche Hütte auf, ein Art hölzernes Bollwerk gegen das nie richtig verarbeitete Trauma. Hans Winkler erzählt das Drama à la Grimms "Hänsel und Gretel" noch einmal, rohgezimmert ausgerechnet im schicken Akademie-Ambiente, gleich neben der Caféteria.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 28. August. Di-So 11-20 Uhr. Der Katalog aus dem Verlag Walther König, herausgegeben von der Kuratorin Helen Adkins, kostet 36 Euro.

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Die Akademie-Archive bilden eine mindestens 6 000 Regalmeter lange Erinnerungsstraße mit mehr als einer Million Dokumenten.

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Foto: Die Vorleserin, in Szene gesetzt von dem Konzeptkünstler Jochen Gerz. So wie diese junge Frau lesen 319 weitere "Freiwillige" aus einem "Stundenbuch" mit 800 Dokumenten aus DDR-Zeit.