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Die Kaiserin von China

Mit einem Historienschmöker wird Shan Sa vom "aufsteigenden Stern Pekings" zum Star in Paris

Brigitte Helbling

Das Buch zur Jahreszeit heißt "Kaiserin". Das neue Werk der chinesisch-französischen Autorin Shan Sa gewandet sich in Seide und Brokat als historischen Roman und spielt in der Tang-Dynastie Chinas des 8. Jahrhundert. Erzählt wird die erstaunliche Geschichte der "roten Kaiserin", die erst neben, und nach seinem Tod an Stelle ihres Mannes das Reich der Mitte in eine Zeit des aufgeklärten Wohlstands führte.

Dem Mädchen Licht sind höchste Würden nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater, ein Provinzgouverneur, stirbt, als es neun alt ist. Der väterliche Clan nimmt die Familie auf und behandelt sie schlecht. Licht jedoch ist einem Freund des Vaters durch besondere Klugheit aufgefallen, er vermittelt die Zwölfjährige als "Talentierte" in die "Innere Stadt" des Kaisers, die Stadt der Frauen und Eunuchen. Dort sitzt sie nun mit zehntausend anderen und sinnt auf eine Gelegenheit, den Regenten auf sich aufmerksam zu machen. "An diesem Hof, der voller außergewöhnlicher Schönheiten war, beschloss ich, mein Auftreten zu pflegen. Meine in der Sonne vergoldete Haut, meine schlanke Figur mit den bronzenen Muskeln waren eine Herausforderung für die bleichen Gesichter, die molligen Körper. Mein energisches Auftreten verspottete das kränkliche Trippeln..."

Die Schilderung klingt wie ein Konzertauftritt von Madonna. Die hat auf ihrem Weg an die Spitze sicher auch ein paar Listen eingesetzt, doch kaum in den Dimensionen der Chinesin der Tang-Dynastie. Da müssen eine kaiserliche Gattin und eine Konkubine aus dem Weg geräumt werden, und auch nach der Thronbesteigung reißt die Zahl mordlustiger Intriganten und Neider nicht ab. Kaum ist einer geköpft oder verbannt, schon taucht der nächste auf. Der Kaiser jedoch ist Licht aufrecht zugetan; es ist sein Wunsch ebenso wie ihr Verlangen, sie in höchstem Maße an der Reichsführung zu beteiligen. Nach dem Tod des Gemahls wird die Verantwortung für das Reich zur Last, neuen Aufschwung bringt eine neue Liebe. Sexuelle Erfüllung und der Einsatz von Kräutern und Massagen treiben Kaiserin und Reich zur zweiten Blüte. Die Rezeptur hat sich bis heute in den Gesundheitsbeilagen erhalten.

Erst, als Licht auf die Achtzig zugeht, gelingt es ungeduldigen Thronerben, sie zu entmachten. Die Dynastie der "roten Kaiserin" kann sich über ihren Tod hinaus nicht behaupten. Aus den Annalen des Reiches wurden nach ihrem Ableben sämtliche Hinweise auf ihre wohltätige Herrschaft getilgt.

"Kaiserin" ist ein kunstvoll geschriebener Schmöker, der dem Eros hohen Stellenwert einräumt und die buddhistische Einsicht in die Vergänglichkeit dabei nicht vergisst. Er schwächelt erst im letzten Teil, wo der Kaiserin das Altern ihres Körpers übermäßig viele Sorgen bereitet. Das mag am jugendlichen Alter der Autorin liegen: Shan Sa ist zweiunddreißig Jahre alt. Sie verfügt bereits über einen bemerkenswerten Lebensweg, und im Willen zum Aufstieg wirkt die Wahlpariserin ihrer Heldin ebenbürtig.

Shan Sa kam 1972 in China zur Welt, gab mit acht Jahren ihren ersten Lyrikband heraus und erhielt mit zwölf die Dichterehrung "aufsteigender Stern Pekings". Mit fünfzehn, erschüttert vom Massaker am Tiananmen Platz, übersiedelt sie nach Paris, wo ihr Vater an der Sorbonne unterrichtet. Als dieser ein Jahr später in die Heimat zurückkehrt, bleibt Shan Sa allein zurück: "Ich beherrschte kaum die Sprache, ich hatte kein Geld, ich stand in der Gesellschaftsordnung zuunterst. Die mittellose Vertreterin eines mittellosen Landes. Ich fühlte mich gedemütigt." In einer Privatschule lernt sie in Windeseile Französisch und fasst eine Leidenschaft für Descartes; nach der Schule folgten zwei Jahre als Sekretärin beim Maler Balthus, mit dessen Tochter Harumi sie sich angefreundet hatte.

"Er hat meine Seele geheilt", schreibt Shan Sa dazu. "In meinen Adern floss damals schwarzes Blut, und er hat mir den Glauben an die Schönheit wiedergegeben." Balthus' Frau Setsuko führt das Mädchen in die japanische Kultur ein, und in ihrem Haus begann sie die Arbeit an ihrem ersten Roman. Bemerkenswert mutig entschloss sie sich, ihn in Französisch zu schreiben. Mit Rochet fand sie einen Verlag, der eine intensive Überarbeitung des Manuskripts nicht scheute, und 1997 folgte der Lohn: "Tor des himmlischen Friedens" erhielt den Goncourt Preis für den besten Erstling. Shan Sa war fünfundzwanzig Jahre alt.

2001 kam mit dem dritten Roman der Welterfolg. "Die Go-Spielerin" wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erhielt den Goncourt Prix des Lycéens. Shan Sa war inzwischen beim Verlag Grasset unter Vertrag; ihren ersten Verleger tröstete sie mit den Worten, die Bücher, die sie ihm noch schulde, erhalte er, wenn sie berühmt sei. Mit "Kaiserin" wechselte Shan Sa 2003 dann zum Verlag Albin Michel, was einen Literaturskandals auslöste, den die französische Presse entzückt als "L'Affaire Shan Sa" beschrieb. Grasset forderte wegen Vertragsbruch den Verkaufsstopp des Buches. Das Gericht gab dem nach, kurz darauf einigten sich die beiden Verlage wieder - und Shan Sa war der nächste Verkaufserfolg sicher.

Bündnisse sind anfällige Gebilde. Loyalität zählte schon im alten China weniger als das Ziel, das Shan Sa und ihrer Kaiserin mit allen Popstars dieser Welt teilen: "Der Anonymität entkommen und sich über die Massen hinaus heben".

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Foto: "Er hat meine Seele geheilt", schreibt Shan Sa über den Maler Balthus. Dessen Frau Setsuko führte sie in die japanische Kultur ein, in ihrem Haus begann sie zu schreiben. Die 1922 geborene Fotografin Evelyn Hofer hat Setsuko und Balthus 1989 in ihrem Schweizer Chateau porträtiert.

Werkkatalog: Evelyn Hofer, Steidl, Göttingen 2004. 310 S., 65 Euro.

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Shan Sa: Kaiserin.

Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke.

Piper, München 2005, 401 S., 19,90 Euro.