Von allen Seiten waren am Montag in der Philharmonie die Digitalkameras auf Alfred Brendel gerichtet. Knips! Blitz! Knips! Blitz! Mit ungenierter Aggressivität behelligte das Publikum den Pianisten. Brendel streckte die Arme vor und klappte die Hände abwehrend hoch. Als es endlich wieder still wurde, spielte er seine letzte Zugabe: Leise, dunkel begann die linke Hand in der Tiefe. Dann setzte, nur wenig lauter, die rechte Hand ein: hell, aber ganz weich, wie eine hohe Kinderstimme. Eine zierliche Melodie entspann sich, durch nichts mehr einzugrenzen und getragen von einem warmen, strömenden Grund.
Ein Rätsel
Was war das? Brendel hatte den meisten Hörern ein Rätsel aufgegeben. Sie kannten das Stück nicht. Aber beim Verlassen des Saals redeten sie nur davon. Dieser stille Abgang war indes nur das auffälligste Rätsel des Abends, nicht dessen nachhaltigstes. Worauf beruht Brendels Wirkung als Pianist eigentlich? Technisch gesehen, passieren ihm Dinge, die einfach unprofessionell sind. Da nahm er im Adagio von Mozarts Variationen über ein Menuett von Monsieur Duport die Läufe ins Pedal, sodass sie verwischten. Da verschmolzen die rasenden Triolen im Eröffnungsstück von Schumanns "Kreisleriana" zu einer Melange, die keine Akzente mehr erkennen ließ. Wo blieb da das Gegeneinander der Betonungen in rechter und linker Hand, jene Verrückung der Schwerpunkte, die als Verrücktheit, als Wahnsinn wörtlich zu nehmen wäre? Und auch, dass im Andante von Beethovens D-Dur-Sonate op. 28 beim Schlussakkord des ersten Teils die Vorhaltsdissonanzen mit ins Pedal rutschten, möchte man nicht unbedingt geglückt nennen.
Aber das alles fällt nicht ins Gewicht. Wenn Brendel spielt, fängt die Musik an zu leuchten. Er verbreitet nicht den Glanz der Virtuosität, vielmehr das Licht einer musikalischen Ordnung, die mehrere Jahrhunderte lang als natürlich galt. Es war der Dur-Dreiklang selbst, der in den Mozart-Variationen leuchtete. Sogar die regelmäßige Periodik der Achttakter gewann ein Licht, das alle Möglichkeiten detaillierter Artikulation überstrahlte.
Freude lag in diesem Musizieren, eine geradezu metaphysische Freude, die die Gesten kleingliedriger Rhetorik hinter sich hat. Diese Freude an großen umfassenden Ordnungen ist wohl das Motiv für Brendels allgegenwärtiges Legato, sein gebundenes, pedalgesättigtes Spiel, von dem er nur selten abweicht. In dieser Freude liegt so etwas wie die Teleologie seines Musizierens: Wie in einem Symbol lief in Schuberts erstem Moment musical D 780 schon vor dem ersten Wiederholungszeichen alles auf den letzten, in sich gerundeten C-Dur-Akkord hinaus. Der schöne Klang als Versöhnung einer mit sich selbst entzweiten Welt wird hier zum Zielpunkt musikalischer Arbeit.
Die letzte Zugabe deutete an, wo diese Hoffnung auf Versöhnung ihren Ursprung hat. Es war Busonis Bearbeitung von Bachs Orgel-Vorspiel über den Choral "Nun komm, der Heiden Heiland".