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Form des Machens

DIE BIENNALE VENEDIG beginnt am 12. Juni: Den deutschen Pavillon bespielen zwei Künstler aus Berlin: Thomas Scheibitz und Tino Sehgal.

Ingeborg Ruthe

Tino Sehgals Kunst füllt keine Flächen, trägt keinen Rahmen, hängt an keiner Wand. Sie ist immateriell. Gleichwohl besetzt sie Museumsräume - mit Stimmen, Körpergestik und Mimik. Sie nimmt aus dem Moment heraus Gestalt an und bleibt dann nur Erinnerung. Abspielen kann sich das beispielsweise so: In einer Berliner Ausstellung kommt eine junge Frau hinter dem Tresen hervor, sie lächelt den Eintretenden an - und fällt ihm vor die Füße. Sie liegt da, erst starr, dann stöhnend und murmelnd zu sich kommend, sie heult. Erschrocken, konsterniert, hilflos sucht der Gast der Frau aufzuhelfen. Aber noch bevor er zum Handy greifen kann, um einen Arzt zu holen, steht sie auf, lacht und sagt laut und deutlich: "This exhibition, 2004. Courtesy the artist. Tino Sehgal."

Dass hier eine unsichtbare Macht will, dass man sich entsetzt und irritiert reagiert, dass es gar zu Körperkontakt kommt, dämmert einem erst nach etlichen Schrecksekunden. Das klingt natürlich mächtig nach erweitertem Kunstbegriff, gar nach scheinbarer Scharlatanerie, ergo nach Provokation. Doch die, das meinen wir abgeklärterweise, ist längst raus aus der Luft, die der Kunstbetrieb durch seine Schläuche pustet.

Inzwischen vergleichen Kritiker Sehgals immaterielle Kunstspiele mit den Happenings von Joseph Beuys, die auf die "soziale Plastik" abzielten. Andere erinnern an Bruce Naumans Arbeit von 1972, als er eine Frau ein Dreiviertelstunde lang daliegen ließ und sie durch Autosuggestion versuchte, im Boden zu versinken. Dazu kam es dann nicht, aber der Weg war das Ziel. Doch Sehgals Kunst ist anders, sie verzichtet auf Metaphysisches. Sie wird exakt nach seinen mündlichen Handlungsanweisungen aufgeführt, Überraschungstaktik einbegriffen. Den Laiendarstellern, die er für seine Vorführungen vertrauensvoll gewinnt, schreibt er zwar nicht alles vor. Es muss jedoch den Dialog, einen Austausch mit dem Publikum geben. Konzept ist, dass etwas Überraschendes entsteht, was kein Material verbraucht, weder Papier noch Farbe noch Film.

Dass Sehgals Arbeit demnach vergänglich ist, würde er selbst nicht unterschreiben. Schließlich kann eine jede von Museen oder Galerien erworben werden. Erst jüngst kaufte der Düsseldorfer Sammler Axel Haubrock; er reichte die Erwerbung weiter an das Museum K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Notwendig für den "Transport" war nicht mal ein Brief. Für den Kauf genügte eine mündliche Absprache beim Notar, dann wurde die zuständige Kuratorin vom Künstler eingewiesen, so dass das Projekt jederzeit mit ausgewählten Darstellern "zur Aufführung" kommen kann. Seit Sehgal nach anfänglichen Experimenten in belgischen Museen die hiesige Szene betrat und so offensichtlich die erprobten Produktions- und auch Rezeptionsbedingungen brüskiert, wurde Julian Heynen, der Kurator des deutschen Pavillons auf der 51. Biennale Venedig, auf ihn neugierig - und entschied sich rasch für Sehgal. Und nur er weiß, was der Erwählte nächste Woche in der Nachbarschaft von Thomas Scheibitz in den diagonal geteilten Räumen des Pavillons machen wird.

Der 29-jährige Sohn eines Inders und einer Deutschen, geboren in London, aufgewachsen unter anderem in Stuttgart und Düsseldorf, studierter Tänzer und diplomierter Volkswirt, sieht Kunst und ihre Erscheinungsweisen anders als andere. Und wir sollten ihm glauben, wenn er mit Nachdruck erklärt, dass er kein Performer ist, sondern "ein bildender Künstler", mit dem klassischen Anspruch, ein geschaffenes Werk im Museum auszustellen. Er sieht sich als "Kommunikationsermöglicher", eine umständliche Berufsbezeichnung, das Produkt allerdings ist erfrischend direkt. Er wolle, sagt Sehgal beim Treffen in Berlin-Mitte, wo er neuerdings lebt, "das Dialogische"; er gibt etwas vor, von ihm ausgewählte Menschen sprechen seine Texte, gehen aufs Publikum zu, fordern sie zur Reaktion heraus. Nach seinem Willen soll die jeweilige "Vorführung" sein wie ein Spiegel; freilich bleibt es jedem überlassen, was er darin sieht. Ein Amerikaner, erzählt Sehgal amüsiert, habe eine Vorführung als "Hologramm" bezeichnet. Andere nennen seine Projekte kapitalismuskritisch. Wohl weil er das "Nichts" zum Kunstobjekt, damit zur Ware deklariert, weil er nicht die gleichen Materialien verbrauchen will, wie sie Künstler seit Tausenden Jahren benutzen, liest man daraus Kritik am ständig Überschuss produzierenden, Ressourcen verschleißenden System.

Doch so weit will Sehgal nicht gehen. Er sieht, was er tut, experimentell, spielerisch sowieso. Und er ist anmaßend bescheiden, wenn er sagt, "das ist meine Form, mit Ökonomie umzugehen".

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Er will seine Kunst als Spiegel; es bleibt jedem überlassen, was er darin sieht.

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Foto: Sehgal mit Kindern. Sie agierten auf der Frieze Art London als Sammler.