Madame Ferron wird also wieder Chabert heißen. Sie nimmt es zur Kenntnis, kommentarlos. Auch das Umgangsrecht mit dem Sohn Nicolas wird einvernehmlich geklärt. Schnelle Scheidung im offenen Großraumbüro. Während der Richter herunterrattert, was zu regeln war, bohrt sich der Kamerablick in die Gesichter von Gilles und Marion. Sie sind kalt und grau wie gefüllte Aschenbecher. Erst der zweite Blick, auf Marions geschwollene Lider, verrät, dass in diesen Menschen nicht alles erloschen sein kann.
Nachdem die zwei vor dem Gesetz nicht mehr Mann und Frau sind, gehen sie noch mal zusammen ins Bett. Die Kamera folgt ihnen den Gang entlang zum Hotelzimmer; sie schaut ihnen beim Entkleiden zu, dabei, wie die Kälte aus der Nähe nackter Haut wächst. Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) wird scheu, sie will nicht mehr. Und Gilles (Stéphane Freiss) verwandelt seine eigene Angst in Grausamkeit. Er vergewaltigt Marion, penetriert sie anal - eine Geste der Rache, des Triumphes, seit alters her gepflegt von Soldaten, wenn sie ihre Feinde in die Finger bekamen.
François Ozon lässt uns in seinem neuen Film "Fünf mal zwei" an dieser Stelle lange in das Gesicht von Marion schauen: Sie weint. Mit diesem Blick der Kamera verwischt der Regisseur den Unterschied zwischen Psychologie und Pornografie. Psychologie dringt in die Tiefe der Figuren und interpretiert, was sie tun. Pornografie begnügt sich mit der Oberfläche und geht mit dem, was Seele heißen könnte, keine Beziehung ein. Ozon zieht das Innere nach außen - allerdings nicht, um seine Figuren zu verstehen, nicht, um an dem, was sie treibt, Anteil zu nehmen. Die Äußerung des Inneren hat für ihn mehr Material- als Deutungswert. Er braucht es als Kontrastmittel, um die Form zu beleben. Das ist alles.
François Ozon schildert in seinem neuen Film fünf entscheidende Stationen im Leben eines Paares, - und zwar rückwärts: von der Scheidung bis zur ersten wirklichen Annäherung. Die Umkehrung des Zeitflusses als erzähltechnisches Mittel räumt die Möglichkeit ein, eine Geschichte mit einem Happyend schließen zu lassen, das man zugleich als bitter empfindet. Vor allem aber kann in der Durchkreuzung von Erzählfluss und Erzähltem die Formkraft der Zeit auf den Menschen prägnanter hervorteten: Welche Spuren hinterlässt die Zeit in der Figur? Wie verändert die Zeitgestalt des Wissens unsere eigene Wahrnehmung der Geschichte?
Wer das aber von Ozons Film erwartet, erlebt eine Enttäuschung. Denn Gilles und Marion entwickeln sich nicht. Man begreift nicht, was zwischen ihnen war und was sie schließlich trennte. Sie sind erloschen von Anbeginn und doch verletzbar. Wirklich zusammen waren sie nie. Und eine "Geschichte" lässt sich dieser Film kaum nennen, denn was geschieht, scheint keine Folgen für die zwei zu haben. Es gibt nichts, was die gezeigten Momente als inneres Motiv verbindet: die Liebe nicht; die Spur der Zeit im Ich der Figuren auch nicht. Die Form des Paar-Seins ist hohl geworden, die Zeit selbst ist hohl geworden, so hohl, dass sie sich tatsächlich umkehren lässt. "Fünf mal zwei" ist Negation allen Erfüllt-Seins, ein kleines Keinmaleins der Glücksmissgunst. Jedes Gefühl für sich selbst, für den anderen, wird damit zur bloßen Behauptung.
Als abwesendes, versagtes liegt dieses Glück jedoch in den Gesichtern von Freiss und Bruni-Tedeschi. Die Fragen, die der Regisseur sich vielleicht gar nicht gestellt hat, tragen diese beiden Schauspieler in jeder Szene mit sich herum: als stumme Angst vor der ersehnten Nähe, als Verklemmung, die sich der Gemeinsamkeit in den Weg stellt, weil jeder mit sich selbst nicht im Reinen ist. Bruni-Tedeschi, die sich in der Darstellung scheuer, verbogener Frauen bereits derart perfektioniert hat, dass es einem nicht mehr ganz geheuer vorkommt, droht dabei als Schauspielerin in dem zu erstarren, was sie längst kann.
Was Ozon längst kann, zeigt er auch hier wieder: Der Film ist formal gekonnt verfugt. Es gibt die Symmetrie zwischen Scheidung und Trauung mit dem ratternden Beamten und dem einsilbigen Ja-Wort. Es gibt die italienischen Schlager von Bobby Solo, Paolo Conte oder Luigi Trenco als Scharnier zwischen den Episoden. Und es gibt immer wieder Gänge, die die Figuren entlanglaufen, im Hotel, im Krankenhaus, in der Wohnung, Gänge aber, die aufgehört haben, Metapher zu sein für den Weg, den ein Mensch zurücklegt, wenn er eine Erfahrung macht.
Fünf mal zwei F 2004. Buch & Regie: François Ozon, Kamera: Yorick Le Saux, Darsteller: Valeria Bruni-Tedeschi, Stéphane Freiss, Géraldine Pailhas, Françoise Fabian, Michael Lonsdale, Antione Chappey u. a.; 90 Minuten, Farbe. Ab morgen im Kino.
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Gilles, ein schwacher Mann, verwandelt seine Angst in Gewalt.
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Foto: Bitteres Happyend: Gilles (Stéphane Freiss, l.) und Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) im Abendrot ihrer Zukunft.