Stilbrüche, ein perfekt verwendeter Konjunktiv, alte und neue Rechtschreibung im Wechsel oder zwei plump aufeinander prallende Schriftarten - die Zeichen sind deutlich und sie finden sich in Schul- und Studienarbeiten. Immer häufiger fragen sich Lehrer und Professoren: Korrigiere ich ein Original oder sitze ich vor einem Plagiat?
"Es mehren sich die Hinweise, dass ein kleiner, aber wachsender Teil der Studierenden Plagiate vorlegt", sagt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Hartmut Schiedermair. Für deutsche Universitäten lässt sich das Problem noch nicht in Zahlen beziffern. Aus den USA liegen jedoch bereits konkrete Angaben vor: So registrierte die University of California in Berkeley allein zwischen 1997 und 2000 eine Zunahme der Plagiatsversuche um 744 Prozent. Möglich wurde das durch die rasante Ausbreitung des Internets. Mittlerweile gibt es etliche Seiten, die tausende von Hausarbeiten, Referaten und sogar Diplomarbeiten anbieten (siehe Kasten).
Einige Studenten, die sich mit fremden Feder schmücken, schätzen die Chance entdeckt zu werden, offenbar als minimal ein. Also versuchen sie es. "Ich hatte schon Fälle, in denen waren nur zwei Worte des Aufsatzes geändert worden, nämlich der Vor- und der Nachname des Autors", seufzt Debora Weber-Wulff.
Um Kollegen eine Hilfestellung zu geben, hat die Professorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft nun ein Lernpaket zusammengestellt. Unter anderem besteht es aus zehn Aufsätzen zu mehr oder weniger abseitigen Themen. Es geht zum Beispiel um den Lebensraum des Grasfrosches, die Geschichte des Döners oder die Herstellung von Ahornsirup.
An den Texten können die Dozenten sich im Aufspüren von Plagiatsarbeiten schulen. Zwei bis drei Stunden dauert der kostenlose Internet-Schnellkurs unter dem Titel "Fremde Federn finden". Der künftige Plagiat-Experte kann die Aufsätze als Plagiat oder als Original einstufen und erhält dann die Auflösung samt Tipps: "Wie hätte ich das Plagiat erkennen können?" und "Wie hätte ich es mit Google gefunden?" Tatsächlich genügt es oft, ganze Sätze aus einem mutmaßlichen Plagiat in die Suchmaschine einzugeben, um die Quelle des Textes zu finden und den Kopierer zu entlarven.
Als die Medieninformatikerin Weber-Wulff vor einigen Jahren einen Aufsatz zum Thema Plagiatserkennung veröffentlichte, bewiesen Zuschriften aus dem ganzen Land, dass sich Lehrer und Professoren bereits zu Spürnasen entwickelt haben. Frank Möbus, Philologe in Göttingen, schrieb: "Es ist schon ärgerlich, dass wir inzwischen zu misstrauischen Schnüfflern geworden sind. Aber es hilft ja nichts." Der Hochschullehrer gab auch gleich den Tipp, die elektronischen Papierkörbe der Rechner in Seminarbibliotheken zu überprüfen. Dort fänden sich oft zahlreiche Indizien für Plagiate.
Auch dem Deutschen Hochschulverband ist das Thema ein Dorn im Auge. In einer Resolution zitiert der Verband eine Umfrage der Internetseite hausarbeiten.de. Ihr zufolge geben vier Prozent der Nutzer dieser Homepage zu, Inhalte, die eigentlich nur als gute Beispiele dienen sollen, abzukupfern. "Ich vergebe Themen, um Studenten zum kritischen Denken anzuregen", sagt Debora Weber-Wulff. Aus den eigenen Ideen der Studenten entwickele sich dann der wissenschaftliche Diskurs. "Durch das Plagiieren bleibt der jedoch auf der Strecke", klagt die Dozentin.
Der Kampf gegen das Abkupfern beginnt am besten bereits bei der Themenvergabe. "Man muss Aufgaben stellen, die nicht abgegrast sind. Meinem Englisch-Leistungskurs brauche ich nicht mit Harry-Potter-Passagen oder ähnlichen viel diskutierten Themen zu kommen", sagt Jutta Krüsken, Gymnasiallehrerin aus München. Dass solche Maßnahmen helfen, zeigt die Einschätzung von Stephan, einem Studenten der Geologie aus Köln, der anonym bleiben möchte. "Bei uns sind die Themen für Studienarbeiten so speziell, dass man im Internet gar keine Vorlage finden kann."
Auch Oberstudiendirektorin Verena Kopp-Kast vom Gymnasium in Gengenbach im Schwarzwald kennt Plagiatsprobleme: "Wenn ein Schüler in einer Biologie-Seminararbeit mit allzu hochtrabenden Fachbegriffen um sich wirft, dann wundere ich mich schon." Im Unterricht könne man aber durch Zwischenfragen leicht herausfinden, ob der Schüler abgeschrieben, oder ob er den Stoff wirklich verinnerlicht habe, sagt die Pädagogin. "Überführte beichten dann meist kleinlaut. Und wenn ich sehe, dass sie den Stoff verstanden haben, bekommen sie eine neue Chance", berichtet Kopp-Kast.
Universitäten gehen mittlerweile rigoroser vor. Etliche Hochschulen folgen einer Empfehlung des Hochschulverbandes und legen in ihren Studienordnungen fest, dass Internetplagiate zum Ausschluss von den Prüfungen führen können. So gehen beispielweise die Universitäten in Frankfurt (Oder), Halle und Hamburg vor.
"Doch nicht alle Studenten, die außergewöhnliche Leistungen zeigen, sollten gleich verdächtigt werden", warnt Debora Weber-Wulff. Sie berichtet von einem Aufsatz in ihrem Lernprogramm, der von vielen für ein Plagiat gehalten wurde, weil er so hervorragend geschrieben war. "Er ist aber ein Original. Es gibt eben auch brillante Köpfe unter den Studenten."
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Das Lernprogramm im Internet:
plagiat.fhtw-berlin.de
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Plagiate und ihre Quellen // Lehrer und Professoren sollten auf den folgenden Seiten nach Originaltexten suchen, wenn sie befürchten, getäuscht zu werden. Denn viele Schüler und Studenten kopieren ihre Hausarbeiten von dort, obwohl das eigentlich den Nutzungsbedingungen widerspricht.
www.hausarbeiten.de: Mehr als 35 000 Texte von Afrikastudien bis zu den Wirtschaftswissenschaften. Das Herunterladen ist teilweise kostenpflichtig. Die Seite enthält Anleitungen zum Zitieren und zur Gestaltung von Hausarbeiten.
www.young.de: Die Seite enthält Kunterbuntes aus der Welt von Schülern und Studenten, darunter auch Hausarbeiten und Referate. Sie ist jung und poppig aufgemacht. Angeboten werden vor allem Schülerarbeiten; es gibt etwa 8 000 davon.
www.fundus.org: Mehr als 14 000 Referate sind übersichtlich in sechsundzwanzig Fachrichtungen unterteilt. Die Texte beziehen sich zumeist auf die Fächer Deutsch, Geschichte, Geographie und Biologie. Der Download der Dateien ist kostenfrei.
www.zum.de: Die Zentrale für Unterrichtsmedien ist eigentlich als Informationsportal für Lehrkräfte gedacht. Dennoch können auch Schüler die ausführlichen Hintergrundmaterialien nutzen. Die Seite gilt als Geheimtipp - zum Beispiel, wenn Schüler die deutsche Übersetzung lateinischer Klassiker suchen.
www.yahoo.de: Unter dem Link "Forschung und Wissenschaften" weist das Internetportal den Weg zu Hausarbeiten und Referaten aus vielen Fachrichtungen. (sha.)
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Foto: Seitdem in Universitäten Internetcomputer zum Standard gehören, fälschen immer mehr Studenten ihre Arbeiten. Vorlagen für Plagiate finden sich zuhauf im Netz.