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Wo die Dinge uns berühren

Michael Endres spielte die letzten drei Klaviersonaten von Franz Schubert

Jan Brachmann

Georg Trakls Gedicht "Wintergang" ist im Titel eine Tonart beigegeben: "in a-Moll". Zerzauste Krähen streichen darin übers Dorf, wer dächte da nicht an das a-Moll des Leiermanns am Ende von Franz Schuberts "Winterreise". In den Gedichten von Trakl, der gestern vor 90 Jahren starb, stürzen Stiegen ins Dunkel, versinkt der Pfad auf dem Salzburger Mönchsberg unter herbstlichen Ulmen, es sinkt sogar einmal der braune Wald ins offene Fenster, fällt auf uns zu, wie der Pfad unter uns nachgibt. Wir sind es, die von dieser Nachgiebigkeit und Zufälligkeit der Dinge berührt werden - nämlich dort, wo wir ihre Festigkeit gebraucht hätten: beim Pläne-Machen und Ziele-Verfolgen.

Die Nachgiebigkeit der großen Form, das harmonische Wandern ohne Ziel ist auch ein unheimlicher Zug an Schuberts Klaviersonaten. Die letzten drei hat Michael Endres am Dienstag im Kleinen Saal des Konzerthauses gespielt. Zahlreiche, sehr dankbare Zuhörer hatten sich eingefunden, viele aus dem Kollegen-, Studenten- und Freundeskreis der Hochschule für Musik "Hanns Eisler", wo Endres seit einem Jahr als Professor lehrt.

Was aber Endres an dieser Musik bewegt, warum er glaubt, es lohne sich, sie zu spielen, das erschloss sich zumindest dem Schreiber dieser Zeilen nicht. Der Klavierklang blieb stumpf und verklumpt, viele Töne sprachen nicht an. Auch die jäh aufreißenden Pausen bei Schubert hatten nichts Sprechendes, nichts, was uns etwas anginge in diesem Entzug von Klang. Endres spielte diese Musik zwar mit großer Präzision gegenüber dem Notentext, aber doch wie jemand, der ein Gedicht in phonetischer Lautumschrift korrekt vorliest, ohne die Worte zu kennen. Nur im ersten Satz der A-Dur-Sonate, wo das Seitenthema in einen Tanz mündet, da war es manchmal, als träte man beim Tanzen in etwas Weiches aus Haut und Fleisch, das einmal gelebt hatte und noch warm war. (jbr.)