Eine Figur war genau gezeigt. Samuel Finzi als Neoptolemos, wie er widerwillig einem fiesen Befehl Folge leistet, dem er nicht entrinnen kann. Neoptolemos steht im Rock, mit geschnürten Stiefeln, Brust rein, Bauch raus, Schultern nach unten und dann durch den Schlamassel durch. Einer von uns gewöhnlichen Menschen. Samuel Finzi, Jahrgang 1966, ist jung genug für die Rolle.
Heiner Müller wäre am 9. Januar 76 Jahre alt geworden. An diesem Tag brachte die Volksbühne "Philoktet" heraus, ein Stück, das der Autor schrieb, als er knapp 30 Jahre alt war und den Stalinismus schlecht ertrug, aber doch eine Zukunft sehen wollte, und deswegen ein in sich geschlossenes System unentrinnbarer Machtausübung dramatisch entwarf, um sich entschließen zu können, selbiges in der Wirklichkeit ertragen zu wollen. Er nannte es eine Tragödie, und dann ein Clownsspiel. Müller sah für den Sozialismus keinen Ausweg, er tröstete sich mit diesem "Philoktet". Und nicht viel älter als dreißigjährig muss man sich seine Figuren vorstellen, die Feldherren Philoktet, Neoptolemos und vielleicht sogar den Odysseus.
Die Premiere des frühen Lehrstücks in unsrer späten Zeit war eine bewegte Geburtstagsparty, in Ehren ergraut ging es zu. Der erste Zuschauer ging schon bald, und ein anderer ging mit der bedenkenswerten Mitteilung, an der Saaltür vorgetragen, an die drei Schauspieler gerichtet, die fast mitten unter uns Zuschauern spielten: "Ihr müsst euch eurer Arbeit schämen". Dieser Mann scheint an Müllers Stück interessiert gewesen, weniger an dem, was die Mimen für lustig halten, die sich selber von der Leine ließen.
Die anfängliche Mutmaßung, die lautstark protestierenden Zuschauer könnten inszeniert sein ("Das war jetzt Claus Peymann", witzelte Samuel Finzi) bestätigte sich nicht. Der Inszenierung gebrach es überhaupt an Einfällen. Die Aufführung gab sich als Probe: Odysseus setzt sich gelegentlich in den Regiestuhl in der ersten Reihe und trinkt ein bayerisches Weißbier. Ein Schauspieler unterbricht den anderen Schauspieler und lässt ihn die Textstelle nochmals flüstern, schreien oder brüllen, um Veränderung zu erheischen. Solche Spielweise fällt am Theater meist dann ein, wenn man sich dem Stück nicht mit Ernst und Kraft stellen will oder kann. "Philoktet" ist stets als Stalinstück gelesen worden, auch wenn Müller gemeint hat, es gehe um Machtstrukturen überall. Als Stalinstück ist es einfach nicht mehr interessant, und die andere Dimension hat diese Inszenierung einfach als das Ende von Geschichte überhaupt verjuxt. Insofern ist sie zeitgenössisch, und da Sepp Bierbichler als Odysseus hochdeutsch nicht sprechen und sächsisch (wie der Autor) nicht denken kann, hat er vielleicht Franz Josef Strauß im Sinn gehabt oder einen bayerischen Brauerei-Direktor.
Die Aufführung hat eine Regieassistentin und eine Regiehospitantin, einen Regisseur hat sie nicht. Der ursprünglich für diese Aufgabe auserkorene Dimiter Gotscheff, obwohl er zum Schauspieler nicht berufen ist, spielte den Philoktet, den Odysseus während der Überfahrt nach Troja wegen seiner übelriechenden Wunde auf der menschenleeren Insel Lemnos aussetzt und jetzt wieder braucht. Gotscheff trank im Gegensatz zu seinem Ruf Mineralwasser und erklärte "Jetzt raste ich aus", was er dann nicht tat. Er las große Teile der Rolle vom Blatt, mit einem röhrenden Pathos. Unfreiwillig proletarisch, als wäre es ein Part aus Gorkis "Nachtasyl". Man muss mit Müllers Versen anders umgehen, und eigentlich weiß das keiner besser als Dimiter Gotscheff, der kürzlich Müllers "Germania" im Deutschen Theater vorzüglich inszeniert hatte. Wenn man kein Schauspieler ist, muss man auch keiner sein wollen.
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Philoktet // von Heiner Müller; Regie: keine; Bühnenbild: keines; Kostüme: Ellen Hofmann
Darsteller: Dimiter Gotscheff - Philoktet, Samuel Finzi - Neoptolemos, Sepp Bierbichler - Odysseus
Nächste Aufführungen: 11., 19. 1.
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Foto: Nihilismus als Fluchtpunkt: Samuel Finzi (l.), Dimiter Gotscheff.