Frau Künast, was haben Sie denn heute gefrühstückt?
In der Woche esse ich Obst, am Wochenende mache ich mir Obstsalat mit Naturjogurt, zwei Esslöffel Körner-Müsli und ein wenig klein gehackten frischen Ingwer.
Sich so gesund zu ernähren, gelingt nicht jedem. Nahezu jeder Zweite ist zu dick. Was läuft da schief?
Das liegt nicht nur am eigenen Verhalten, sondern auch an den Verhältnissen. Wir haben beim Lebensmittelangebot eine ungeheure Zunahme an hochverarbeiteten, energiereichen Produkten: Fertiggerichte, Fast-Food, Snacks. Ernährung ist zwar mittlerweile Teil des Bildungsauftrags in Kita und Schule. Aber es passiert noch zu wenig. Es gehört zum Beispiel dazu, dass ich in Kita und Schule auch kochen lernen kann.
Sind wir zu dick, weil es uns zu gut geht, ein Wohlstandsproblem?
Nein, das Problem gibt es auch in den Ballungszentren der Entwicklungsländer. Es ist eine Frage des Lebensstils und es hängt auch mit Entwicklungen beim Essen zusammen. Es gibt immer mehr Fertiggerichte und die brauchen viel Fett als Geschmacksträger. Da hilft auch kein Umstieg auf pflanzliche Fette wie Palmöl. Auch das windet sich ganz elegant um ihre Hüften und bleibt dort.
Und wir bewegen uns zu wenig.
Richtig. Es gibt weniger Bewegungsräume, Treppen in öffentlichen Gebäuden werden als Notsteigen versteckt. Sport in den Schulen fällt immer öfter aus. Zwei Stunden in der Woche reichen auch nicht aus. Die Kinder brauchen täglich Bewegung. In einigen Schulen gibt es inzwischen Pausen, die zum gemeinsamen Essen da sind und die nächste Pause ist für Bewegung und Spiele. Die Krönung ist aber das Fernsehen. In Deutschland schauen Kinder durchschnittlich vier Stunden täglich fern. Und der Fernseher ist kein Wohlstandsproblem. Gerade bei finanziell schwachen Familien steht der Fernseher oft schon im Kinderzimmer.
Was passiert, wenn nichts passiert?
Es gibt keine Gesundheitsreform der Welt, die bezahlen kann, was auf uns zukäme: Diabetes Typ II wird rapide zunehmen, schon bei Kindern und Jugendlichen, das heißt Chroniker-Behandlung 20, 30 Jahre länger auf Kosten der Krankenkasse. Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck und so weiter.
Was wollen und können Sie dagegen unternehmen?
Es gibt keine simple Lösung. Wir haben vor kurzem den Wettbewerb "Besser essen. Mehr bewegen." gestartet. Da können sich Städte oder Bezirke beteiligen. Es geht darum, Konzepte zu entwickeln, wie Ernährungs- und Bewegungsmöglichkeiten für Kinder bis zum Grundschulalter verbessert werden können. Ich möchte einen Ansatz, der schon bei der Geburt anfängt. Die Kinderärzte müssen bei den ersten Untersuchungen die Eltern über Ernährung aufklären. Viele Eltern gehen nach der Gläschennahrung auf so genannte Kinderlebensmittel. Die sind aber oft nur Süßigkeiten. Oder schauen sie sich die Kindergerichte in den Restaurants an: fast immer nur Schnitzel, Pommes, Fischstäbchen, alles frittiert. Ich werbe dafür, dass es wieder kleinere Packungen gibt. Eine Chips-Tüte essen sie immer leer, wenn sie kleiner ist, essen sie weniger. Ich habe da viele Ideen und bin schon ganz gespannt auf die ersten Wettbewerbsbeiträge. Eltern, Händler, Gastwirte, Erzieher, Politiker sollen sich dafür zusammentun, Konzepte entwicklen und sich bewerben. Gefördert werden dann rund 25 Kommunen, darunter hoffentlich auch soziale Problemgebiete. Und jetzt komme ich zur Beantwortung ihrer Frage: Meine Hoffnung ist, dass wir daraus Antworten für die vielen unterschiedlichen Probleme finden, die wir haben, etwa die Schwierigkeiten mit öffentlichem Raum gerade in Städten.
Welche Schwierigkeiten?
Stadtentwicklung muss neu gedacht werden. Vor zwanzig Jahren haben wir darüber diskutiert, ob Auto oder Bus bevorzugt wird. Jetzt heißt die Debatte: Wo ist der Bewegungsraum für den Menschen? Wir haben zwar Spielplätze. Aber was ist, mit den Kindern, die nicht mehr mit dem Schippchen im Sand spielen wollen?
Wie lautet Ihre Antwort?
Warum kann man nicht quer durch die Stadt sagen, jeder Bezirk hat ein paar Straßen, die er am Sonnabend von 14 bis 18 Uhr sperrt? Da kann man Fahrradfahren lernen oder skaten. Natürlich müssen öffentliche Räume kostenlos zugänglich sein. Als ich von der Debatte hörte, beim Schloss Charlottenburg Eintritt in den Park zu verlangen, standen mir die Haare zu Berge vor Wut.
Das heißt, Sportplätze und Schwimmbädern sind kostenfrei für jeden zu nutzen?
Bei Sportplätzen und Schwimmbädern fallen schon mehr Kosten für die Wartung an als bei öffentlichen Parks. Und es gibt ja einige, die sich den Eintritt leisten können. Da müssen wir also differenzierter rangehen. Man könnte beispielsweise die grüne Idee der Bildungsgutscheine so ausweiten, dass mit dem Gutschein auch der Beitrag für den Fußballverein oder der Schwimmkurs bei sozial Schwachen finanziert werden kann.
Wäre auch die steuerliche Absetzbarkeit von Beiträgen denkbar?
Wir müssen es diskutieren, aber wir haben begrenzte öffentliche Budgets. Außerdem unterstützen steuerliche Anreize auch die, die es gar nicht brauchten.
Oder eine Fast-Food-Steuer?
So etwas wie Fett-Steuer? Die ist auch zu ungenau. Wollen Sie das deutsche Eisbein verbieten? Natürlich könnte man das Geld nehmen und Fußballplätze bauen. Und dann? Dann bewegen sich ein paar darauf. Ich will aber, dass Bewegung zur Alltagskultur gehört.
Wann haben Sie mit Ihrem Kollegen Fischer das letzte Mal über gesunde Ernährung und Bewegung gesprochen?
Joschka kennt den Zusammenhang sehr genau und er hat ja auch wieder angefangen zu laufen. Aber es gibt Zeiten im Leben, da hat man als Minister Stress und weder Raum noch Zeit dafür. Ich merke selbst, wie schwer es ist, regelmäßig Sport zu treiben. Aber das Laufen tut gut.
Interview: H. Augustin, T. Miller
------------------------------
Foto: Renate Künast (49) ist seit Anfang 2001 Bundesministerin für Verbraucherschutz. Die Berliner Grünen-Politikerin fährt gerne Inline-Skates, ist aber mittlerweile wegen der Wetterunabhängigkeit aufs Laufen umgestiegen. "Das tut gut."