Entwaffnete Gedichte legt dagegen Volker Braun vor. "Lern harmlos lesen", fordert er für jene Zeit, die nach dem Klassenkampf kommt. Mit der Utopie verliert die Sprache für ihn auch an Sinn, denn Sagbares ist nun nicht unbedingt Bedeutungsvolles. In seinem neuen Lyrikband fügt er entleerte Begriffe wie Solidarität, Volkseigentum und Kommunismus zu einem formvollendeten "Totentanz" zusammen.
Zur Orientierung taugen sie nicht mehr, dafür wird der Augenschein beschworen: "Ich sehe wieder klar, und beide Augen lügen/ Mir eine schöne Welt. Ich laß mich gern betrügen ... wenn mich auch sonst nichts freut, ich lob den Augenschein." Die Last gesellschaftlichen Seins weicht so der Lust am schönen Schein: "An Liebe halt dich, die vergeht./ Nach Höhrem nicht verrenk den Geist./ Bereichre dich an der Vergänglichkeit/ Nur was verwelkt gewährte Lust."
Die Weltgeschichte ist nicht länger eine Tragödie. Sie wird zur biografischen Komödie, die Posse zu ihrem lyrischen Kommentar. Allenfalls possierlich ist, was einst gewaltig war. Volker Brauns Gedichte beeindrucken noch immer durch ihren Formenreichtum, ihre Sinnlichkeit wird jedoch vielfach nur beschworen, erfahrbar ist sie nicht immer. Mitunter wirkt dieser Lyriker wie ein Indianer, der einsam kunstvolle Rauchzeichen gibt, die viele sehen, die jedoch nur wenigen etwas bedeuten.
Volker Braun: Auf die schönen Possen. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005. 94 S., 16,90 Euro.