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Da hören selbst die Knorpel zu

Musik, die in Erinnerung bleibt: Der DAAD-Stipendiat Shintaro Imai stellte seine Arbeiten in der Berlinischen Galerie vor

Jan Brachmann

Man saß eng beieinander am Mittwoch im leuchtend weißen Auditorium der neuen Berlinischen Galerie. Es mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden, weil der Zustrom an Menschen nicht abriss, die in den Saal wollten; erst zwanzig Minuten nach der angesetzten Zeit konnte die Veranstaltung beginnen. Shintaro Imai, ein dreißig Jahre alter Komponist aus Japan, der sich gerade als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin aufhält und im Studio für elektronische Musik an der Technischen Universität arbeitet, stellte vier seiner Werke aus den letzten sechs Jahren vor. Imai ist in Berlin kein ganz Unbekannter mehr. Eine der Kompositionen dieses Abends, "Motion and Glitch Study" für die Tänzerin Kazue Ikeda, Bildverarbeitung und Klangelektronik, war schon im vergangenen Sommer beim Festival Inventionen in den Sophiensælen aufgeführt worden und hat dort beim Publikum ganz offensichtlich mehr geweckt als das gewöhnliche Interesse.

Woran das liegt, vermochte das Konzert in der Berlinischen Galerie auf eindrucksvolle, begeisternde Weise zu klären: Imai schafft Musik, die in Erinnerung bleibt. In Erinnerung bleibt Musik, wenn sie zu einer sinnfälligen Gestalt findet, Formen baut, die für das Hören evident sind. Die technischen Verfahren, mit denen elektronische Musik ihre Klänge generiert, sind durch das Ohr ja nicht nachvollziehbar. Imai arbeitet mit der sogenannten Granularsynthese. Er zerlegt dabei konventionell erzeugte Klänge der menschlichen Stimme oder akustischer Instrumente in Klangkörner einer Dauer von 1-30 Millisekunden. Dieses Klanggranulat ist dann in seiner Herkunft sinnlich nicht mehr erkennbar und wird zu neuen Klängen synthetisiert. Imais Arbeit aber erschöpft sich nicht im Erfinden von Material, sie setzt sich im Gestalten von Form fort.

Schon "Resonant Quarks" von 1998, eine elektroakustische Komposition ohne Live-Instrumente, schichtet die Töne und Geräusche wie in einem mehrstimmigen Satz. Die einzelnen Klänge besitzen wiedererkennbare Qualitäten, mit denen Imai so umgeht, wie es Komponisten traditioneller Kunstmusik mit Themen und Motiven tun. Ein Geräusch beispielsweise, das dem Anlassen eines schweren Motors ähnelt, ließe sich in seiner satztechnischen Funktion einer rollenden Bassfigur vergleichen, die als harmonische Stütze dient und zugleich das Metrum, das Maß vergehender Zeit markiert. Im Ganzen beschrieb Folkmar Hein von der TU "Resonant Quarks" in seiner Einführung als Bogenform, ein Wort, das hier deshalb berechtigt ist, weil sich der stille Beginn und das Verdämmern des Stücks nicht als leichtfertig gesetzte Korrespondenz gegenüberstehen, sondern durch einen hörend nachvollziehbaren Prozess aufeinander bezogen sind.

"La Lutte bleue" für Elektronik und Violoncello (gespielt von Michael Moser) lebt hingegen vom unversöhnlichen Kontrast, der zu einem "Bogen" sich nicht vermitteln lässt. Dem Titel ("der blaue Streit") liegt das chinesische Schriftzeichen für "Stille" zu Grunde, das sich aus den Zeichen für "blau" und "Streit" zusammensetzt. Unterstützt von der Elektronik spannte das Cello hier zuweilen herrliche, pentatonisch bunte Drachen auf, denen zum Schweben viel Zeit blieb, Zeit die der Hörer auch braucht, um sich ihre Gestalt einzuprägen.

Imai benennt den 1998 verstorbenen Komponisten Gérard Grisey als einen seiner Bezugspunkte. Im Umgang mit Zeit, der sich an gestaltpsychologischen Gesetzen des Hörens ausrichtet, wird dieser Bezug sehr deutlich. Man empfindet die Musik von Imai als schön - nicht nur wegen der gelegentlich sehr zarten, affinen Klänge, sondern weil man beim Hören neben der Herausforderung auch Erfolge erlebt, Erfolge beim Lernen der je eigenen Grammtik der Form.

In "Ubiquitous", ein Stück, das mit der Flötistin Sabine Vogel gemeinsam erarbeitet wurde, und in "Motion and Glitch Study" mag der Anteil der Improvisation beträchtlich, die Werkgestalt im Detail variabel sein. Dennoch hatte man auch hier nicht den Eindruck, etwas Ephemerem, Flüchtigem beizuwohnen, als Hörer verklapst zu werden, sondern es mit einem Gegenstand zu tun zu haben, der trotz aller Veränderlichkeit immer noch bestimmbar und damit diskutierbar bleibt. "Motion Glitch and Study" verkoppelt Tanz, Bild und Geräusch so, dass über das Ohr hinaus noch ganz andere Körperpartien (die Knorpel der Gelenke zum Beispiel) für das Hören hinzugewonnen werden. Es kommt dabei sowohl in der Darbietung wie auch beim Aufnehmen zu bewegungsgenerierten Sinnesüberschneidungen, die ein altes Augustinus-Wort neu plausibel machen: Musica est ars bene movendi - Musik ist die Kunst der rechten Bewegung.

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Shintaro Imai // wurde 1974 in Nagano (Japan) geboren. Der Komponist und Klangkünstler studierte am Kunitachi College of Music in Tokio und am IRCAM in Paris.

Im vergangenen Jahr war er Composer in Residence beim Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe.

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Foto: Die Tänzerin Kazue Ikeda vor ihrem elektronisch verarbeiteten Simultanbild in Imais "Motion and Glitch Study"