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Zaungast des Lebens

Adolph Menzels grafisches Werk im Berliner Kupferstichkabinett

Stephan Speicher

Adolph Menzel hat nie eine akademische Ausbildung erhalten. Die Familie war 1830 von Breslau nach Berlin gezogen, nicht nur, weil der Vater mit seiner lithografischen Anstalt hier ein besseres Auskommen zu finden glaubte. Auch dem ältesten Sohn Adolph sollten hier günstigere Ausbildungsmöglichkeiten winken. Doch schon zwei Jahre nach dem Umzug starb der Vater, nun musste der Sohn dazu beitragen, die Familie durchzubringen und künstlerische Gelegenheitsarbeiten übernehmen, wie sie in lithografischen Betrieben anfallen. Da geht es um Festprogramme, Erinnerungsblätter, Musiktitel, Rechnungsvignetten oder Speisekarten. Doch gerade darin, so glaubt der Kunsthistoriker Werner Busch, der gerade ein schönes kleines Buch über Menzel verfasst hat (C.H. Beck, 2004), lag dessen Glück. Durch die Fülle verschiedener Aufgaben habe er sich zu jenem sicheren, raschen, jedem Moment gewachsenen Zeichner gebildet. Die oft humoristischen Anlässe verlangten nach leichten, gewandten Darstellungen, hier war das Personal nicht in Repräsentationsposen darzustellen, sondern mitten in ihrem Leben, und das heißt vor allem: in der Bewegung.

Die Ausstellung "Menzel und Berlin", mit der das Kupferstichkabinett den 100. Todestag Menzels am 9. Februar 1905 würdigt - ein Saal der Alten Nationalgalerie ist dazu Menzel und dem Berliner Hof gewidmet -, zeigt glücklicherweise auch dies, die Anfänge des Künstlers auf dem Feld der Gebrauchsgraphik, die er später als eine Qual bezeichnete, und die er doch "viel besser als nötig und verlangt wurde", ausführte. Man sieht den Witz des jungen Künstlers, aber auch die gesellige Kultur des Vormärz, die Lust an Scharade, Festen und die Bereitschaft zur Selbstironie, ob es um die "Albrecht-Dürer-Exequien" geht, die Erinnerung an ein Stiftungsfest oder "Künstlers Erdenwallen" (nach Goethes Gedicht). Die "Studien eines tanzenden Paares" aus den späten 1840er-Jahren führen Bewegungsdrang und Selbstgenuss mit parodistischer Lust vor, man fühlt sich an Wilhelm Busch erinnert - "Hermine tanzt wie eine Sylphe, / ihr Partner ist der Forstgehülfe".

Menzel hat einen Sinn für das Komische, weil er einen Sinn für das Detail hat. Unablässig zeichnete er, immer führte er in seinen großen Manteltaschen Hefte mit sich und eine reiche Auswahl an Stiften. Das Berliner Kupferstichkabinett, das 1906 seinen Nachlass für 400 000 Mark ankaufte, eine gewaltige Summe damals, verfügt über mehr als 7 000 Handzeichnungen - und Menzel war ein Mann, der seine Zeichnungen sorgfältig aufhob, aber auch vernichtete, was ihm nicht genügte. Die Lust, alles zu zeichnen, führt ins Unrepräsentative; die idealistische Kunstpraxis lebt ja gerade aus der bewussten Klassifizierung der Gegenstände als abbildungswürdig oder nicht.

Menzel war der Mann, der alles abbildete. Das Repräsentative ist ihm nicht fremd; aber aufschlussreich ist, wie es ihm gelegentlich misslingt. Ein Holzstich bietet William Shakespeare als Kommerzienrat des 19. Jahrhunderts, selbstsicher, gutgenährt, wohlhäbig. Der Hintergrund, so sorgsam er ausgeführt ist, verschwindet angesichts der voluminösen Persönlichkeit. Die Skizze, die den Holzstich vorbereitet, imaginiert dagegen noch eine andere geistige Figur, im nur angedeuteten Arbeitszimmer ganz nach innen schauend, statt den Markt im Blick.

Zu den erstaunlichsten Blättern gehört der "Besuch im Eisenwalzwerk". Der Direktor des Betriebs begrüßt mit allen Zeichen der Devotion den Besucher, vielleicht einen Aufsichtsrat. Dessen Stimmung ist jupiterhaft-wohlwollend, ein Hund springt fröhlich um ihn herum, Frau und Tochter mit auffälligen Blumenhüten und Mopsgesichtern begleiten ihn. Im Vordergrund aber schwitzen die Arbeiter; vor dieser Realität wirkt die Szene im Mittelgrund deplatziert, ohne irgendeine Einsicht in die Natur eines solchen Werks. Verblüffend, dass das Blatt 1900 von der Ehefrau Eduard Arnholds für ihren Mann, einen angesehenen Unternehmer, bestellt wurde. Arnhold war ein langjähriger Freund und Mäzen Menzels, das aber schützte ihn nicht davor, seine Welt so decouvriert zu sehen.

Ein Kakadu und eine Frauenhand, die ihn krault, stellen die "Versüßte Knechtschaft" dar (1883). Alles ist üppig, die bronzierte Stange und die Futternäpfe des Vogels, die schweren Vorhänge, das Blumenfenster und auch der Schmuck am bloßen Arm der jungen Frau. Und doch ist offenkundig, dass Vogel und Frau sich gegenseitig trösten müssen, zu ähnlich sind Kette des Vogels und Armreif der Herrin.

So ist Menzel ein Chronist des sich entwickelnden Berlins, der Arbeitswelt, des Bürgertums, des Militärs. In den frühen Blättern überwiegt die Bewunderung der großen Soldaten, des Alten Dessauers oder des Husarengenerals Zieten. Das sind alte Kriegsgurgeln; selbst der gefallene Husar hat etwas Stolzes. Hier hat sich ein Schicksal, sein Schicksal erfüllt. Später zeichnet Menzel den Krieg von anderer Seite, die Leichen auf dem Stroh, die Kriegsgefangenen oder die ergreifenden Bilder der Leichname aus den Befreiungskriegen, wie sie 1873 bei der Öffnung der Särge in der Garnisonkirche zu sehen waren: über den wohlkonservierten Uniformen und Orden die Totenschädel, das Nichts in den Augenhöhlen und Mündern.

Vielleicht die schönsten Blätter hat Menzel den Stadtrandszenen abgewonnen. Berlin wächst stürmisch, von Jahr zu Jahr verschieben sich die Grenzen in die Mark. Die Baugrundstücke, genauer: das hinter ihnen liegende Land, haben die Melancholie der gefährdeten Natur. Für den Großstädter und gewiss für den noch jungen, sich allmählich erst disziplinierenden Großstädter, ist das Land die Versprechung von Ruhe, Luft, Unschuld, Freiheit. Fontanes "Irrungen, Wirrungen" spricht davon so gut wie Verdis "Traviata". Wie die Ausdehnung der Stadt nichts Glückliches ist, zeigen Menzels Bilder, die Reste der Natur vor bewegtem, fast drohendem Himmel.

Ein glücklicher Mann ist Menzel kaum gewesen. Er war mit nicht einmal 1,40 m kleinwüchsig und hat sich als missgestaltet empfunden, als ein "Zaungast des Lebens" - so hat er auch beobachtet, gemalt und gezeichnet. Die Anerkennung, die ihm seine Kollegen, die Kritik und später auch die große Gesellschaft und der Hof gezollt haben, hat er zwar durchaus genossen. Fontane, der zu ihm "als Meister und Vorbild" aufblickte, schreibt im Juni 1881, dass Menzel jetzt "wieder Mensch unter Menschen" sei, "im Winter, wenn er viel bei Hofe ist, mitunter täglich, wird er schwer traitable".

Das charakterisiert Menzel auch als Künstler. Er hat viel von dem gesehen, was Größe und Macht des Kaiserreichs ausmachte, den Krieg, die Industrie, den Hof; es hat ihm auch etwas bedeutet, doch dann hat er sich wieder gelöst davon. So hat er auch die Krönung Wilhelms I. in Königsberg gemalt. Aber die Studie des Karl Graf von Groeben, der die Krone der Königin trug, wischt alle Prätention zur Seite. Halb andächtig, ja vergeistigt, halb senil schaut der alte General auf die Krone auf seinen Händen. Die wenigen kraftvollen Bleistiftstriche, die seinen Körper umreißen, scheinen das Gestell zu sein, auf dem der alte Kopf montiert ist. So begann die Regierungszeit Wilhelms I., gesehen von Adolph Menzel.

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Menzel zum 100. Todestag // Menzel und Berlin - Eine Hommage. Kupferstichkabinett am Matthäikirchplatz, bis 5. Juni. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Der Katalog "Menzel und Berlin", bearbeitet von der für beide Ausstellungen verantwortlichen Kuratorin Sigrid Achenbach, (G + H Verlag, Berlin) kostet 32 Euro.

Menzel und der Hof. Kabinettausstellung in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Bis 6. Juni 2005. Di, Mi, Fr-So 10-18 Uhr, donnerstags 10-22 Uhr.

Im Internet: www. smb.spk-berlin.de

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Foto: Adolph Menzel: Karl Graf von Groeben. Studie zum Krönungsbild