Zwei Dutzend Bücher hat Christopher Isherwood zu Lebzeiten veröffentlicht, immerhin acht davon wurden auch ins Deutsche übertragen. Ein einziges Werk allerdings hätte ausgereicht, um Isherwood internationale Bekanntheit zu sichern: "Leb wohl, Berlin" (1935), jener autobiografische Erzählungszyklus, in dem er als seine Erlebnisse in Berlin zwischen 1929 und 1933 verarbeitete - die Vorlage für John Van Drutens Theaterstück "Ich bin eine Kamera" (1951) und das Musical "Cabaret" (1966). Noch heute reisen besonders Amerikaner gern an mit Isherwoods Band im Handgepäck und dem Bild von Liza Minnelli als naiv-lasziver Sally Bowles im Hinterkopf - in der blauäugigen Hoffnung, Spuren dieses untergegangenen Berlins zu finden.
Christopher Isherwood (1904-86) war 1929 in die Reichshauptstadt gezogen, angelockt von den begeisterten Berichten seines Kollegen und Freundes Wysten Hugh Auden, alsbald folgte ihnen noch Stephen Spender. Kennen gelernt hatten sie sich alle in Cambridge - hier hatte Isherwood, Sohn eines Offiziers der britischen Arme, auf Drängen seiner Familie ein Medizinstudium begonnen. Dann zog er um in die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten: Berlin war damals, wie der britische Historiker David Clay Large in "Berlin. Biografie einer Stadt" schreibt, ein "Versuchslabor der Apokalypse". Den jungen britischen Intellektuellen bot Berlin all das, was sie zu Hause so sehr vermissten - und was die Nazis an der Stadt so sehr verachteten: kulturelle Avantgarde, politische Linkslastigkeit, ein freizügiger und ungezwungener Umgang mit Sexualität nebst erotisch aufgeladenem Nachtleben.
1930 findet Isherwood nach einigen Zwischenstationen seine Bleibe in Berlin: Er wird Untermieter bei Fräulein Meta Thurau in der Nollendorfstraße 17, wo heute eine Gedenktafel an den berühmten Gast erinnert. Über fünf Zimmer verfügt die 160-Quadratmeter-Wohnung; ein jedes hat die von der Inflation ruinierten, doch wacker den bürgerlichen Schein wahrenden Thurau notgedrungen vermietet. Die Mittfünfzigerin hat selbst keinen eigenen Raum: Sie schläft hinter einem Wandschirm auf einem Sofa in einem Durchgangszimmer. Isherwood porträtiert sie in "Leb wohl, Berlin" als Fräulein Schröder (im Musical heißt sie Fräulein Schneider); Mitbewohner wie Jean Ross alias Sally Bowles sind ebenso darin verewigt. Auch hält Isherwood treffend die Atmosphäre am Nollendorfplatz fest: "Vor meinem Fenster die düstere Straße in massiver Pracht. (.) Das ganze Viertel ist so: Straße auf Straße mit immer denselben Häuserblocks, die wie schäbige monumentale Tresore mit den schal gewordenen Wertsachen und Gebrauchtmöbeln einer bankrotten Mittelschicht ausstaffiert sind."
Isherwood liebt das Viertel auch deshalb, weil ringsherum, wie heute noch, eine lebendige Schwulenszene existiert. Hier trifft sich, wer Künstler, reich oder wenigstens extravagant war. Die luxuriöse Kabarettbar "Eldorado" in der Motz-/Ecke Kalckreuthstraße (heute eine "Plus"-Filiale") wird nicht zuletzt wegen ihrer prominenten Gäste - Klaus Mann, Anita Berber, Marlene Dietrich - berühmt. Isherwoods Lieblingslokale liegen aber eher im Arbeiterviertel rund um das Hallesche Tor. Seine Stammkneipe wird das "Cosy Corner" in der Zossener Straße 7. Ein kleiner Laden, Hochparterre, alles andere als elegant. Hier braucht man keinen Smoking und auch keine gut gefüllte Geldbörse, um Einlass zu bekommen und Spaß zu haben. Und zudem trifft sich hier, was Isherwood wesentlich erotischer fand: bodenständige Arbeiterjungs. Wo man sich seinerzeit klassenübergreifend beim Bier näher kam, ist heute eine Zahnarztpraxis untergebracht.
In den "Berlin Stories" und im Roman "Mr. Norris steigt um" erfasst Christopher Isherwood sehr genau die sich anbahnende wirtschaftliche wie politische Katastrophe. Seine Arbeitsweise hält er in einem schönen, sehr nüchternen Bild fest: "Ich bin eine Kamera, mit offenem Verschluss, nehme auf, registriere nur, denke nicht. Eines Tages werde ich alle diese Bilder entwickelt, sorgfältig kopiert und fixiert haben." Das Augenmerk ist stets aufs Detail gerichtet, auf das Alltagsleben in der nächsten Umgebung. Erst in der Summe aller seiner Figuren ergibt sich ein im Nachhinein überraschend hellsichtiges Gesamtbild sozialer Instabilität.
Der unfreiwillige Abschied aus Deutschland im Mai 1933 erfolgt überstürzt und wehmütig. "Nein", lässt Isherwood seinen Episodenroman "Leb wohl, Berlin" enden, "auch jetzt kann ich es immer noch nicht glauben, dass dies alles vorbei ist." Mit seinem deutschen Geliebten Heinz Neddermeyer reist er nach Prag und weiter durch Europa. 1937 erhält Neddermeyer den Einberufungsbefehl. Isherwood will einen mexikanischen Pass beschaffen, der Mittelsmann aber verschwindet mit den 1000 Pfund, die ihm gezahlt wurden. Neddermeyer, der nach Deutschland zurückkehren muss, weil sein Pass abgelaufen ist, wird verhaftet, wegen homosexueller Handlungen verurteilt und später zur Wehrmacht eingezogen. Die Zeiten der Bohème sind endgültig vorbei.
In London findet Isherwood dank Jean Ross' Vermittlung einen Job: Er assistiert dem exilierten Regisseur Berthold Viertel als Dialogbearbeiter bei den Dreharbeiten zu "Little Friend". (Aus diesen Erlebnissen erwächst der 1945 veröffentlichte Roman "Das Praterveilchen".) Er übersetzt außerdem Brecht ins Englische und verfasst gemeinsam mit W. H. Auden einige sozialistische Theaterstücke in expressionistischer Manier (wie "The Dog Beneath the Skin", 1935 und "On the Frontier", 1938).
Dann aber kehrt politische Ernüchterung ein. Die Nachrichten aus der Sowjetunion lassen Isherwood erschaudern. Zudem gerieten seine sozialistischen Anschauungen "in Verwirrung durch mein zunehmend offensives Selbstbewusstsein als Homosexueller sowie durch die neue Entdeckung, dass ich Pazifist war", wie er später schreibt. Und so nimmt Isherwood Abschied auch von seinen politischen Leitbildern - und schließlich von Europa. 1939 folgt er erneut W. H. Auden, diesmal ins kalifornische Exil. 1946 wird er amerikanischer Staatsbürger.
Die Tätigkeit als Drehbuchautor für Goldwyn-Mayer und Warner Brothers sichert ihm für lange Zeit den Lebensunterhalt. Daneben schreibt Christopher Isherwood weitere Romane: In "Down there on a Visit" (1962) verarbeitet er ein weiteres Mal seine Zeit in Berlin. "Single Man" (1964, dt. "Der Einzelgänger") ist ein psychologisch eindringliches, in kühl-distanzierten Ton verfasstes Porträt eines 58-jährigen Universitätsprofessors. Erzählt wird ein Tag im Leben dieses in Los Angeles lebenden Briten, dessen Lebensgefährte gerade verstorben ist.
Seine geistige Heimat findet Isherwood ab 1943 in der Vedanta-Philosophie; auf Anregung von Aldous Huxley befasst er sich mit fernöstlicher Kultur und Religion. Er übersetzt zahlreiche religiöse Aufsätze und gibt mit seinem Freund und Lehrer Swami Prabhavananda Klassiker des Hinduismus heraus. Sein dauerhaftes privates Glück wiederum findet er 1953 in Gestalt des Malers Don Bachardy, mit dem er bis zu seinem Tod am 5. Januar 1986 in Santa Monica lebt.
Wenige Wochen zuvor gibt der 81-jährige Isherwood dem Schriftstellerkollegen Armistead Maupin sein letztes Interview. Noch einmal betont er, wie wichtig für ihn die Berliner Zeit, nicht zuletzt für seine sexuelle Selbstfindung als schwuler Mann, gewesen sei - wenn auch rückblickend mit einem etwas weniger verklärten Blick: "Those goddamned boys, all stealing."
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Christopher Isherwood: "Leb wohl, Berlin. Ein Roman in Episoden." Aus dem Englischen übertragen von Susanne Rademacher. Ullstein Taschenbuch, 252 S., 7,95 Euro.
Alle Zitate zu den oben stehenden Fotos sind, mit freundlicher Genehmigung des Verlags, dieser Ausgabe entnommen.
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Foto: Christopher Isherwood war eine Mischung aus britischer Unverschämtheit und marxistischer Arroganz. Das steht zumindest in Klaus Manns Tagebuch.
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Foto: Clifford Bradshaw (Guido Kleineidam; links) im Zug nach Berlin. Gleich wird ihm Ernst Ludwig (Torsten Stoll) wärmstens Fräulein Schneiders Pension empfehlen.