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FRANKFURTER BUCHMESSE 2004

Natürlich geht die Sache schief

Die feministische Palästinenserin Sahar Khalifa erfindet einen melancholischen Verlierer

Sabine Rohlf

Die palästinensische Schriftstellerin Sahar Khalifa ist bekannt für einen kritischen Blick auf die Männer ihrer Heimat. In Romanen wie "Wir sind nicht mehr eure Sklavinnen" oder "Memoiren einer unrealistischen Frau" erzählt sie von Enge und Gewalt der traditionellen Geschlechterverhältnisse, von mühsamen Befreiungsprozessen und erfolgreicher Selbstbehauptung. Gleichzeitig berichtet Khalifa, die 1974 ihren ersten Roman veröffentlichte, seit Jahrzehnten von der schwierigen Situation ihres Landes, von Besatzung, Enteignung und Widerstand.

Auf der einen Seite steht also der Kampf gegen arabische Patriarchen, den Khalifa auch ganz praktisch mit einem von ihr gegründeten Women's Affair Center in Nablus führt. Auf der anderen Seite steht der Kampf gegen Israel. Dass der auch im Namen eines rückwärtsgewandten Islam geführt wird, kommentierte sie 2002 in einem Zeit-Interview so: "Die Islamisten haben sich gewehrt und der Besatzung schmerzhafte Schläge zugefügt, während die Autonomiebehörde tatenlos zusah, wie die Israelis uns schikanierten. Ich bin Feministin. Zwischen mir und den Islamisten gibt es eigentlich nur Streit. Aber zur gleichen Zeit gibt es einen Konflikt zwischen mir und den Israelis."

Nach so einer Äußerung hätte man gern ein Buch gelesen, das dieses Dilemma in den Mittelpunkt rückt, Frauenemanzipation gegen Fundamentalismus ausspielt. Doch Khalifas 2002 auf arabisch veröffentlichter, nun ins deutsche übersetzter Roman "Die Verheißung" kreist nicht um die Widersprüche palästinensisch-feministischen Widerstands, sondern um die Sinnsuche eines Mannes: Erzählt wird die Geschichte von Ibrahim, der als Zwanzigjähriger von einer Schriftstellerkarriere träumt und sich konfliktträchtig verliebt.

Sie ist Christin, er Moslem, und natürlich geht die Sache schief, doch das liegt nicht allein an religiösen Schranken, sondern mindestens ebenso an seiner Gleichgültigkeit. Beim Beginn des Sechstagekrieges verlässt er die schwangere Freundin. Mit bestem Gewissen, immerhin ruft der palästinensische Freiheitskampf.

Erst als alter Mann, nach Jahrzehnten des Exils in Europa, Saudi Arabien und den USA, nach zwei Ehen und diversen Affären, will er die Geliebte zurück und beginnt sie zu suchen. Von diesem egozentrischen Vorgang erzählt der größere Teil des Romans und wird so zum Porträt eines Mannes mit hochfliegenden Träumen und wenig Wirklichkeitssinn: Denn natürlich war seine Liebe nicht halb so perfekt, wie Ibrahim sie sich im Nachhinein zurechtfantasiert. Und auch das späte Wiederaufblühen der Leidenschaft richtet sich an ein Phantom: "Sie soll senil und vergesslich sein? Nein! Unmöglich! Mariam ist hübsch und keck." Die Suche nach ihr bringt die Einsicht, dass das Leben der Frau auch ohne ihn weiterging und dass sie keinerlei Interesse an einer tränenreichen Versöhnung hat. Insofern beschreibt "Die Verheißung" einen Lernprozess, allerdings kann Ibrahim mit der um den Glanz seiner Jugendträume gebrachten Gegenwart wenig anfangen. Das ist zu verstehen, denn er ist einsam und Palästina kaputter denn je.

Seine Sicht der Dinge wird den Lesern unkommentiert dargeboten, denn der alte Mann ist der Ich-Erzähler des Romans. Seine Erinnerungen sind teilweise provozierend sentimental, die eher berichtenden Passagen dafür sachlich, seine Ausflüge in arabische Metaphernwelten zuweilen ausgesprochen schön, etwa beim lyrisch lustigen Vergleich von jungen Leuten mit jungem Gemüse. Immer wieder allerdings verdümpeln seine Kommentare in selbstgerechtem Gejammer. Er ist kein Wortkünstler geworden, sondern ein alter, gichtkranker Bauunternehmer, der mit Aufträgen für die Amerikaner im ersten Golfkrieg Millionen scheffelte.

Auch die anderen Männer in diesem Buch machen keine sonderlich gute Figur. Sie trinken, schlagen ihre Gattinnen, sind resigniert oder ratlos. Realitätssinn beweisen hier nur die Frauen. Sie halten Haus und Hof zusammen, erziehen die Kinder, verbinden Verwundete und machen sich vor allem nichts vor. Eine von ihnen lässt sich nach dem Tod ihres Mannes nicht mit seinem Märtyrerstatus trösten. "Für Palästina? Wird Palästina sich um mich kümmern?" Es ist sehr verlockend, diese Szene als feministisches Friedenscredo zu interpretieren. Doch so einfach macht Khalifa es ihren Lesern nicht, weibliches Aufbegehren bleibt die leise Ausnahme. Und sie lässt keinen Zweifel an der Brutalität der Besatzer, wenn sie erzählt, wie israelische Soldaten ein Kind erschießen.

"Die Verheißung" gibt Einblicke in eine Wirklichkeit, von der es in unseren Medien kaum Bilder gibt. Ibrahim trifft bei seiner Suche unterschiedliche Menschen, islamische und christliche, ganz vereinzelt auch Israelis. Die Altstadt Jerusalems, aber auch abgelegene Dörfer werden lebendig, man lernt Palästinenser kennen, die Schlager oder Soap Operas lieben, wird Zeuge von Festen und Ehekrächen, männlicher Doppelmoral und weiblichem Pragmatismus.

Besatzung, Straßensperren, Gefängnis und Siedlungsbau sind wichtig, bleiben aber im Hintergrund. Fanatische Kämpfer treten in diesem Buch nicht auf, Selbstmordanschläge finden nicht statt. Man kann dies als prekäre Leerstelle beklagen und verlangen, dass Khalifa in Zeiten wie diesen klarer Stellung bezieht. Doch die Irritation, die ihr Roman über einen melancholischen alten Palästinenser auslöst, ist sicher nicht der schlechteste Effekt, den Literatur aus einem Krisengebiet haben kann.

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Sahar Khalifa: Die Verheißung.

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Unionsverlag, Zürich 2004, 256 S., 19,90 Euro.

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Foto: Hochfliegende Träume und wenig Wirklichkeitssinn