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Das Marschgepäck aus Schmerzen

"Die grauen Seelen" von Philippe Claudel

Uta Beiküfner

Der Krieg ist eine Kulisse, aus der es donnert und kracht. Ein paar Versehrte werden ausgespuckt und davor findet die Tragödie eines Kindsmordes statt. Die Geschichte, die Philippe Claudels mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichneten Roman "Die grauen Seelen" zugrunde liegt, ist wahr, sie hat sich 1917 in einer französischen Kleinstadt ereignet.

Zwanzig Kilometer von der Front richtet ein Staatsanwalt über Leben und Tod. Im dritten Kriegsjahr hat er noch immer eine Idee von Gut und Böse zu verteidigen. Doch während täglich in der Kleinstadt Schwiegermütter aufgeschlitzt und Ehefrauen erschlagen werden, ist die Ermordung eines zehnjährigen Kindes keine Alltäglichkeit. Belle de jour, wie die Bewohner des Provinznestes das hübsche Mädchen nennen, wird an einem Wintermorgen erdrosselt aus einem Kanal gefischt.

Es beginnt eine Hexenjagd auf den mutmaßlichen Mörder. Fernab davon begibt sich der Ich-Erzähler, ein Polizist, auf seine eigene Suche, die Jahrzehnte seines Lebens andauern wird. Er befragt klatschsüchtige Weiber und sieht in betretene Bauerngesichter. Der Wahrheit näher kommt er durch die Toten, die nicht auf dem Feld der Ehre sterben, und die die Menschen mehr als der Krieg in Aufruhr versetzen, obwohl durch ihn der Horizont der Kleinstadt begrenzt wird. Von hier aus ist der Tod mit seinem "Marschgepäck aus Schmerzen und zerfetzten Leibern, aus Hunger, Angst und Tragödien" zwar nicht zu sehen, doch erst die Wirklichkeit der Schlachtfelder hebt den Unterschied zwischen Gut und Böse auf und lässt im Roman den Mord an einem unschuldigen Kind zu.

Es sind keine Frontwahrheiten, die Philippe Claudel ausbreitet. Er schildert das Leben im Hinterland, das sich an der Oberfläche in einer fast beängstigenden Normalität abspielt. Den Alltag, die leere Geschäftigkeit der Bewohner und ihr Beschäftigtsein mit sich selbst. Die Stammtische, die Schulen, das Krankenhaus, das Rathaus und die Fabrik, die vor Jahrzehnten aus den Weinbauern Arbeiter machte. Am Anfang des Krieges sorgen die Bewohner der Kleinstadt sich noch um die Verwundeten, sie krönen Helden, feiern Jahres- und Siegestage. Dann wird der Krieg zu einem Geschäft, mit dem Gedächtnis und dem Andenken, mit dem Alkohol und der käuflichen Liebe.

Claudel beschreibt, wie die Schmutzwellen von den Schlachtfeldern auf die Kleinstadt überschwappen, in Behörden und Amtsstuben eindringen, wie in diesen Räumen plötzlich schmutzige Gedanken ausgebrütet werden und wie die ehrwürdigen Bürger der Stadt so ihre Ehre verlieren. Da gibt es einen Oberst, der einst Dreyfus unterstützt hat und der nun nicht genug Blut vergießen kann, und es gibt einen Richter, der um einen Mörder zu richten einen Unschuldigen hinrichten lassen will.

Der Roman lebt von der Brutalität, mit der die Ereignisse miteinander kontrastiert werden. Im Verlauf vieler Sommernächte erzählt, spielt die eigentliche Handlung im Winter. An der Leiche eines Kindes erfährt ein Mensch den glücklichsten Augenblick seines Lebens. Und während seit drei Jahren in matschigen Gräben gehungert und gestorben wird, schlagen sich die Honoratioren des Städtchens in ihren behaglichen Stuben die Mägen voll: "Gemischtes vom Schwein als Vorspeise, dann geschmorte Leber, eine Hühnersuppe mit Kohl, Möhren, Zwiebeln, Wurst, dann geschmorte Schweinsfüße, Käse und ein Apfelcrêpe. Und Wein natürlich. Vom besten. Den Weißen zur Vorspeise, den Roten später."

Es ist diese Atmosphäre aus Schlürfen, Schmatzen und Rülpsen, in der sie sich selbst verlieren und sich jenen Tieren anverwandeln, die sie verspeisen. Die Betrachtung des toten Mädchens, die im Richter ein unbändiges Verlangen nach weichgekochten Eiern weckt, ist ebenso ein Indiz für die Verschweinung wie die Demütigung eines Deserteurs, der in einer eisigen Winternacht nackt an einen Pfahl gebunden wird, während seine Peiniger sich mit dem Hintern am Ofen einem ausgedehnten Mahl hingeben. Auf die Feststellung des Ich-Erzählers, dass auch er ein Schwein sei, antwortet ihm eine Alkoholikerin und Ausgestoßene: "Ich kenne keine Schweine und keine Heiligen. Nichts ist ganz schwarz oder ganz weiß; das Grau setzt sich durch. So ist es auch bei den Menschen und ihren Seelen. Du bist eine graue Seele, hübsch grau, wie wir alle."

Grau zu sein heißt im Roman, nicht ohne Schuld zu sein. Schuldig wird schon, wer sich der Wirklichkeit des Krieges verschließt, weil er an sein privates Glück glaubt. In den "Grauen Seelen" wird der ebenso schuldig, der das Schöne in unschönen Zeiten nicht ertragen kann. Am Ende stellt sich die Frage, ob der Mord geschehen musste, weil vor der Kulisse des Krieges anders die Unschuld nicht zu retten war. Der sicherste Ort in diesen unsicheren Zeiten ist der Friedhof.

Vor dieser zweifelhaften Moral scheint der Autor allerdings selbst zurückzuschrecken. Indem er den Mörder nicht benennt und zwei mögliche Täterprofile entwirft, entzieht er sich der letzten Konsequenz dieses Gedankengangs. Der eine hätte aus unerträglicher Lust, der andere aus der Unerträglichkeit der Liebe die Tat begehen können. Das aber ist eine Lehre, die sich nicht nur aus dem Krieg ziehen lässt, sondern aus dem Leben im Allgemeinen, egal an oder hinter der Front.

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Philippe Claudel:

Die grauen Seelen. Aus dem Französischen von Christiane Seiler. Rowohlt,

Reinbek 2004. 239 S., 19,90 Euro.