Zu den interessanten Pianisten, die in den letzten Wochen in der Stadt zu hören waren - Yundi Li, Grigorij Sokolov, Daniel Barenboim, Olli Mustonen -, hat sich am Wochenende Piotr Anderszewski gesellt. Anderszewski, 1969 in Warschau geboren, war dem Publikum bisher vor allem durch CDs und eine eindrucksvolle Fernsehaufzeichnung mit Beethovens Diabelli-Variationen bekannt. Man durfte wohl hoffen, durch seinen Auftritt im Kammermusiksaal der Philharmonie Aufschluss über Zugänge einer jüngeren Generation zur Rolle des Pianisten zu erhalten.
Dass Anderszewski dabei nicht den Weg seiner Kollegen Olli Mustonen oder auch Gianluca Cascioli gehen würde, das ließen seine Aufnahmen bereits vermuten. Mustonen und Cascioli zertrümmern das überlieferte Klangmaterial und das in ihm eingeschlossene Bild des Pianisten. Im Auseinandersprengen erkennen sie sich wieder; ihre Persönlichkeit als Pianist aber entsteht in der Anstrengung, gegen die nun spektakulär vergrößerte Fliehkraft die Teile wieder in Zusammenhang zu setzen.
Dass der überlieferte Zusammenhang der Stücke keine Selbstverständlichkeit ist, scheint auch Anderszewski zu ahnen (anders als etwa der junge Chinese Yundi Li, für den alles tatsächlich nur eine Frage der Technik ist). Allerdings zieht Anderszewski daraus die umgekehrte Konsequenz: Er spielt die Kräfte der Auflösung herunter. Die Aufnahme seiner Diabelli-Variationen lässt sich so nach den älteren Kategorien des Strukturellen hören; man wird seine Interpretation nicht interessant finden, in jenem Sinn, in dem Mustonen rasend interessant wirkt, sie ist aber beeindruckend klar.
Wie Anderszewski am Sonnabend Bachs Französische Ouvertüre h-Moll spielte, aus dem zweiten Teil der Klavierübung, ließ jene Klarheit nun als Attitüde erscheinen. Anderszewski atmet nicht, wenn er Bach spielt. Alle Artikulation kommt bei ihm aus den Fingern. Seit der Bach-Zeit wird das als mechanisch bezeichnet, während eines der wichtigsten Ziele der Clavier-Übung doch das Kantable ist: Auch wenn man die einzelnen Stimmen des Klaviersatzes als Instrumental-Stimmen versteht, antisentimental, wenn es sein muss, so ist ihnen doch das Bild der menschlichen Stimme eingeschrieben, deren Artikulationen organisch durch Ein- und Ausatmen bestimmt werden. Das alles ist selbstverständlich viel zu bekannt, als dass es Ander- szewski mit all seiner pianistischen Fertigkeit übersehen haben könnte. So ist es wohl seine Entscheidung, die Subjektivität der Stimmen zu unterdrücken; das Unterdrücken seinerseits dürfte auf nicht wenige Hörer Gewalt ausüben, also Faszination. Es bleibt dann aber immer noch das Problem, dass der Pianist das rein-Strukturelle auch nicht mit der wünschenswerten Schlüssigkeit vorträgt. Vieles ist eben doch verwischt, zu schnell gespielt, häufig zerstören die Verzierungen das Metrum. Viele Wechsel zwischen piano und organo pleno, viele Entscheidungen, Einzelteile im Swing herauszuheben bleiben willkürlich, momentan. Nicht selten bröckeln Phrasen gegen Ende ab.
Pianistisch hat das Idealbild eines solchen Stils Alexis Weissenberg entwickelt. Das war Mitte der 1960er-Jahre. Was in Weissenbergs Spiel aber technisch wirkt, das erscheint bei Anderszewski mechanisch. Was bei Weissenberg aus Stahl ist, das ist bei Anderszewski nurmehr Draht. Damit steht der jüngere fast verloren zwischen der Strenge des Vorläufers und der Freiheit, die sich ältere Kollegen wie Barenboim und Sokolov nehmen. Sokolovs Bach-Spiel, das die einzelnen Stimmen in Individualitäten weit auseinander führt - Individualitäten im Rhythmischen, im Artikulatorischen, in der Farbe -, hält derzeit die geniale Extrem-Position eines vollkommen subjekterfüllten Spiels, das gerade so die Struktur des Tonsatzes mit Sinn erfüllt.
Als gegenwärtig erscheint Anderszewski, wo er an jene zeitgenössische Literatur der entleerten Seelen erinnert, wie sie etwa Michel Houellebecq vertritt. Auch bei Houellebecq wird ja eine Trauer über die Leere der Existenz artikuliert, vor allem nach jeder der so häufig geschilderten Geschlechtsbegegnungen fällt der Erzähler ins Philosophieren. Aber nichts sprengt diesen Horizont mehr auf. Nichts weist über ihn hinaus. In eben diesem Sinn fällt Anderszewski regelmäßig in die lyrischen Sätze und Momente seiner Stücke, in den unvermittelt pathetisch herausgespielten h-Moll-Schlussakkord der Sarabande zum Beispiel, in das Largo von Chopins abschließend gespielter dritter Sonate in der gleichen Tonart.
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Foto: Ein Bild des Pianisten Piotr Anderszewski