Textarchiv

60 JAHRE KRIEGSENDE

"Berlin bleibt deutsch, Wien wird deutsch"

Am 16. April 1945 begann der Angriff auf die Hauptstadt

Gerd Herzog

Die Stadt summt wie ein Bienenschwarm. Jetzt geht es los!". Das schreibt Dieter Borkowski aus Kreuzberg vor genau sechzig Jahren in sein Tagebuch. Er ist 16 Jahre alt und Luftwaffenhelfer auf dem Flakturm Friedrichshain. In Berlin werden an diesem 16. April die Panzersperren besetzt und rationierte Lebensmittel vor der Frist verteilt. "Vor den Geschäften stehen lange Menschenschlangen, viele haben Angst, dass es der letzte Einkauf ist". Im Beethovensaal in der Köthener Straße treten die Philharmoniker zum letzten Mal auf.

Die Rote Armee hat am frühen Morgen ihre Offensive begonnen. In sechs Tagen soll Berlin in russische Hände fallen; Stalin fürchtet, die Amerikaner wollten ihm zuvorkommen. Bei den Seelower Höhen liegt das Zentrum des Angriffs. Dort greift die 1. Weißrussische Front längs der Reichsstraße 1 an, der heutigen Bundesstraße. 908 000 Rotarmisten stehen 129 250 Soldaten der Wehrmacht, der Waffen-SS, des Reichsarbeitsdiensts, des Volkssturms und der HJ gegenüber. Hitlers Tagesbefehl lautet: "Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch und Europa niemals russisch." Noch stehen deutsche Soldaten in ganz Norwegen, in den französischen Atlantikhäfen, in der "Kernfestung" Kreta. Die Amerikaner erreichen Hof, Nürnberg und stehen an der Elbe, keine 85 Kilometer vor Berlin.

Im Oderbruch stockt an diesem Morgen der russische Angriff. Im sumpfigen, von Geschossen zerwühlten Gelände sind die Angreifer leichte Ziele. Gegen Mittag lässt Shukow seine Panzer angreifen, früher als geplant. Generaloberst Tschuikow beschwört ihn, den Befehl rückgängig zu machen: "Aber Marschall Shukow liebte es nicht, seine Befehle zu widerrufen." Nach offiziellen Angaben fallen an diesem und den beiden folgenden Tagen 33 000 sowjetische Soldaten.

Theodor Busse, der die deutsche 9. Armee auf den Höhen kommandiert, nennt den 16. April "einen großen Abwehrerfolg". Drei Wochen vor Kriegsende sterben ungefähr 12 000 deutsche Soldaten für die Rettung Berlins. Busse überlebt. Er berät nach dem Krieg das Bundesinnenministerium in Fragen der Zivilverteidigung.

Ab heute erscheint an dieser Stelle ein Tagebuch der Kämpfe um Berlin, die bis zum 2. Mai 1945 dauerten.