HAMBURG, 4. Februar. Das "Expansions-Programm Nr. 1" wurde in Hamburg ausgearbeitet und sollte die gesamte Türkei umfassen. "Ich sollte den Plan realisieren", sagt Isaak Himmelstein. "Ich sollte Scientology in die Türkei bringen. Im großen Stil." Isaak Himmelstein sitzt an einem abgeschirmten Ort in Hamburg, in der Stadt, in der Scientology ihre wichtigste deutsche Filiale hat. Er steht seit einer Woche unter Polizeischutz, seit er sich entschieden hat, die größenwahnsinnigen, doch ernst gemeinten Pläne der Sekte zu enthüllen. Er besitzt auch eine Mappe mit Dokumenten, die seine Aussagen belegen.
Himmelstein hatte im Mai vergangenen Jahres die Unternehmerin Ayse Yilmaz in Istanbul geheiratet, Chefin der türkischen Zeitarbeitsfirma Datassist mit 4 000 Angestellten, Millionärin und seit kurzem Scientologin. "Alle ihre Mitarbeiter sollten scientologisch geschult werden", sagt Himmelstein - und dann die Sekten-Ideologie in anderen türkischen Unternehmen im ganzen Land verbreiten. Yilmaz' Abteilungsleiter absolvierten bereits einen Intensivkurs über "Kommunikation", den der Scientologe Rainer Biermann aus Hamburg in Istanbul abhielt.
"Dianetik und WISE in der Türkei etablieren", steht im "Expansion Programm" der Hamburger Scientology-Zentrale für das Türkei-Projekt - es geht um die Ideologie und die Wirtschaftsholding der Sekte. Die Zeitarbeitsfirma war dafür der ideale Multiplikator, denn sie hat Verbindungen mit führenden Firmen am Bosporus. "Und Herr Himmelstein", sagt die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta, "war die ideale Tarnung."
Isaak Himmelstein, 31 Jahre alt, schwarzes Langhaar, schwarzer Vollbart, sieht nicht aus, wie man sich einen Scientologen vorstellt. "Die haben mich immer nur benutzt", sagt er. Himmelstein ist eigentlich ein junger Berliner Türke, ein Bauzeichner, der beschloss, seinen Namen Ihsan Göktas ins Deutsche zu übersetzen. Dass dabei ein sehr jüdisch klingender Name entstand, war ihm gar nicht klar. Gerade dies aber machte ihn für Scientology interessant, nachdem ihn eine Straßenwerberin vor neun Jahren für die Sekte rekrutierte. Die Scientologen standen damals unter starker Kritik und versuchten, sich als verfolgte Religion darzustellen; da kam ihnen ein angeblicher Jude wie gerufen. "Sie konnten dann sagen, seht, wir werden angegriffen wie unter Hitler", sagt Himmelstein.
Einerseits war der "getürkte Jude", wie er sich selbst nennt, kein vorbildlicher Scientologe; er hatte nicht-scientologische Freundinnen und entzog sich Befehlen. Andererseits war er fest in das System der Sekte eingetaucht. So verschaffte er dem scientologischen Geheimdienst mit einer Fantasiefirma einen Zugang zur Bundespressekonferenz; er rekrutierte Jugendliche in der Gothik-Szene. Er habe "Gegner" wie Caberta oder den evangelischen Sektenexperten Thomas Gandow bespitzelt, sagt er; und es gelang ihm, den deutschen Scientologen Konten bei der türkischen AK-Bank in Hannover zu vermitteln, als viele Banken sie als Kunden ablehnten. Anfang 2002 schlug Himmelstein vor, er könne doch etwas für die Türkei tun.
Himmelstein gründete eine Werbefirma in der Türkei, er wurde mit Ayse Yilmaz verkuppelt, die als Prominente nicht mit der Sekte in Verbindung gebracht werden sollte. Er aber wurde wegen seines schönen Namens zum Pro-Forma-Chef der türkischen Scientology-"Mission" berufen. Doch im Herbst 2004 kam es zum Streit mit seiner neuen Ehefrau. "Ich wollte eine Familie mit Kind, Katze und Kamin, und sie wollte in der Garage unserer Villa Scientology-Kurse abhalten", sagt Himmelstein. Scientology schaltete sich ein, er wurde mit dem internen "Zustand Verrat" belegt. Das war zu viel. Vor zwei Wochen stieg Isaak Himmelstein aus. Er wollte sich nicht mehr benutzen lassen.
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Foto: Isaak Himmelstein bespitzelte Sektenexperten.